Politik

Verknackt, abgeschoben, gerettet Ortskraft A. winkt zweite Chance in Deutschland

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Das erlösende Bild von der Rettung: Zalmai A. auf dem Flughafen von Kabul.

Ein Leben wie ein düsterer Roman: Als Minderjähriger schlägt sich Zalmai A. nach Deutschland durch, wird straffällig und wieder abgeschoben. Zurück in Afghanistan gehört er zu den Stützen des deutschen Militäreinsatzes - und wird nach dem desaströsen Abzug in letzter Minute gerettet.

Es wird nicht mehr lange dauern, und Zalmai A. wird zum zweiten Mal in seinem Leben nach Deutschland einreisen - 23 Jahre nachdem er als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling nach Hamburg kam. Damals war er ein etwa 15-jähriger Habenichts, der sich allein etwa zwei Jahre lang von Afghanistan bis Deutschland durchgeschlagen hatte. In seiner neuen Heimat geriet der Heranwachsende mit dem Gesetz in Konflikt und wurde schließlich abgeschoben. Nun kehrt Zalmai A. zurück - als tapferer Helfer der Bundeswehr in Afghanistan; als Überlebender eines beinahen Totalversagens der deutschen Bundesregierung bei der Abwicklung ihres langjährigen Auslandseinsatzes.

Am Dienstagnachmittag Kabuler Ortszeit nimmt Zalmai A. ein Selfie auf und schickt es nach Deutschland. Im Hintergrund ist die geöffnete Ladeluke eines A400M zu sehen. Der Bundeswehr-Transportflieger, den zu erreichen A. kaum noch zu hoffen gewagt hatte. Er sah sich schon verloren, voller Angst um die Zukunft seiner vier Kinder. "Jetzt sitzen wir hier und wir sind einfach festgenagelt", berichtete A. noch am Montag in einem Whatsapp-Video, das er aus seinem Versteck in Kabul nach Deutschland schickte. In einer anderen Nachricht war die weinende Tochter zu hören, nachdem mutmaßlich Taliban nahe des Verstecks geschossen hatten.

Tage zwischen Angst und Wut

Dass er angesichts der überall in Kabul gesichteten Taliban-Posten und des Chaos rund um den Flughafen, der nicht mehr lange den Namen "Hamid Karsai" tragen dürfte, noch zu einem deutschen Rettungsflug durchkommen könnte, schien unwahrscheinlich und in jedem Fall gefährlich. Zumal lange nicht klar war, ob er überhaupt auf einer der Evakuierungslisten von Auswärtigem Amt und Bundesverteidigungsministerium steht. Und das nach 14 Jahren Arbeit als Übersetzer für die Bundeswehr, die freimütig einräumt, dass sie in Afghanistan auf ihre Ortskräfte und deren lebensgefährliche Arbeit angewiesen war. "Sie haben uns hiergelassen, damit die Taliban uns töten", klagte der zurückgelassene Übersetzer A. am Montag und sagte voller Bitterkeit: "Deutschland hat uns einfach verarscht".

So ist A. auch ein Beispiel dafür, wie uneindeutig noch immer ist, wem sich die Bundesregierung in diesen Tagen der Machtübernahme durch die Taliban überhaupt zur Rettung verpflichtet fühlt: Bundesaußenminister Heiko Maas und Bundeskanzlerin Angela Merkel haben wiederholt auf die 2500 Ortskräfte einschließlich Familien verwiesen, die rechtzeitig und geregelt nach Deutschland geholt worden sind. Es handelt sich, so ist anzunehmen, um Menschen, deren Beitrag zum deutschen Militäreinsatz eindeutig ist.

Doch nicht alle Afghanen, die direkt oder indirekt für die Deutschland gearbeitet haben, hatten einen ordentlichen Arbeitsvertrag mit der Bundeswehr. Einige haben für private Dienstleister der Bundeswehr und Bundespolizei gearbeitet, andere hatten gar nichts mit dem Militäreinsatz zu tun, sondern haben als Übersetzer, Fahrer oder Köche für deutsche Entwicklungsprojekte gearbeitet, staatliche und nicht-staatliche. Hinzukommen afghanische Politikerinnen und Journalistinnen, die sich wegen des westlichen Engagements überhaupt erst exponiert und gefährdet haben - im Vertrauen darauf, dass die Taliban nicht zurückkehren würden.

Von der Vergangenheit eingeholt

Und A.? Der hatte nach eigenen Angaben zuletzt gar keinen Arbeitsvertrag und war dennoch bei einigen der heikelsten Afghanistan-Einsätzen der Bundeswehr dabei: als formal nicht angestellter Übersetzer des Kommandos Spezialkräfte (KSK). 200 Dollar habe er wöchentlich in bar bekommen, sagte A. der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS). Eine offizielle Anstellung war ihm demnach verwehrt worden, nachdem die Bundeswehr 2014 von seiner kriminellen Vergangenheit und der Abschiebung aus Deutschland erfahren hatte. Die nämlich hatte A. verschwiegen.

Die Lüge wog aus deutscher Behördensicht offenbar schwerer als seine verbürgt gute Arbeit für Feldjäger und KSK. Nach seinem Auffliegen wurde ihm nicht nur ein schon fertiges Visum für Deutschland verweigert, offiziell war A. seither auch keine Ortskraft mehr. "Als sie meine Hilfe brauchten, war ich gut genug. Aber wenn ich ihre Hilfe brauche, bin ich schlecht", sagte A. der FAS. Er selbst betrachtet seine Taten in Deutschland als längst abgeschlossene Jugendsünden, für die er mit Knast und Abschiebung gebüßt habe.

So müssen es auch die Bundeswehrsoldaten gesehen haben, die mit ihm zusammengearbeitet hatten: Vor mehr als acht Wochen gab A. die Pässe der ganzen Familie deutschen Soldaten, die sich um seine sichere Ausreise zu kümmern versprachen. Dann aber wurde das Bundeswehr-Camp Marmal bei Masar-i-Scharif plötzlich geräumt und dem Erdboden gleichgemacht. A. blieb zurück und konnte ohne Pass nicht einmal in eines der Nachbarländer fliehen, weder in den Iran noch nach Pakistan. Er hatte ganz auf das deutsche Versprechen seiner Rettung gesetzt.

Was wollte Maas?

Noch vor wenigen Tagen stand A. nicht auf der Evakuierungsliste. Wer derzeit in Berlin nach welchen Kriterien entscheidet, wer ausgeflogen wird und wer nicht, ist unklar. Klar ist aber: Außenminister Maas hatte noch im Juni im Bundestag vor einem Massenexodus ziviler Kräfte aus Afghanistan gewarnt. Von solchen Bildern würde ein falsches Signal ausgehen. Im Klartext: Es war politisch nicht gewollt, eine möglichst große Liste an zu Evakuierenden zu erstellen. Zumal das im Widerspruch zur fortgesetzten Abschiebepraxis der Bundesregierung gestanden hätte.

Nachdem RTL und ntv beim Auswärtigen Amt wiederholt auf A. und seine Familie hingewiesen haben und auch die FAS berichtet hatte, landete A. doch auf der Liste. Dass er und andere ehemalige Bundeswehrhelfer überhaupt eine Chance auf Rettung bekommen haben, ist vor allem aber Marcus Grotian und dem von ihm gegründeten Patenschaftsnetzwerk für Afghanische Ortskräfte zu verdanken. In den vergangenen Tagen kommunizierte A. nicht nur eng mit den Redaktionen von RTL und ntv, sondern auch mit Grotian. Gemeinsam organisierten der Deutsche und der Afghane sogenannte Safe Houses, als Versteck dienende sichere Häuser.

Grotian verschaffte den zurückgebliebenen Ortskräften zudem Öffentlichkeit und erhöhte so den Druck auf die Bundesregierung, etwas zu unternehmen. Dieser Einsatz war vielleicht ausschlaggebend dafür, dass sich Berlin doch noch zu einer umfassenden Rettungsaktion durchgerungen hat. Nach Tagen der Angst und Ungewissheit, ist A. am Dienstagnachmittag mit seinen Kindern in Taschkent gelandet; zusammen mit 120 anderen Evakuierten. Von der usbekischen Hauptstadt soll es für die Evakuierten weitergehen nach Deutschland. Es ist eine zweite Chance auf ein sicheres Leben in Deutschland für Zalmai A., von der er nicht mehr geglaubt hatte, sie zu bekommen.

Quelle: ntv.de

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