Politik

Kandidaten in der Spielkritik Scholz war Scholz, Baerbock engagiert, Laschet besser als erwartet

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Bemühten sich erfolgreich, fair und brav zu sein: die Kandidatin und die Kandidaten zum Kanzler-Triell.

(Foto: picture alliance/dpa/RTL)

Scholz, Baerbock, Laschet - vier Wochen vor der Wahl trafen die drei Kanzlerkandidaten bei ntv und RTL erstmals im Triell aufeinander. Wer dabei die beste Figur machte, warum Scholz sich am wenigsten bemühte und trotzdem - oder sogar deshalb - als Sieger vom Platz ging.

Wie gut waren die drei vorbereitet?

Armin Laschet startete mit großer Angriffslust in das Triell und war inhaltlich spürbar vorbereitet. Gleich im ersten Themenkomplex zum Afghanistan-Desaster nutzte er die Gelegenheit, um den Fokus von der Verantwortung für die zu späte Evakuierungsmaßnahme auf die Ausstattung der Bundeswehr zu verschieben - und auf die SPD, die sich bei der Anschaffung bewaffneter Drohnen querstellt. Den Grünen warf er vor, wie uneinheitlich sie Anfang des Jahres zur Fortführung des Afghanistan-Einsatzes abgestimmt haben. Erster Eindruck: Der Mann ist im Thema und weiß, an welchen Stellen er seine Kontrahenten attackieren kann.

Der starke Eindruck schwächte sich jedoch im Lauf der zwei Stunden ab, schließlich musste sich der NRW-Ministerpräsident vom SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz belehren lassen, die Vorratsdatenspeicherung, die Laschet etwa zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch forderte, sei längst beschlossen, jedoch wegen einer juristischen Prüfung noch ausgesetzt. Das Niveau vom Beginn konnte Armin Laschet so nicht bis zum Ende halten.

Das wäre jedoch für den CDU-Kanzlerkandidaten wichtig gewesen, vor allem wichtiger als bei seiner Konkurrenz. Denn während Laschet-Kritiker in den vergangenen Wochen immer wieder bemängelten, er arbeite sich nicht ausreichend gründlich in die Themen ein und gehe mit Problematiken teils zu unbedarft um, stehen weder Annalena Baerbock noch Olaf Scholz bislang öffentlich in diesem Verdacht.

Die Kanzlerkandidatin der Grünen hat den Ruf, sich auch in politischen Detailfragen auszukennen und diesem wurde sie am Sonntagabend durchaus gerecht, auch wenn es in den Debatten sehr selten ins Detail gehen konnte. Es verlieh ihr eine gewisse Trittsicherheit, um die Position ihrer Partei in Themenschwerpunkten von Corona-Politik über Klimaschutz, Steuern bis zu innerer Sicherheit darzustellen.

Bei Olaf Scholz wiederum hat man zuweilen den Eindruck, dass ihm die langjährige Erfahrung als Politiker, nun als amtierender Finanzminister, für sein öffentliches Auftreten eher im Weg steht. Ein Gefühl dafür, wann man politische Fachsprache in normales Deutsch übersetzen muss, fehlt ihm und so redete er statt von neu eingestellten Polizisten von "Personalaufwuchs". Inhaltlich konnte Scholz jedoch mit seinem Fachwissen vor allem beim Thema Vorratsdatenspeicherung klar punkten. Und auch bei den anderen Schwerpunkten kam dem Minister zugute, dass er sich letztlich mit allen Ressorts und parlamentarischen Beschlüssen beschäftigen muss, da sein Haus am Ende das Geld dafür bereitstellen soll.

Fazit Vorbereitung: Baerbock und Scholz erwartbar gut, Laschet besser als befürchtet.

Wie war die Bühnenpräsenz?

Olaf Scholz strahlte an diesem Abend aus jeder Pore aus, dass er mit der SPD gerade einen Lauf hat. Er ist vor einer Woche in Führung "geraten" - kann man fast sagen, so sehr lässt es sich wohl auf die Fehler seiner Mitbewerbenden zurückführen, da die SPD selbst ja kaum in Erscheinung getreten war. Jenen Konkurrenten überließ Scholz im Mittelteil des Triells so sehr das Feld, dass es am Schluss verwunderte, dass alle drei Kandidaten auf annähernd die gleiche Redezeit kamen. Vom eigenen Gefühl her hatte man eigentlich gedacht, der Minister habe sich zwischendurch eine Viertelstunde die Beine vertreten, während Baerbock und Laschet inhaltliche Fragen unter sich ausmachten.

Kaum eine Attacke ging von Scholz aus, er erwähnte im Gegenteil gern auch Gemeinsamkeiten zur Position der Grünen, etwa wenn er Baerbocks Forderung nach einer Kindergrundsicherung rundheraus zustimmte. Der Clou daran: Womöglich hat diese Zurückhaltung perfekt funktioniert. Dafür sprechen die 36 Prozent Zustimmung für Scholz in einer Forsa-Umfrage direkt nach dem Triell, während Baerbock auf 30 und Laschet auf 25 Prozent kamen.

Und im Verhältnis zu den Grünen könnte es für manche Unentschlossene gut funktionieren, wenn Scholz deutlich macht: Inhaltlich sind beide nicht so weit voneinander entfernt, aber von der SPD bekäme man den Wandel mit der nötigen Zurückgelehntheit und Erfahrung umgesetzt.

Auch wenn Laschet in der Umfrage nach dem Triell hinten lag, so konnte er bei der Performance doch Punkte gutmachen, die er in Talkshowauftritten der Vergangenheit vergeben hatte. Dort kettete der Unionskandidat unter Druck häufig einen Satz an den anderen, um keine Möglichkeit zur Unterbrechung zu geben, und auch die Stimme ging oft deutlich nach oben. Anders am Sonntag: "Er hat sich wirklich Mühe gegeben, gelegentlich mal eine Pause zu machen und auch vom Stimmklang her war es angenehm zuzuhören", lobt der Kommunikationsberater Hendrik Wieduwilt. "Laschet war deutlich besser als sonst."

Allerdings zahlte der CDU-Chef dafür den Preis, dass ihm tatsächlich zuweilen das Heft von der grünen Konkurrentin aus der Hand genommen wurde, die ihm mit kritischen Anmerkungen in die Parade grätschte. Laschet versuchte, sich mit Bemerkungen wie "Also, Frau Baerbock, jetzt mal ganz langsam ..." den Anstrich von Überlegenheit zu geben, doch wirkten solche Sätze eher überheblich. Annalena Baerbock merkte man den Druck kaum an, unter dem auch sie, nachdem die Grünen in den Umfragen auf Platz 3 zurückgefallen sind, stehen muss.

Fazit Bühnenpräsenz: Scholz konnte sich leisten, Scholz zu sein, Baerbock engagiert und Laschet besser als befürchtet.

Wie authentisch waren die drei?

Olaf Scholz kennt man genau so trocken und oft technokratisch, wie er sich im Triell präsentierte - den Spitznamen "Scholzomat" hat er nicht ohne Grund. Sein Glück: Das ist gerade gefragt, und so tat er gut daran, gar nicht erst zu versuchen, sich in irgendeiner Form zu mehr sichtbarer Empathie zu nötigen.

Annalena Baerbock bemühte sich so um Authentizität, wie sie es auch bei anderen Gelegenheiten schon zeigte. Als 40-jährige Mutter kleiner Kinder steht sie anders im Alltagsleben als ihre beiden deutlich älteren Konkurrenten und diese Karte spielte sie an den passenden Stellen. Allerdings wirkte es tatsächlich genau so: wie ein Trumpf, den man strategisch und damit recht vorhersehbar zieht, um damit zu punkten.

Während Baerbock sich also spürbar, aber nicht immer erfolgreich um Authentizität bemühte, ist diese für Armin Laschet im Wahlkampf eher ein Problem: Er wirkte bislang oftmals etwas zu authentisch, so viel Leutseligkeit und Frohnatur möchte man bei einem, der die Geschicke des Landes lenken will, nicht unbedingt sehen. Auch besteht immer die Gefahr, dass es unbedarft wirkt oder - im schlimmsten Fall - unangebracht, wie im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe im Juli geschehen. Von diesem Image wollte Laschet am Sonntag offensichtlich weg.

"Er hat sehr den Ernst geprobt, deutlich weniger gelächelt oder gescherzt. Das mag auf Langzeitbeobachter unauthentisch wirken, weil die Leute wissen, wie Laschet als Mensch ist - eher etwas zappelig und fröhlich unterwegs", so beschreibt Hendrik Wieduwilt die Diskrepanz. Für viele Zuschauer möge die Ernsthaftigkeit dennoch verfangen haben, "und dass er sich hier deutlich staatsmännischer gezeigt hat, als wir es sonst von ihm gewohnt sind."

Fazit Authentizität: Scholz kann sich leisten, Scholz zu sein, Baerbock bemüht sich (zu sehr), Laschet ist erfolgreich unauthentisch.

Die Schlussminute

Zum Ende des Triells erhielten alle drei Kandidaten die Gelegenheit, sich in einer einminütigen Redezeit direkt an das Publikum zu Hause zu wenden. Konnten sie ihre Positionen auf den Punkt bringen?

Annalena Baerbock machte den Anfang und stellte sich dafür plötzlich vor das Rednerpult - ein Positionswechsel, der sich beim Zuschauen allerdings nicht erschloss. Sie stellte ihre Rede unter den grünen Slogan "Dieses Land kann so viel mehr", erwähnte exemplarisch Kinderbetreuung und den Klimaschutz. Letzterer fand auch bei Olaf Scholz Erwähnung, ebenso will er für höhere Löhne und verlässliche Renten einstehen.

Armin Laschet begann seine Schlussrede sehr persönlich und zitierte Annalena Baerbock als Kronzeugin für seine Standfestigkeit. Als er diese nun mit dem "Wind der Veränderung" in Verbindung brachte, der einem entgegenblase und dem er sich mit Standhaftigkeit entgegenstelle, wurde das Bild allerdings schief. Wer als Politiker das "Modernisierungsjahrzehnt" ausruft, der sollte den "wind of change" doch eigentlich im Rücken haben.

Doch Laschet fokussierte deutlich nicht auf Veränderung, sondern auf Stabilität, ein weiterer Aspekt hatte in seinem Plädoyer keinen Platz mehr. So bestätigte Laschet in seinem Einminüter - gewollt oder ungewollt - Annalena Baerbock, die die Unionspolitik der Zukunft mit dem Schlagwort "Weiter so" zusammenfasst.

Fazit für die Schlussminute: Baerbock und Scholz setzen auf Inhalt, Laschet auf Stabilität, Klimaschutz kommt bei ihm nicht vor.

Wie Merkel-mäßig kommen die drei rüber?

Im 16. Jahr ihrer Amtszeit führt Angela Merkel das Beliebtheitsranking der deutschen Politik klar an. Viele Deutsche würden sie offenbar am liebsten einfach behalten. "Alle drei wollten ein kleines bisschen Merkel sein", fasst Hendrik Wieduwilt das Bemühen ihrer Möchtegern-Nachfolger zusammen. "Alle drei waren sehr brav, sehr zurückhaltend, sehr kommod", doch Olaf Scholz hat laut dem Experten die größten Chancen, mit der Inszenierung als Nachfolger auch durchzukommen.

Auch wenn Laschet monierte, "Sie können nicht Angela Merkel spielen und reden wie Saskia Esken", als Scholz einer Koalitionsoption mit der Linken eine Absage erteilen sollte: Im Triell schaffte es der SPD-Kandidat, sich trotz seines Amtes als Vizekanzler nicht allzu angreifbar für die Versäumnisse der Bundesregierung zu machen - auch, weil Annalena Baerbock eher CDU-Chef Armin Laschet attackierte.

Gleichzeitig gab er sich entspannt und überzeugt von der Politik, die er mit Merkel in den vergangenen Jahren gestaltet hat. Nicht mal die nervtötenden MinisterpräsidentInnen-Konferenzen, deren um 3 Uhr nachts vorgestellte Beschlüsse im schlimmsten Fall zwei Tage später wieder einkassiert wurden, mochte er im Rückblick kritisch bewerten.

Das funktionierte, weil es sich Scholz derzeit leisten kann, auf diesem Merkel-Ticket zu fahren und darüber hinaus in erster Linie die Füße still zu halten - mehr noch, es nützt ihm sogar. Auch wenn seine Gegner Laschet und Baerbock deutlich präsenter, bemühter und ihre Statements interessanter erschienen: Als Sieger des Publikums ging Olaf Scholz vom Platz. In den Wahlmonat September startet er nach diesem Triell aus komfortabler Position.

Quelle: ntv.de

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