Politik

Der Westen in Afghanistan "Kriegsführung machte Extremisten stärker"

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Die Taliban sind kein Fremdkörper in der afghanischen Gesellschaft, sagt Emran Feroz.

(Foto: imago/Xinhua)

Emran Feroz kennt Afghanistan wie nur wenige. In seinem Buch "Der längste Krieg. 20 Jahre War on Terror" führt der österreichische Journalist mit afghanischen Eltern unbequeme Fakten auf - und erhebt schwere Vorwürfe gegen den Westen. Dieser habe die Islamisten und Afghanistan noch immer nicht verstanden, sagt Feroz im Gespräch mit ntv.de.

ntv.de: Herr Feroz, haben sich die Taliban gemäßigt?

Emran Feroz: Innerhalb von 20 Jahren verändert sich jeder. Das gilt auch für die Taliban. Da gibt es technologische Errungenschaften, politisch-soziale Entwicklungen. Diese Veränderungen werden sichtbar, wenn man sieht wie Einzelne von ihnen in sehr gutem Englisch kommunizieren. Davon waren viele Beobachter offenbar sehr beeindruckt. Einige scheinen aber nicht zu wissen, wer die Taliban sind. Ihre grundlegende Ideologie ist eine sehr extrem ausgelegte Version des sunnitischen Islams, der Deobandismus. Man darf nicht die Erwartung haben, dass die Bewegung demokratisch geworden wäre.

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Emran Feroz ist Journalist und Autor. Gerade ist sein Afghanistan-Buch "Der längste Krieg. 20 Jahre War on Terror" erschienen.

(Foto: Promo)

Das nicht unbedingt. Aber wenn sie keine Frauen mehr steinigen und nicht alle ermorden, die für die Amerikaner oder die Deutschen gearbeitet haben, wäre das ja schon mal etwas.

Steinigungen gab es in den letzten 20 Jahren auch in Gebieten, die nicht von den Taliban kontrolliert wurden. Es gibt auch Gegenden, da haben Sie in den letzten 20 Jahren auch keine Frauen auf der Straße gesehen, obwohl die nicht von den Taliban kontrolliert wurden. Die Scharia kehrt nicht mit den Taliban zurück. Die Scharia ist nicht irgendein Buch, das die Taliban in der Hand halten. Sie war in den vergangenen 20 Jahren auch Bestandteil der afghanischen Verfassung. Das sind wichtige Details, die in diesen Tagen untergehen.

Glauben Sie, dass die Taliban sich an das halten, was sie jetzt versprechen?

Interessant ist das Beispiel der Amnestie für Regierungsmitarbeiter und Ortskräfte, die die Taliban in Kabul in Aussicht gestellt haben. Ich würde ihnen da keinen großen Vertrauensvorschuss geben. In anderen Regionen wurden Regierungsmitarbeiter, Ex-Dolmetscher oder ehemalige Ortskräfte und Soldaten verfolgt, kamen ins Gefängnis oder wurden getötet. Ich habe selbst versucht im Fall eines inhaftierten Regierungsmitarbeiters zu vermitteln. Die Taliban-Führer versprachen mir, das zu prüfen. Aber er sitzt immer noch im Gefängnis, trotz Amnestie. Jetzt schauen alle nur auf die Hauptstadt Kabul. Das ist der Fehler, den man in den vergangenen Jahren immer gemacht hat. Man hat nur auf Kabul geschaut und dachte dann, das ist ganz Afghanistan. Jetzt wird der Fehler in die andere Richtung gemacht. Jetzt haben da die anderen, die Taliban, das Sagen und jetzt schaut man wieder nur auf Kabul. Man bemerkt gar nicht, was in den anderen Provinzen vor sich geht.

Wie haben die Taliban denn dort geherrscht, wo sie schon länger regiert haben?

Sie müssen bedenken, dass in den ländlichen Gebieten sehr traditionell-konservative Strukturen vorherrschen, auch unter Nicht-Taliban, auch unter der normalen Bevölkerung. Es gab also mit den Taliban in gewissen Fragen auch Schnittpunkte. Die Taliban stammten oft selbst aus diesen Regionen, die waren Teil dieser Strukturen. Wenn dort ein angeblicher Mörder von ihnen hingerichtet wurde, war es nicht so, dass alle dagegen rebelliert hätten. Die haben eher gesagt: "Wenn das bewiesen wurde und das so passiert ist, dann ist das eben die Strafe." Da herrschen andere Wertvorstellungen. Vieles hängt von den lokalen Taliban-Gouverneuren ab. Das war auch in den 90ern so. Ist das ein totaler Fanatiker, dann gibt es keine Mädchenschulen und es traut sich auch niemand, darüber zu reden. Der Taliban-Führer einer anderen Provinz kann aber pragmatischer sein. Dort gibt es dann auf einmal Mädchenschulen und er schickt sogar seine eigenen Töchter hin. Das gibt es auch, das ist alles nicht so einheitlich. Innerhalb der Taliban, die eindeutige Strukturen haben und sich auch als Gruppe sehen, gibt es in manchen Fragen ein Meinungsspektrum.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass manche Afghanen Taliban-Richter aufgesucht haben, weil sie den Ruf haben, unbestechlich zu sein.

Ja, damit konnten die Taliban meist punkten. In Kabul hat sich die Korruption breit gemacht, weil die Regierung dank der westlichen Akteure an die Macht gebracht wurde. Die Korruption war dort das Hauptproblem. Die Korruption hat den Staatsapparat zersetzt. Die Verantwortlichen waren allesamt Kriminelle, die sich persönlich bereichert und jegliche Institution ausgehöhlt haben. Das ging so weit, dass für den einzelnen Bürger, auch auf dem Land, viele Dinge unerschwinglich wurden. Etwa ein einfacher Gang zu einem Beamten, um irgendeine Kleinigkeit zu erledigen, wurde zum finanziellen Problem. Dies ging noch mit Sadismus und Drangsalierungen einher. Die Taliban konnten sich deshalb als antikorrupte Kraft etablieren.

In unserer Berichterstattung, in Deutschland und anderen westlichen Ländern, werden die Taliban meist als die absolut Bösen dargestellt. Gelten sie auch in Afghanistan als so extrem?

Die Wahrnehmung von außen war oft schwarz-weiß. Der Fokus lag auf der Elite in irgendeinem Kabuler Stadtteil, die von der Militarisierung und der Besatzung und allem, was dazu gehörte, profitiert hat. Dann hat man Menschen aus diesen Stadtteil interviewt und Leute, die für westliche Organisationen oder Botschaften gearbeitet haben und dachte dann, dass das repräsentativ für ganz Afghanistan sei. Oder man wollte den Eindruck erwecken. Aber das war es eben nicht. 70 Prozent der afgahnischen Bevölkerung lebt auf dem Land und die haben wir meist nicht gesehen. Die meisten Menschen im Westen kennen trotz intensiver Berichterstattung immer noch nicht das echte Afghanistan, dieses mehrheitliche Afghanistan. Das ist auch einer der Gründe, warum man den Krieg nun verloren hat.

In ihren Beschreibungen klingt es manchmal so, als ob die Amerikaner mit ihren Drohnen und ihren Luftschlägen genauso schlimm wie die Taliban waren. Oder sogar schlimmer?

Ich spreche jetzt nicht für mich, sondern für die Leute, die von solchen Angriffen betroffen waren, bis vor Kurzem noch. Die machen keinen Unterschied, ob eine Drohne oder ein Selbstmordanschlag ihre Verwandten auslöscht. Diese perfide Art der westlichen Kriegsführung wurde in Afghanistan wirklich auf die Spitze getrieben und hat einen massiven Rückschlag verursacht. Oft hat man nicht Terroristen eliminiert, sondern mehr Feinde geschaffen. Bis jetzt werden Drohnen immer noch als superflexible Waffen gepriesen, die angeblich immer nur Terroristen, Taliban-Führer oder Al-Kaida-Chefs getötet haben, aber das stimmt vorne und hinten nicht. Jeder, der sich damit auseinandergesetzt hat, wird zu dem Punkt kommen, dass diese Kriegsführung vor allem Zivilisten getötet hat und die Extremisten dadurch stärker geworden sind.

Wegen der Empörung darüber.

Ja. Sie müssen bedenken, was passiert, wenn so eine Drohne eine Hochzeitsgesellschaft bombardiert. Viele der Hinterbliebenen haben dann Sucht nach Rache. Das ist in Stammesgesellschaften ein wichtiger Bestandteil der alltäglichen Kultur. Die schließen sich dann dem Feind ihres Feindes an. Der ist dann in dem Moment ihr Freund.

Waren Sie trotzdem überrascht, dass die Zentralregierung so schnell zusammengebrochen ist?

In vielen Provinzen war es absehbar, weil sich die Taliban schon um die Provinzhauptstädte festgesetzt und ihre Parallelstrukturen etabliert hatten. Aber dass es in Kabul jetzt doch so schnell gehen würde - ich würde lügen, wenn ich sagte, es hat mich nicht überrascht. Noch am Tag vor der Eroberung Kabuls meldeten US-Geheimdienste, dass es wahrscheinlich 30 bis 90 Tage dauern würde.

Warum ging es so schnell?

Es gab einen Dominoeffekt, der Sicherheitsapparat war zusammengebrochen und die psychologische Kriegsführung der Taliban war erfolgreich. Viele Soldaten waren kriegsmüde. Die Korruption hatte sich auch im Sicherheitsapparat breit gemacht. Ich habe im Frühjahr Soldaten besucht. Was ich da gesehen habe, war ziemlich ernüchternd. Soldaten hatten meist keine Munition, kein Essen, kein nichts. Die korrupte politische Blase in Kabul hat isoliert vom Rest des Landes gelebt, auch von den Soldaten. Die Todeszahl der afghanischen Soldaten war oft drei- bis viermal höher als die der Zivilisten. Sie wurden verheizt. Die Moral war weg. Viele haben in den vergangenen Monaten nicht einmal Löhne bekommen. Die Taliban haben sie direkt angesprochen und gesagt: "Ihr wollt doch gar nicht kämpfen, ihr wollt doch nur euren Lohn. Hier, wir zahlen ihn euch, nehmt ihn und tschüss!" Das haben viele angenommen und fast nur noch Kabul war übrig. Es hat auch eine Rolle gespielt, dass viele dort schon ihre Posten verlassen hatten, bevor die Taliban richtig eingerückt sind.

Mädchenunterricht, Frauenrechte, Bildungschancen - das wird in Bilanzen des Einsatzes nun auf der Habenseite angeführt. Wie sehen Sie das?

Es ist eine Errungenschaft, diese Dinge zu haben. Aber in Afghanistan betraf das immer nur eine sehr kleine Minderheit. Die meisten anderen Frauen, auch in ländlichen Gebieten, hatten andere Probleme. Die konnten oft aufgrund des Krieges gar nicht in die Schule gehen. Sie wurden von Militäroperationen beider Seiten bombardiert und die ganze Zeit beeinträchtigt. Diese Errungenschaften, die es zu begrüßen gilt, betrafen immer nur eine kleine Minderheit in den urbanen Zentren des Landes. Und die Frauen wie auch die anderen Menschen in diesen anderen Regionen haben von diesem ganzen Apparat kaum profitiert. In den letzten Jahren hat man immer wieder gehört: Bevor es um individuelle Freiheiten geht, sehnt man sich nach Sicherheit und klaren Verhältnissen. Zuletzt auch immer mehr in den Städten, weil es so viel Kriminalität und Anschläge gab. Jeder war kriegsmüde. Es war den Leuten irgendwann egal, wer den Krieg gewinnt.

Sollte Deutschland auch an die Taliban Entwicklungshilfe leisten?

Die Taliban fokussieren sich auf ihr "neues Verhalten" oder auch ihre PR-Kampagne in Kabul, weil sie wissen, dass dieser Staat ohne ausländische Hilfsgelder nicht überleben kann. Es wäre schon wichtig, dass man diese Gelder nicht kürzt oder das Land mit Sanktionen überzieht. Dann würde man wieder die ganze Bevölkerung kollektiv bestrafen und das wäre nicht zielführend. Es wäre eher vorteilhaft, wenn man die Gelder nach 20 Jahren, in denen sie falsch benutzt wurden, sie nun dazu nutzt, dass die Bevölkerung nicht verhungert. Außerdem kann man damit in wichtigen Fragen Druck auf die Taliban ausüben.

Kann man überhaupt mit den Taliban verhandeln?

Dass man mit denen verhandeln kann, hat man ja in den vergangenen Jahren gesehen. Dass dies so spät geschah, war der große Fehler dieses Afghanistan-Abenteuers. Man ist da einmarschiert und hat sich mit allen anderen Menschenrechtsverbrechern, Kriegsverbrechern und lokalen Kriegsfürsten verbündet, die in vielerlei Hinsicht den Taliban in nichts nachstanden. Ihre Loyalität wurde auch mit Koffern voller Bargeld erkauft. Dabei hätte man gut mit den Taliban verhandeln können. Der damalige US-Präsident Bush und sein Verteidigungsminister Rumsfeld wollten das aber nicht. Auch diese Kriegsgier hat zum heutigen Tag geführt.

Mit Emran Feroz sprach Volker Petersen.

Quelle: ntv.de

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