Politik

Silbermesser und schwarze Kassen Kohls Ex-Geliebte spricht über Spendenaffäre

Die Spendenaffäre ab 1999 erschütterte die CDU in ihren Grundfesten. Und sie zog einen unrühmlichen Schlussstrich unter die Ära Kohl. Nun behauptet eine ehemalige Geliebte des Altkanzlers, ein paar jener Spender zu kennen, die Kohl damals eisern verschwieg. Aber gab es diese wirklich?

Vom Kennenlernen in der Sauna über einen leidenschaftlichen Kuss im Fahrstuhl bis zum Nacktbaden im Pool des Bonner Kanzlerbungalows: Beatrice Herbold beschreibt in einem Buch ausführlich ihre Liebesaffäre mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Neu ist diese Beziehung nicht, bereits vor drei Jahren ging Herbold damit an die Öffentlichkeit.

Nun schmückt sie diese Geschichte in ihrem Buch nochmal aus, verrät nebenbei aber auch noch ein paar Details zu politischen Themen - etwa zur Spendenaffäre der CDU. Diese sei der "Liebestod" ihrer Beziehung gewesen, sagt Herbold im Interview mit RTL und n-tv. "Wir haben zu diesem Zeitpunkt auch die Schwere unserer Liebe erlebt." Nach Herbolds Worten sagte Kohl schon 1998 zur ihr, dass da was gegen ihn im Gange sei. "Das hatte er immer im Hinterkopf. Nach der Bundestagswahl hat er befürchtet, dass jetzt irgendwas passieren wird."

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Die CDU mit dem damaligen Vorsitzenden Wolfgang Schäuble und der damaligen Generalsekretärin Angela Merkel distanzierte sich im Zuge der Affäre von Kohl.

(Foto: picture alliance / dpa)

Tatsächlich sorgte die Enthüllung schwarzer Konten und einer illegalen Spendenpraxis unter Kohl ab 1999 für einen handfesten politischen Skandal, die "Schwarzgeldaffäre" wurde gar zum Wort des Jahres. Die Christdemokraten, die im Jahr zuvor aus der Regierung gewählt worden waren, erlebten eine Krise ungeahnten Ausmaßes. Schließlich sagten sie sich von ihrem Altkanzler los - der von seinem Amt als Ehrenvorsitzender zurücktrat - und schlugen mit Angela Merkel als Parteichefin ein neues Kapitel auf.

Ganz verschwand die Spendenaffäre allerdings nie aus dem öffentlichen Bewusstsein. Vielmehr umweht sie trotz zahlreicher Untersuchungen bis heute ein Hauch des Mysteriösen. Denn die Namen jener Spender, um die es dabei geht, blieben unbekannt. Der 2017 gestorbene Altkanzler nahm ihre Identität mit ins Grab. Mittlerweile ist sogar unklar, ob es diese Spender überhaupt gab.

"Helmut Kohl nickte nachdenklich"

Diese Diskussion stößt Herbold nun erneut an, indem sie in ihrem Buch drei Namen angeblicher Spender nennt, freilich ohne irgendeinen Beweis dafür vorzulegen. Sie begnügt sich damit, ihre Geschichte mit einer Reaktion Kohls bei einem gemeinsamen Essen im November 1999 zu unterfüttern: "Ich zählte also diese drei Namen auf: erstens, zweitens, drittens. Ich sprach noch, da fiel Kohl das schwere Messer aus der Hand", schreibt Herbold. "Das Silber krachte auf den Porzellanteller. Es schepperte gewaltig, was Kohl kaum wahrnahm." Er habe sie danach erschrocken angeschaut und die Lippen aufeinandergepresst, "die Augen verengten sich zu Schlitzen - eine ungewohnte Mimik." Sie habe diesen Gesichtsausdruck bei ihm noch nie bemerkt. "Helmut Kohl nickte nachdenklich, sagte aber kein einziges Wort", heißt es in dem Buch.

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Ein Haftbefehl gegen den damaligen CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep (r.) wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung brachte im November 1999 die Spendenaffäre ins Rollen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Eine Bestätigung der Namen gab Kohl also nicht, aber im Interview mit RTL und n-tv erklärt Herbold, wie sie die damalige Szene interpretiert: "Er war erschrocken, eigentlich fassungslos und guckte mich an und ich sah auf seiner Stirn geschrieben: Mein Gott, jetzt hat sie die Namen genannt, Journalisten werden auch drauf kommen." Kohl habe sich dann aber selbst beruhigt, indem er sagte: "'Es gibt ja keine Beweise.' Auch ich hatte keine. Und es war mir auch egal, wer die Spender sind. Mir ging es um den Menschen, der vor mir saß, der wirklich gelitten hat", so Herbold.

Kein Wunder: Kohl war nach der Enthüllung der Spendenaffäre massiv unter Druck geraten. Er reagierte Ende 1999 mit einem Fernsehinterview. Darin räumte er erstmals die Existenz schwarzer Konten ein und übernahm die politische Verantwortung. Zudem sagte er, dass er etwa zwei Millionen D-Mark verdeckter Spenden angenommen habe - an der Büchern der CDU vorbei und damit illegal. Namen dazu wollte er aber nicht nennen, weil er den Geldgebern sein Ehrenwort gegeben habe - eine Äußerung, die scharfe Kritik hervorrief.

Kohls Darstellung stößt mittlerweile allerdings auf Skepsis, die Existenz der Spender wird in Zweifel gezogen. Auch deshalb äußert sich Herbold so offen zu dem Thema - auch wenn sie keinerlei Anhaltspunkte für ihre Darstellung hat: "Für mich war es wichtig, zu sagen: Es gab die Spender. Denn es gibt heute Leute, die sagen: Es gab niemals Spender und das Ehrenwort war fiktiv, ein Schutz für ihn, was auch immer. Und das stimmt nicht", sagt sie im Interview.

Schäuble: Es gab keine Spender

Sie bezieht sich auf einen Dokumentarfilm von Stephan Lamby aus dem Jahr 2017 und einen gleichzeitig erschienenen "Spiegel"-Bericht. Darin wird Kohls Darstellung, dass es Spender gab, denen er ein Ehrenwort gegeben habe, stark angezweifelt und als Ablenkungsmanöver dargestellt. Stattdessen hätte das Umfeld Kohls seit den 70er-Jahren ein System schwarzer Kassen für die politische Arbeit betrieben, gespeist von Geldern aus der Industrie. Die zwei Millionen DM, für die die Ermittler keine Herkunft finden konnten, stammt demnach nicht von vier oder fünf Spendern, sondern aus jenen Kassen.

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Schäuble war unter Kohl Innenminister und galt als sein Kronprinz. Später entzweiten sich die beiden Politiker.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Diese Sichtweise stützt sich auch auf eine Aussage des ehemaligen Kohl-Intimus Wolfgang Schäuble. In dem Dokumentarfilm sagt der heutige Bundestagspräsident auf die Frage, wer denn Kohls Spender gewesen seien: "Es gab keine. Weil es aus der Zeit von Flick schwarze Kassen gab." Auch Rüdiger May, einst Hauptabteilungsleiter Organisation im Konrad-Adenauer-Haus, nennt Kohls "konstruiertes Ehrenwort absolut unglaubwürdig".

Die Spendenaffäre der 1990er-Jahre erhält in dieser Darstellung einen größeren Umfang, da ein direkter Zusammenhang zur Flick-Affäre entsteht. In diesem Skandal, in dem CDU, CSU, SPD und FDP verwickelt waren, ging es um verdeckte Parteispenden des Flick-Konzerns, die Unternehmenschef Eberhard von Brauchitsch als "politische Landschaftspflege" bezeichnete - die gezielte Beeinflussung der Politik.

Ob nun Kohls Ehrenwort-Aussage stimmt oder die gegenteilige Darstellung, ist bisher unklar. Herbold jedenfalls stellt sich klar auf die Seite Kohls, ihres ehemaligen Geliebten. Auch wenn sie dafür keine Beweise hat als ein Silbermesser, das auf einen Porzellanteller kracht.

Quelle: n-tv.de

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