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Exodus der jüdischen Franzosen "In Israel sterben mehr durch Terror"

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Die vier in einem kosheren Supermarkt ermordeten jüdischen Franzosen wurden in Jerusalem beigesetzt. Auch viele französischstämmige Israelis kamen, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen.

(Foto: imago/UPI Photo)

Premierminister Netanjahu fordert die französischen Juden auf, nach Israel zu kommen. Das findet Meir Shalev nur lächerlich. Im Interview mit n-tv.de spricht der israelische Schriftsteller darüber, was in seiner Heimat falsch läuft. Und erklärt, warum Gott nachtragend sein kann.

n-tv.de: Herr Shalev, ein Thema nach den Terroranschlägen in Paris war die verstärkte Abwanderung von Juden aus Frankreich nach Israel. Sie fürchten den Antisemitismus in Ihrem Land, fühlen sich nicht mehr willkommen. Die israelische Regierung breitet nun die Arme weit aus.

Meir Shalev: Es ist so lächerlich, dass Premierminister Benjamin Netanjahu die französischen Juden auffordert, ins sichere Israel zu kommen. In Israel sterben bedeutend mehr Menschen durch terroristische Anschläge als in Frankreich.

In Ihren Büchern beschäftigen Sie sich oft mit archaischen Themen wie etwa der Blutrache in "Zwei Bärinnen". Wie kommt es, dass so etwas immer wieder in unsere vermeintlich moderne Welt eindringt? Was in Frankreich passiert ist, war keine Blutrache, wurde aber von den Terroristen als eine Racheaktion deklamiert.

Das war etwas völlig anderes. Mit Blutrache kann ich mich - zumindest theoretisch - identifizieren. Ich hätte auch das Verlangen, den Mörder eines Verwandten, eines Freundes, eines eigenen Kindes umzubringen. Ich würde es nur nicht tun, weil ich das Gesetz fürchte. Was in Frankreich passiert ist, war eine Rache, die aus einem Gefühl der Schwäche kommt. Wenn du wirklich an die Stärke deiner Religion glaubst, an deren Werte, deren Ideale, dann brauchst du so etwas nicht zu tun. Dann können alle Leute, die sich darüber lustig machen, tun, was immer sie möchten.

Wie sollte eine Gesellschaft auf Taten reagieren, deren Motivation religiös verletzte Gefühle sind?

Es gibt Unterschiede zwischen den Kulturen. Für uns als jüdisches Volk ist etwa die Beschneidung der männlichen Babys natürlich. Für andere ist das eine sehr brutale Zeremonie. Es gibt Gesellschaften, in denen Mädchen beschnitten werden, Zehnjährige geheiratet werden können. Es gibt Kulturen, in denen Geld mehr wert ist als Kreativität oder Intelligenz. Aber es gibt viele Dinge, die sich in der gesamten Menschheit nicht unterscheiden: Mord ist in keiner Kultur erlaubt, Inzest ist überall verboten. Wenn du das tust, wirst du dafür bestraft. Ich denke, hier sollte das Gesetz sprechen und auch die innere Moral jeder Privatperson.

Eine Frage, die im Rahmen der Ereignisse um die Ermordung der französischen Karikaturisten des Satiremagazins "Charlie Hebdo" immer wieder aufkam, war: "Hat Gott Humor?"

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Meir Shalev ist einer der bekanntesten israelischen Autoren. Hierzulande erscheinen seine Werke im Diogenes Verlag, wie auch sein jüngstes Buch "Zwei Bärinnen". Neben seinen Romanen und Kinderbüchern hat Shalev auch einige Werke über das Alte Testament veröffentlicht. Er lebt in Jerusalem und Nord-Israel.

(Foto: Bastian Schweizer / Diogenes Verlag)

Hat Gott Humor? Dieser Gott? (zeigt mit dem Finger fragend nach oben) Nun ja, das kommt auf die Menschen an, die ihn erschaffen haben. Ich glaube, dass der Gott, von dem wir wissen - vielleicht gibt es einen, von dem wir noch nichts wissen - aber der über den wir in der Bibel und im Koran lesen, eine menschliche Kreation ist. Also hat die Frage damit zu tun, wer gerade über ihn geschrieben hat.

Im Alten Testament verhält sich Gott oft wie ein eifersüchtiger Ehemann. Manchmal ist er sehr aggressiv und rachsüchtig, manchmal versöhnlich. Nur im Buch Jona zeigt er Humor. Jona kommt nach Ninive um zu verkünden, dass die Stadt zerstört werde. Doch dann überlegt es sich Gott anders, weil die Niniviten um Vergebung bitten. Jona ist dann total frustriert, weil seine Prophezeiung sich nicht erfüllt. Den letzten Dialog zwischen Jona und Gott finde ich sehr komisch. Gott fragt sarkastisch: Bist Du wirklich verärgert? Und Jona antwortet ihm: Ich bin so verärgert, dass ich sterben will. Daraufhin macht Gott ihm klar, dass Jonas Prestige als Prophet weit weniger wichtig ist als das Leben der armen Menschen aus Ninive.

Warum ist der Gott im Alten Testament so nachtragend?

Ich denke, als das jüdische Volk sich für einen einzigen Gott, für Monotheismus entschieden hat, haben sie Gott etwas Furchtbares angetan. Wenn man das Leben von Zeus mit dem unseres Gottes vergleicht, hat Zeus ein wirklich soziales Leben. Er hat ein Liebesleben, schläft mit Damen im ganzen Mittelmeerraum. Er hat Söhne, eine eifersüchtige Ehefrau, eine kluge Tochter, er hat jede Menge zu tun, auch ohne uns. Aber unser Gott ist so einsam im Himmel, dass er sich die ganze Zeit mit uns beschäftigt und uns das Leben schwer macht. Er scheint gelangweilt zu sein.

Schwer ist das Leben derzeit nicht nur zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Europa, auch in Israel ist nach dem Krieg im Sommer der Ton sehr aggressiv geworden. Woran liegt das?

Das liegt daran, dass die Leute frustriert sind. Keiner kann seine Ideologien erfüllen. Der rechte Flügel realisiert, dass sie ihre Ideen nicht umsetzen können. Der linke Flügel ist frustriert, weil es keine Verhandlungen mit den Palästinensern gibt. Die Palästinenser haben es nicht geschafft, sich von unserer Unterdrückung zu befreien. Jeder ist wirklich frustriert und die einzige Art, das auszudrücken, ist fluchen und spucken.

Viele israelische Autoren und Künstler haben berichtet, dass sie regelrecht bedroht werden. Sie sind als linker Autor und Publizist bekannt. Werden Sie auch angegriffen?

Ich kriege manchmal Drohungen, unangenehme Briefe, Mails. Aber nichts, worüber ich mir ernsthaft Sorgen mache. Ich publiziere nicht im Internet, auch wenn ich dort oft zitiert werde. Ich mag einfach den Ton der Kommentare nicht. Es ist zu leicht, einen Kommentar abzugeben. Jeder hat das Recht, nicht meiner Meinung zu sein. Aber ich arbeite viele Stunden an meinen Artikeln. Und dann schreibt jemand einfach: "Meir Shalev ist ein Idiot" und drückt auf "Senden". Das ist keine Art zu diskutieren. Auf einer Demonstration wurde mir einmal ins Gesicht gespuckt. Dasselbe passiert im Grunde im Internet: Es wird gespuckt. Es ist leicht, es kommt aus dem Moment und es sagt nichts über die Artikel aus.

Mitte März stehen in Israel Neuwahlen an. Was erhoffen Sie sich, was erwarten Sie?

Ich bin ein Linker, natürlich hoffe ich, dass wir einen Regierungschef von der linken Seite der politischen Landkarte bekommen. Aber ich hoffe besonders auf jemanden mit Werten, Kraft, Glauben und einer Vision. Einer, der fähig ist, Entscheidungen zu treffen. Und meine Hoffnung ist, dass die Palästinenser auch eine solche Führungspersönlichkeit kriegen, weil sie auch einige Opfer werden bringen müssen.

Momentan schaffen es sowohl israelische als auch palästinensische Führer, Entscheidungen zu vermeiden. Sie beschuldigen alle, es gibt gegenseitige Gewaltakte. Keiner traut sich wirklich, große Entscheidungen zu fällen.

Was wären das für Entscheidungen?

Bis heute gibt es nur eine Lösung und jeder weiß das: Israel muss die Territorien evakuieren, die wir 1967 okkupiert haben. Und die Palästinenser müssen den UN-Teilungsplan von 1948 akzeptieren. Sie müssen die Idee aufgeben, dass die Flüchtlinge von 1948, also nicht sie, sondern ihre Enkel, nach Hause kommen werden.

Aber ich befürchte, dass wir zu lange gewartet haben. Ich habe Angst, dass wir den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, bereits überschritten haben. Dass Israel praktisch nicht in der Lage sein wird, die Siedlungen aufzulösen. Dass die Palästinenser niemals ihr Recht auf Rückkehr aufgeben werden. Das sind die beiden großen Klippen.

Mit Meir Shalev sprach Samira Lazarovic

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Quelle: n-tv.de

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