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Forscher rügen Corona-Strategie Kein unbeschwertes Fest ohne härtere Regeln

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Um eine erhöhtre Kontaktrate an Weihnachten zu kompensieren, müssten die Fallzahlen wieder auf 2000 Neuinfektionen pro Tag sinken.

(Foto: picture alliance/dpa)

Um Weihnachten mit Familie und Freunden zu ermöglichen, verlängern Bund und Länder den Teil-Lockdown - offenbar in der Hoffnung, dass die Fallzahlen bis Ende Dezember deutlich sinken. Doch Forscher haben erhebliche Zweifel daran, dass das gelingt. Sie halten weitere Einschränkungen für unumgänglich.

Mehrere Virologen und Gesundheitsexperten üben Kritik an den geplanten Lockerungen der Corona-Beschränkungen an Weihnachten. "Ich glaube nicht, dass wir die Zahlen bis dahin so weit runtergedrückt haben, dass wir da entspannt sein können, und ich halte es für keine gute Idee zu lockern", sagt etwa die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Institut für Infektionsforschung. Es sei zwar wichtig, dass Menschen an Weihnachten nicht alleine blieben. Man solle aber nur eine begrenzte Zahl von Menschen treffen und aufpassen, dass man keine älteren Menschen anstecke.

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Melanie Brinkmann ist Virologin am Helmholtz-Institut für Infektionsforschung.

(Foto: imago images/Jens Schicke)

Um das Risiko von Corona-Ansteckungen bei Feiern an Weihnachten und Silvester entscheidend zu senken, muss die Pandemie laut den Wissenschaftlern zuvor deutlich eingedämmt werden. Doch das ist schwierig. Denn nicht alle Infizierten können derzeit identifiziert werden. Bei täglich rund 20.000 Neuinfektionen in Deutschland reichten die Testkapazitäten dafür nicht aus, sagt Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. Damit steige die Dunkelziffer. Einer Modellrechnung zufolge sind derzeit bis zu doppelt so viele Infektionen unentdeckt wie bekannt.

"Die Feiertage sind wirklich eine Herausforderung", so Priesemann. Nicht nur, dass viele Menschen an Weihnachten nach Hause reisten, um mit ihren Familien zu feiern - wenige Tage später an Silvester träfen sie dann im Freundeskreis mit völlig anderen Gruppen zusammen. "Das öffnet den Viren ganz neue Wege, die sie sonst nicht hätten." Die Treffen an sich wären kein Problem, sagte die Forscherin, "wenn wir genug Tests hätten und die Infizierten alle vorher gefunden werden würden". Leider sei das nicht der Fall.

Mehr als 25.000 Neuinfektionen im Januar?

Ähnlich argumentieren Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich und des Frankfurt Institutes for Advanced Studies. Sie haben in einer Modellrechnung ermittelt, wie sich die vermehrten Kontakte an den Feiertagen auf das Infektionsgeschehen auswirken können. "Mögliche vermehrte Kontakte zu Weihnachten und Silvester könnten als neue Quellen zusätzlich zur Ausbreitung des Virus beitragen." Diesen "Weihnachtseffekt" vergleichen die Wissenschaftler mit einer schon zweimal in diesem Jahr beobachteten Entwicklung: den Zuwächsen bei Neuinfektionen zur Zeit der Winter- und Sommerferien vor allem durch Reiserückkehrer.

"Über Weihnachten und Silvester könnte Ähnliches passieren, wenn Besuche innerhalb Deutschlands die Infektion bundesweit verteilen, selbst wenn Reisen in stärker betroffene Gebiete im Ausland gar nicht stattfinden", schreiben sie. Die Forscher haben zwei Szenarien durchgerechnet: Im besten Fall bliebe die Kontaktrate über Weihnachten konstant, weil zum Beispiel wegfallende Kontakte im Arbeitsleben oder in Schulen einen geringen Anstieg durch Familienbesuche ausgleichen. Die Neuinfektionen würden dann für den Fall, dass fast alle Maßnahmen nach dem 20. Dezember aufgehoben werden, kurz absinken und bis etwa Mitte Januar auf ein Niveau wie Ende Oktober steigen - auf etwa 20.000 Neuinfektionen täglich.

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Die Forscher haben zwei Szenarien errechnet, wie sich die Infektionszahlen entwickeln könnten.

(Foto: Forschungszentrum Jülich / FIAS)

Für den schlechtesten Fall gehen die Wissenschaftler hingegen davon aus, dass es infolge der Besuche zu Weihnachten und Silvester zu einer deutlich - um 50 Prozent - erhöhten Kontaktrate kommt. Dann würden die Fallzahlen der Berechnung zufolge im Januar die Marke von 25.000 Neuinfektionen pro Tag reißen. Für den Fall, dass einige Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen noch länger aufrechterhalten werden, verliefe die Kurve deutlich unter dem Wert von 20.000 Neuinfektionen - wenn auch mit einem kurzen Anstieg nach Weihnachten.

"Alle Bausteine zu nehmen, die man hat"

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Um das Worst-Case-Szenario zu verhindern, hält es Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für notwendig, die Zahl der Neuinfektionen schon im Vorfeld deutlich zu senken - auch um wieder ein genaueres Bild der Infiziertenzahlen zu erhalten. Erst bei einer Reduzierung der Fallzahlen auf 2000 beispielsweise hätten die Gesundheitsämter wieder eine Chance, Kontakte schnell nachzuvollziehen, so Priesemann. Die Reproduktionszahl, die angibt, wie viele Menschen ein Erkrankter ansteckt, liege seit einigen Wochen infolge des Teil-Lockdowns in etwa bei 1. Dieser R-Wert sei im ersten Lockdown zeitweise auf unter 0,7 gedrückt worden.

Länder wie Belgien, Frankreich, Tschechien und die Schweiz hätten das mit strengen Maßnahmen auch in der zweiten Welle geschafft, sagte Priesemann. "Aus unserer Sicht ist es sinnvoll, alle Bausteine zu nehmen, die man hat, um die Zahlen zügig in zwei, drei Wochen wirksam zu senken." Doch diese Chance hat die Bundesregierung nach Ansicht von Brinkmann nicht ergriffen. "Ich hätte mir tatsächlich gewünscht, dass noch etwas klarere Entscheidungen getroffen werden", so die Virologin.

Quelle: ntv.de, jug/dpa