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"Charlie Hebdo" schreckt nicht vor harter Religionssatire zurück.
"Charlie Hebdo" schreckt nicht vor harter Religionssatire zurück.(Foto: imago stock&people)

Satire, Witz und Religion: Hat Gott eigentlich Humor?

von Fabian Maysenhölder

Wer sich über Religion lustig macht, muss um sein Leben fürchten. Drastisch scheinen die Vorgänge in Frankreich zu belegen, dass Religion und Humor nicht zusammenpassen. Dabei sind es nur die Fundamentalisten, die keinen Spaß verstehen – ob Muslime oder Christen.

"Auch Gott hat Sinn für Humor. Schau dir das Schnabeltier an." Mit diesen Worten beginnt die Religions- und Kirchensatire "Dogma", ein Film aus dem Jahr 1999. Kevin Smith, der Regisseur, erhielt nach dem Kinostart Morddrohungen. Es ist eine traurige Tatsache, dass satirische Annäherung an das Thema Religion immer wieder in Gefahr steht, brutale Gewalttaten auszulösen. Das jüngste Beispiel in Frankreich ist nur eines von vielen – und die Problematik keineswegs auf Islamisten beschränkt. Obwohl fundamentalistische Christen meist nicht zu Waffen greifen, gibt es auch aus dieser Ecke immer wieder Gewaltdrohungen gegen Satiriker, Kritiker und deren Familien. Fundamentalisten scheinen also weitgehend humorfrei zu sein. Aber vielleicht hat wenigstens ein Gott Humor, der, wenn er existiert, sich auch das Schnabeltier ausgedacht haben muss?

In den religiösen Traditionen unterschiedlichster Art wurde immer wieder mit Komik und Humor auf den eigenen Glauben geblickt. Schon das Alte Testament wäre missverstanden, wenn man es durchweg als humorlose Büchersammlung betrachtet. Heute wird dies im Allgemeinen getan. Schlicht deshalb, weil viele komische Dimensionen nicht mehr erkannt werden, da sie aus einem völlig anderen kulturellen wie historischen Kontext stammen. Ein absoluter Pointen-Killer, wie jeder weiß, der schon einmal versucht hat, einen Witz zu übersetzen, der mit der eigenen Kultur zu tun hat.

Die Bibel - ein humorloser Schinken?

Ein Graffito aus dem 2. oder 3. Jahrhundert - frühe Christentumssatire. "Alexamenos betet seinen Gott an", steht da bei einer Abbildung eines Mannes, der einen gekreuzigten Esel anhimmelt.
Ein Graffito aus dem 2. oder 3. Jahrhundert - frühe Christentumssatire. "Alexamenos betet seinen Gott an", steht da bei einer Abbildung eines Mannes, der einen gekreuzigten Esel anhimmelt.(Foto: Public Domain/Wikimedia)

Die Theologin und Clownin Gisela Matthiae hat sich ausführlich mit Humor in der Bibel beschäftigt. Dabei geht sie nicht nur auf komische Erzählungen ein, sie beschreibt auch die stilistischen Mittel der Komik, mit deren Hilfe die biblischen Autoren ihre Botschaften transportierten und pointierten. Galgenhumor, Sarkasmus, Karikaturen oder Parodien – all dies findet sich in den bis heute überlieferten Texten. Eine ihrer Lieblingserzählungen ist, wie sie n-tv.de verrät, die Heilung eines Menschen, der von einem Dämon namens "Legion" besessen war – nachzulesen im Markusevangelium, Kapitel fünf. "Das ist feiner politischer Spott", sagt Matthiae. Denn der Kranke werde durch die "Legion" mit der römischen Besatzungsmacht gleichgesetzt. Jesus jagt den Dämon schließlich in eine Herde von zweitausend Säuen - im Judentum unreine Tiere -, die daraufhin im See ersaufen. Auch das eine subtile Kritik: Es habe eine römische Legion gegeben, deren Wappentier ein Eber war. "Ein Stück biblische Satire", erklärt Matthiae.

Mit Blick auf die christliche Theologiegeschichte hält der Religionssoziologe Peter L. Berger fest, sie sei "größtenteils eine deprimierend weinerliche Angelegenheit". Auch wenn diese Beobachtung zweifelsohne stimmt - immer wieder hat es in der Praxis auch Gegenbeispiele gegeben. Vor allem im sonst so düster betrachteten Mittelalter. Gisela Matthiae verweist etwa auf lustige Theaterstücke in Klöstern, die auch die eigene Tradition auf die Schippe nahmen. Oder die Tradition des Osterlachens, das sehr lange zum Brauch gehörte, bei dem die Menschen mitunter "sehr derb" und auch durch obszöne Anspielungen zum Lachen gebracht werden sollten. Auch bei den "Narrenmessen" im Mittelalter sei es mitunter heiß her gegangen: "Das war sehr viel ausgelassener, als wir uns das heute vorstellen können: Da wurden zum Beispiel Würste auf dem Altar verspeist oder Schuhsohlen im Weihrauch verbrannt", so Matthiae.

Doch nicht nur im Christentum, auch im Islam hat Humor Tradition. Vom Propheten Mohammed wird überliefert, dass er durchaus zu Scherzen aufgelegt gewesen sein soll. Dutzende Mal wird in Hadithen von einem lachenden Propheten gesprochen - und davon, wie er humorvoll auf diverse Anfragen seiner Anhänger reagiert. Eine Übersetzung von Beispielen scheitert leider meist an den genannten kulturellen und historischen Unterschieden.

Für die Verständigung von Religionen sei Humor aber ein gutes Mittel, sagt Matthiae – er bewahre nämlich davor, sich selbst zu ernst zu nehmen. "Wir stehen zu unserer Religion, wir finden sie wichtig und haben eine emotionale Bindung dazu. Aber trotzdem behalten wir uns vor, kritisch darauf zu schauen, wo wir uns selbst zu ernst nehmen." Denn wo Menschen aufeinandertreffen, die nicht in der Lage sind, sich selbst, ihre Ansichten oder Traditionen zu hinterfragen, ist kein vernünftiger Dialog möglich.

"Religion ohne Humor ist gefährlich"

Und so entpuppen sich Humor und Satire nicht nur als Teil der Religionsgeschichte, sondern auch als wichtige Elemente der Religion. Humor, weil er aus der Innenperspektive einer Weltanschauung eine selbstkritische Haltung aufrechterhält. "Humor ist die Haltung, die immer wieder nachfragt: Warum ist etwas, wie es ist – und nicht anders?", sagt Matthiae. Humor wirkt antifundamentalistisch und antifanatisch, weil er angeblich in Stein gemeißelte Dogmen auf's Korn nimmt. Der Landesrabbiner von Schleswig-Holstein bringt es in einem Gespräch mit dem Deutschlandradio auf den Punkt: "Nicht Religion an sich ist gefährlich, sondern Religion ohne Humor ist gefährlich."

Aber auch distanzierende Satire aus der Außenperspektive auf eine Religion erfüllt einen wichtigen Zweck. Eine scharfe, klare Satire "deckt das auf, was wir in der Regel zudecken" – so formuliert es die christliche Theologin Matthiae. Genau deshalb aber ist gute Religionssatire wichtig. Sie wirkt korrigierend, weil sie Missstände offenlegt und diese der Lächerlichkeit preisgibt.

Das kann verletzend sein für jemanden, der tief in einer Religion verwurzelt ist. Doch darauf Rücksicht zu nehmen, ist nicht Aufgabe der Satiriker. Wer einen Glauben vertritt, muss auch damit leben, dass sich andere darüber lustig machen. Und Gott? Wer an ein höheres Wesen glaubt und ihm den Humor abspricht – macht der seinen Gott nicht letztlich kleiner als sich selbst? Und seien wir mal ehrlich: Das Schnabeltier sieht wirklich lustig aus.

Quelle: n-tv.de

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