Politik

Die Kriegsnacht im Überblick Selenskyj will Donbass evakuieren - Asow-Kommandeur droht Russland

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Eine zerstörte Gefangenen-Baracke in Oleniwka: Noch ist unklar, wer für den Tod der Dutzenden ukrainischen Kriegsgefangenen verantwortlich ist.

(Foto: AP)

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ruft die Bewohner des Donbass zur Flucht auf. "Je mehr Menschen jetzt die Region verlassen, desto weniger Menschen wird die russische Armee töten." Im Fall der mehr als 50 getöteten ukrainischen Kriegsgefangenen fordern Kiew und Moskau das Internationale Komitee vom Roten Kreuz zum Handeln auf. Ein Asow-Kommandeur spricht von einer "öffentlichen, straflosen Hinrichtung durch Russland" und droht den Verantwortlichen. Kiew erklärt, dass "auf wundersame Weise" bei dem Angriff keine Russen verletzt worden seien.

Selenskyj will Donbass evakuieren

Präsident Selenskyj hat die Bewohner der Region Donezk aufgefordert, das Gebiet im Osten der Ukraine zu verlassen. "Bitte, evakuieren Sie", sagte er in einer Videoansprache. "In dieser Phase des Krieges ist der Terror eine der Hauptwaffen Russlands." "Je mehr Menschen jetzt die Region verlassen, desto weniger Menschen wird die russische Armee töten", erklärte der Präsident. Die örtlichen Behörden würden bei der Evakuierung helfen, versprach der Präsident. "Wir sind nicht Russland. Wir werden alles tun, um so viele Menschenleben wie möglich zu retten und den russischen Terror so weit wie möglich einzuschränken."

Vize-Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk hatte zuvor die Zwangsevakuierung der gesamten Bevölkerung der Region Donezk angekündigt. Die Menschen müssten sich vor der Heizsaison in Sicherheit bringen, da die Gasnetze zerstört seien, sagte Wereschtschuk im ukrainischen Fernsehen. Noch sollen sich Tausende Zivilisten, darunter Kinder, in dem schwer umkämpften Gebiet aufhalten.

Kiew fordert UN und IKRK zum Handeln auf

Nach dem Angriff auf ein Gefängnis in der Ostukraine mit Dutzenden Toten fordert die Ukraine die UNO und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) zum Handeln auf. Selenskyj appellierte an beide Organisationen: "Sie müssen das Leben von Hunderten von ukrainischen Kriegsgefangenen schützen." Laut ukrainischen Angaben ist Russland für den Angriff verantwortlich.

Selenskyj nannte den Beschuss der Haftanstalt in Oleniwka im von pro-russischen Separatisten besetzten Osten der Ukraine einen "vorsätzlichen Massenmord an ukrainischen Kriegsgefangenen". Die UNO und das IKRK, die beim Rückzug der Kämpfer aus dem Asow-Stahlwerk in der Hafenstadt Mariupol "für das Leben und die Sicherheit unserer Soldaten garantiert" hätten, müssten nun reagieren. In dem Gefängnis befanden sich viele Kämpfer des Asow-Regiments, das sich im Mai ergeben hatte. Laut Selenskyj wurden bei dem Angriff am Freitag mehr als 50 ukrainische Kriegsgefangene getötet, Moskau sprach am Samstag von 50 Toten und 73 Schwerverletzten.

Kiew: Russische Soldaten "auf wundersame Weise" nicht verletzt

Auch der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez bat das IKRK darum, Zugang zum beschossenen Gefängnis zu fordern. Das sei dem IKRK aber bisher nicht gewährt worden, sagte Lubinez im Fernsehen. Es gebe aber schon jetzt Hinweise darauf, dass es sich um eine "geplante russische Militäroperation" gehandelt und dass die Explosion "im Inneren des Gefängnisses" stattgefunden habe, sagte Lubinez. Unter anderem sei das angegriffene Gebäude zuvor separat erbaut worden. Eine nahegelegene Kaserne sei von dem Angriff nicht berührt worden. Dort seien sogar die Fenster unbeschädigt, russische Soldaten seien "auf wundersame Weise" nicht verletzt worden.

Auch Russland fordert Untersuchung

Nach eigenen Angaben lud Russland Experten der Vereinten Nationen und des Roten Kreuzes ein, um die Umstände des Beschusses des Gefängnisses zu untersuchen. Russland wolle eine unabhängige Untersuchung, teilte das Verteidigungsministerium mit. Moskau hatte am Freitag davon gesprochen, dass Kiew das Gefängnis mit von den USA gelieferten Raketen getroffen habe, um ukrainische Soldaten davon abzuhalten, sich Russland zu ergeben. Das Verteidigungsministerium in Moskau machte am Samstag Selenskyj persönlich "politisch und moralisch" für den Angriff verantwortlich.

Kommandeur: "Öffentliche straflose Hinrichtung durch Russland"

Der Interimskommandeur des Asow-Regiments, Mykyta Nadtotschy, sagte dagegen in einer Videobotschaft, das Regiment betrachte den Angriff als "öffentliche, straflose Hinrichtung durch Russland". Die Verantwortlichen, "wo auch immer sie sind", würden gefunden und ihrer "gerechten Strafe" zugeführt. Das Asow-Regiment ist eine ehemals rechtsextreme Einheit, die inzwischen in die ukrainische Armee integriert wurde. Russland nennt das Regiment eine neonazistische Organisation.

Kämpfe gehen weiter

Die russische Armee setzte indes nach ukrainischen Angaben seine Angriffe fort. Im südlichen Mykolajiw waren nach Angaben von Bürgermeister Oleksander Senkewitsch über Nacht Explosionen zu hören, die durch Streumunition verursacht worden seien. Dies berichtet "Kyiw Independent". Der Bürgermeister forderte demnach die Einwohner auf, in Schutzräumen zu bleiben.

Kardinal: Putin versündigt sich am Christentum

Kardinal Gerhard Ludwig Müller äußerte indes scharfe Kritik an Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Als Christ lade dieser durch von ihm verschuldeten Kriegsverbrechen in der Ukraine besondere Schuld auf sich. "Hitler und Stalin hatten kein Gewissen, aber Putin bekreuzigt sich in der Christus-Erlöser-Kirche", sagte der ehemalige Präfekt der römischen Glaubenskongregation in Rom. "Damit versündigt er sich am Christentum." Der russische Einmarsch in die Ukraine sei durch nichts zu rechtfertigen, betonte Müller. "Putin ist für furchtbarste Verbrechen verantwortlich, Verbrechen an unschuldigen Männern, Frauen und Kindern. Leider gibt es auch bei uns immer noch Menschen, die ihn verteidigen."

Das wird heute wichtig:

  • Der russische Präsident Putin nimmt zum "Tag der Marine" heute in Sankt Petersburg eine Parade mit Kriegsschiffen, Flugzeugen und Tausenden Soldaten ab. Paraden zur Ehrung der Seestreitkräfte mit ihren verschiedenen Flotten sind in mehreren Regionen Russlands geplant. Teilnehmen sollen 40 Kriegsschiffe, darunter auch U-Boote.
  • Auch im Mittelmeer plant Russland nach Kremlangaben eine Marine-Parade im syrischen Hafen der Stadt Tartus.

Alle weiteren Entwicklungen können Sie in unserem Liveticker zum Ukraine-Krieg nachlesen.

Quelle: ntv.de, ghö/dpa

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