Politik

Kalte Jahreszeit an der Front Im Kriegswinter droht der Grabenfuß - das hilft der Ukraine

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Schlamm überall: Ein ukrainischer Panzersoldat an der Front im Donbass

(Foto: picture alliance / AA)

Die Bedingungen im Ukraine-Krieg werden immer lebensfeindlicher. Die Bevölkerung leidet unter russischen Angriffen auf die kritische Infrastruktur, die Soldaten frieren in den Schützengräben. Dennoch hat die Ukraine bei diesen Bedingungen Vorteile.

Es ist vergleichsweise ruhig geworden in der Ukraine. Nach der spektakulären Befreiung der Großstadt Cherson durch die ukrainische Armee gab es in den vergangenen Tagen und Wochen deutlich weniger Bewegung an der Front. Die Kämpfe um Bachmut dominieren das Geschehen, haben strategisch aber eher eine geringe Bedeutung.

Dass es derzeit keine großflächigen Geländegewinne auf beiden Seiten gibt, überrascht angesichts der Jahreszeit aber kaum. "Aktuell befinden wir uns im Übergangsbereich zwischen der Rasputiza und dem Winter", erklärt ntv-Meteorologe Björn Alexander im Podcast "Wieder was gelernt". Erst wenn die Böden großflächig zufrieren, so die einhellige Meinung von Militärexperten, sind größere Veränderungen an der Front zu erwarten. Denn erst dann können Panzer wieder längere Strecken zurücklegen, ohne sich im Schlamm festzufahren.

Die Rasputiza, das ist die russische Bezeichnung für die Schlammzeit. Im Herbst und Frühling kommen Fahrzeuge in der Ukraine, Belarus und Russland nur noch auf befestigten Straßen voran, weil der Herbstregen und im Frühjahr das Tauwetter die Landschaft aufweichen und unbefahrbar machen. Genau so sieht die Landschaft in der Kriegsregion derzeit aus, berichtet Alexander. "Die letzten Wochen waren sehr nass, die Böden sind aufgeweicht. Aktuell ist es ziemlich kalt. In Kiew und Charkiw sind die Temperaturen nachts vereinzelt sogar auf minus 10 Grad gesunken."

Kalte Nässe ist besonders gefährlich

Dennoch sieht der Meteorologe derzeit noch keinen massiven, nachhaltigen Wintereinbruch in der Ukraine. Aber es spreche viel dafür, dass der härteste Teil der kalten Jahreszeit bald beginne. Dann frieren die Böden monatelang zu und sind für schweres Kriegsgerät wieder leichter befahrbar.

Der Kernwinter in der Ukraine zieht sich in der Regel von Dezember bis Februar. Auch im März oder sogar April kann es zeitweise noch richtig kalt werden, mit Temperaturen von unter minus 10 Grad. Das haben die Soldaten bereits in den Anfangsphasen des Kriegs erlebt, als die Russen am 24. Februar bei ihren Nachbarn einfielen.

"In der Langfristprognose wird der Dezember in der Nordukraine als etwas zu kalt bewertet. Also wird hinten raus im Monat noch etwas an Kälte kommen. Der Januar, Februar und März sind tendenziell etwas zu warm in der Langfristprognose. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass es nicht auch extrem kalte Phasen geben kann. Es geht ja hier um einen Durchschnittswert", erklärt Alexander bei "Wieder was gelernt".

Besonders problematisch ist die Zeit der kalten Nässe. Dann ist die Front schlammig und rutschig. Weder Panzer noch Soldaten kommen gut voran. Jeder Meter zu Fuß ist kräftezehrend. Gefahr droht nicht vom Feind, sondern von als Grabenfuß genannten Füßen, die sich entzünden. Das passiert, wenn Füße zu lange in feuchten Schuhen stecken, und gilt als eine der gefährlichsten Soldatenkrankheiten. Im Extremfall kann der Grabenfuß sogar tödlich enden.

Ukrainische Soldaten im Vorteil

Vor allem im Osten der Ukraine haben die Soldaten aber zum Teil schon jahrelange Erfahrung damit gemacht und können sich entsprechend vorbereiten. "Es gibt Hinweise darauf, dass die Ukrainer, die seit Jahren an der Donbass-Kampflinie eingesetzt werden, sich mit diesen Bedingungen arrangiert haben. Sie achten auf Möglichkeiten, ihre Kleidung zu wechseln", erklärt Militärexperte Thomas Wiegold bei ntv. "Das ist bei den zusammengewürfelten russischen Verbänden so anscheinend nicht gewährleistet."

Anders als russische Soldaten können ukrainische Streitkräfte zudem darauf hoffen, höherwertiges Material für den Winter zu bekommen. Anders als bei der Lieferung von Kampfpanzern wird sich kein westlicher Militärpartner gegen die Lieferung von Schlafsäcken, Heizgeräten, Kälteschutzjacken oder Wintermützen stellen.

Die Russen dagegen haben nicht genügend hochwertige Ausrüstung. Immer wieder gibt es Berichte über schlechte Bedingungen für die russischen Soldaten. Sie erhalten Gummi- statt Winterstiefel, einberufene Reservisten kaufen auf eigene Kosten Stiefel oder Schutzwesten. Nach der Mobilmachung wurden Ausrüstungsgeschäfte von den Wehrfähigen überrannt, leere Regale waren die Folge.

"Nehmen wir das Beispiel warme Unterwäsche. Da werden wir wahrscheinlich eine extrem hohe Nachfrage sehen. Das ist etwas, was sich die Soldaten sehr oft selbst kaufen. Sie gehen nicht davon aus, dass der Staat sie mit guter Kleidung versorgt", erklärt auch Politikwissenschaftler Alexander Libman vom Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin bei "Wieder was gelernt".

Große Ungleichheit unter russischen Soldaten

Moskaus Armee scheint auf einen langen, kräftezehrenden Winterkrieg nicht gut vorbereitet. Militärexperte Thomas Theiner rechnet deshalb allein in den kommenden Monaten mit 100.000 toten russischen Soldaten, nicht nur, weil ihnen oftmals die benötigte Ausrüstung zu fehlen scheint. Auch an Unterschlüpfen, um sich vor der Kälte zu schützen, mangelt es. Die Russen könnten auch kein Feuer machen, weil sie damit den Ukrainern ihre Standorte verraten würden, erklärte Theiner zuletzt bei Twitter.

Das trifft zwar auch auf die ukrainische Armee zu, aber die Soldaten von Kiew genießen neben der westlichen Unterstützung einen weiteren Vorteil: Sie haben den Rückhalt der eigenen Bevölkerung, sie können sich in Dörfern nahe der Front bei noch nicht evakuierten Bewohnern zeitweise aufwärmen.

Unter diesen Umständen, ist nicht davon auszugehen, dass Russland am Boden große Geländegewinne erzielt. Moskaus Truppen dürften stattdessen weiterhin versuchen, mit Angriffswellen auf die Infrastruktur den Ukrainern das Leben unerträglich zu machen. So will man die Moral der Ukrainerinnen und Ukrainer brechen. "Wir müssen einfach mal an unsere eigenen Wohnzimmer denken. Wir fangen ja schon bei 18 Grad an zu zittern. Die Menschen in der Ukraine haben locker 20, 25 Grad weniger. Sie können nicht mehr ihrem normalen Leben nachgehen, weil sie dahin müssen, wo Wärme ist. Die Situation ist dramatisch. Wir steuern auf eine humanitäre Katastrophe zu", sagt Sicherheitsexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) im "Stern"-Podcast "Ukraine - die Lage".

Weitere ukrainische Gegenoffensiven wahrscheinlich

Diese humanitäre Katastrophe dürfte für einen weiteren Flüchtlingsstrom in Richtung Europa sorgen. Und das scheint Putins Kalkül zu sein. Der Kreml-Chef will die westliche Wirtschaft und Demokratie schwächen, die Unterstützung für die Ukraine aushöhlen. Putin rechnet damit, dass der Westen die Ukraine irgendwann nicht mehr so stark unterstützt und Kiew zu einem Waffenstillstand bewegt.

Thomas Wiegold geht aber nicht davon aus, dass es zu diesem Szenario kommt. Die Motivation der Ukrainerinnen und Ukrainer sei weiterhin hoch, sagt er - und erwartet deshalb gerade in den Wintermonaten weitere Großoffensiven der ukrainischen Armee. Denn, je mehr sich die Frontlage festfahre, desto schwieriger werde es, gegen im Frühling möglicherweise umgruppierte Russen Gelände zurückzugewinnen. "Die Ukraine befürchtet, dass es umso schwieriger wird, die Russen aus dem Land zu drängen, wenn sich die Front festsetzt."

Die US-Geheimdienste schätzen die Situation anders ein. Derzeit würden sowohl Russen als auch Ukrainer den Fokus darauf legen, ausreichend Nachschub zu besorgen, um sich auf Offensiven im Frühling vorzubereiten, heißt es aus den Vereinigten Staaten. Das derzeit "reduzierte Tempo des Konflikts" werde sich in den kommenden Monaten so fortsetzen.

"Russland ist hilflos"

Christian Mölling teilt dagegen die Einschätzung von Wiegold. "Ich glaube nicht an die von vielen beschriebene Winterpause", sagt der Sicherheitsexperte im "Stern"-Podcast. "Natürlich ändern die Witterungsverhältnisse die Art und Weise, wie man den Krieg führen kann, aber es führt nicht dazu, dass auf einmal die Waffen schweigen."

Mölling erwartet weitere "Artillerieduelle". Ob es der Ukraine tatsächlich gelingt, die Russen weiter zurückzudrängen, hänge von der Unterstützung aus dem Westen ab. "Das ist und bleibt entscheidend. Russland ist letztendlich hilflos, befindet sich nach den ersten Erfolgen des Blitzkriegs in der ersten Phase des Krieges quasi ständig auf dem Rückzug und kann nur diese Infrastruktur-Kriegsführung machen. Aber auch das hat wenig Erfolg, denn es dauert teilweise nur Stunden, bis größere Schäden behoben sind."

Christian Mölling sieht die Ukraine trotz der massiven russischen Angriffe auf die kritische Infrastruktur gut gerüstet. Und sobald der Boden auf breiter Front gefriert, dürfte sich im Kriegsgeschehen wieder mehr tun. Liegen die Temperaturen dauerhaft unter dem Nullpunkt, sind wieder größere Manöver mit schwerem Gerät möglich.

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Quelle: ntv.de

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