Politik

Bilanz zur Corona-App Software gut, Nutzer nur mittelmäßig

266224fd410ff9e5a47b87c543c8e299.jpg

Jens Spahn wundert sich: Nur etwa die Hälfte derer, die ein positives Testergebnis bekommen haben, informierten ihre Kontakte per App.

(Foto: dpa)

Pleiten, Pech und Pannen oder eine Erfolgsgeschichte? 100 Tage nach Erscheinen der Corona-App ziehen Politik und die beiden involvierten IT-Konzerne Bilanz. Die App sei gut, heißt es. Das Problem liege woanders.

Vor 100 Tagen klang Kanzleramtschef Helge Braun ziemlich stolz. "Dies ist nicht die erste Corona-App weltweit, aber ich bin ziemlich überzeugt, es ist die beste", sagte er, als er im Juni die Software vorstellte, mit der die Nachverfolgung von Corona-Infektionen revolutioniert werden sollte. Heute klingt das nicht weniger selbstbewusst. Die im Auftrag des Bundes entwickelte Anwendung sei eine "einzigartige Erfolgsgeschichte". Braun, Gesundheitsminister Spahn, Digitalstaatssekretärin Dorothee Bär und Vertreter von Telekom und SAP haben nun Zwischenbilanz gezogen und sind sich einig: Die App ist ein Erfolg. Die Anwender jedoch bleiben hinter den Erwartungen zurück.

Dies spiegelt sich vor allem in einer Zahl wider, die Spahn mit hochgezogenen Augenbrauen vorträgt. Nur etwa die Hälfte der Menschen, die das Programm nutzen und ein positives Testergebnis bekommen haben, hätten über die App die Menschen informiert, zu denen die Software einen Kontakt registriert hatte. Bei denen, die das Testergebnis nicht auf dem analogen Weg erhalten haben, sondern von der App informiert wurden, dass sie sich angesteckt haben, lag dieser Anteil Spahn zufolge sogar nur etwa bei einem Viertel. Es ist nicht schwer, dem Minister die Verwunderung darüber am Gesicht abzulesen.

Diese Verwunderung dürfte daher rühren, dass bei der Entwicklung der Anwendung die höchstmöglichen Datenschutzstandards angewendet wurden. Selbst der Chaos Computer Club hatte bei der Veröffentlichung eingeräumt, die App sei in dieser Hinsicht "vorbildlich" - es war eine Art Ritterschlag des sonst in Datenschutzfragen extrem kritischen Vereins. Spahn vermutet, dass die Anwender immer noch fürchteten, ihre Identität sei rückverfolgbar. "Diese Angst ist unbegründet", sagt er. Und SAP-Technik-Chef Jörg Müller ergänzt, was in den vergangenen Monaten gebetsmühlenartig vorgetragen wurde: Jede Social-Media-App oder Payback-Karte sammle mehr private Informationen. Selbst bei einer Essensbestellung gebe man mehr über sich preis als mit der Nutzung dieser App.

Andere Zahlen hingegen machen die Verantwortlichen zufrieden. Mehr als 18 Millionen Mal sei die Anwendung seit der Erscheinung heruntergeladen worden. "Das ist außerordentlich viel", sagt Braun. "Alle anderen europäischen Apps zusammen kommen auf eine ähnlich hohe Zahl." Die Download-Zahlen allerdings verraten nicht, wie viele Menschen die App tatsächlich nutzen. Berichte von Anwendern, die das Programm wegen Fehlfunktionen oder aus anderen Gründen mehrfach heruntergeladen und neu installiert haben, gibt es zuhauf. Fraglich ist auch, wie viele Nutzer tatsächlich Bluetooth und GPS dauerhaft angeschaltet haben. Nur dann ist die App sinnvoll. Das Robert-Koch-Institut (RKI) kann nur schätzen, wie viele Menschen die Anwendung so einsetzen. 14 bis 15 Millionen sind es demzufolge. Dass es dazu keine genauen Zahlen gibt, liegt auch an den hohen Datenschutzstandards der App.

Nutzerpotenzial: 53 Millionen

Aber reicht das? Als vor einigen Monaten europaweit mit der Entwicklung von Corona-Apps begonnen wurde, hatte die Universität Oxford deren Wirksamkeit für die Pandemiebekämpfung untersucht. 60 Prozent der Bevölkerung, hieß es damals, müssten die Anwendung nutzen. Allerdings überlasen damals nicht wenige, dass diese Zahl für die Annahme galt, dass die App als einzige Maßnahme zur Pandemiebekämpfung eingesetzt würde. In einem Sortiment von Werkzeugen und Maßnahmen betrachtet, so die britischen Forscher damals, sei es ausreichend, wenn 15 Prozent der Bevölkerung die Anwendung nutzen. Das entspräche rund 12 Millionen Nutzern in Deutschland. Glaubt man der Schätzung (15 Millionen) ist dieses Soll bereits überschritten. Allerdings dürfte die mangelnde Bereitschaft der Nutzer in Deutschland, ihre Kontakte zu warnen, das Zahlenmodell gründlich untergraben.

Spahn ruft also dazu auf, die Anwendung besser zu nutzen: "Bitte nutzen Sie dieses Werkzeug in der Pandemie", appelliert er an die Bevölkerung. Einer Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und ntv zufolge hatten 68 Prozent der Deutschen die Anwendung noch nie installiert. Demzufolge haben derzeit 30 Prozent der Bevölkerung die Software auf ihrem Smartphone. In einigen Bevölkerungsgruppen aber ist die Bereitschaft, damit sich und andere zu schützen, jedoch nahe null. 86 Prozent der Anhänger der AfD etwa gaben an, die App niemals genutzt zu haben. Dass es noch Platz nach oben gebe, sagt auch Telekom-Chef Tim Höttges, dessen Konzern an der Entwicklung beteiligt war. Rund 58 Millionen Smartphones gebe es in Deutschland, rechnet er vor. Abzüglich von rund fünf Millionen Geräten, die Minderjährigen gehörten, bliebe ein Nutzerpotenzial von rund 53 Millionen - gegenüber den aktuell etwa 15 Millionen.

Es liegt jedoch nicht nur an den Nutzern. Mitte Juni waren Angaben des RKI zufolge mehr als 80 Prozent der Testlabore nicht in der Lage, Testergebnisse über die App an die Nutzer zu übermitteln. Einen Monat später waren es zwar nur noch weniger als 40 Prozent. Inzwischen sind es nur noch 10 Prozent. Aktuell weigerten sich immer noch 15 Labore, eine entsprechende Infrastruktur aufzubauen, sagt Telekom-Chef Höttges: "Der Aufwand ist uns für die App zu hoch", sei die lapidare Antwort gewesen. Da müsse die Politik ran, fordert er.

Insgesamt entsteht bei der heutigen Zwischenbilanz der Eindruck, dass die Bundesregierung und die beiden involvierten IT-Konzerne der Bevölkerung ein gutes Produkt vorgelegt hätten, dem die meisten Kinderkrankheiten ausgetrieben wurden, das aber dennoch nur zögerlich genutzt wird. Was aus den Zahlen jedoch auch hervorgeht, ist, dass die App immer besser in die Pandemiebekämpfung integriert wird. Das zeigt schon die größere Zahl der Labore, die mitmachen. Und auch wenn bisher nur wenige Menschen ihre Infektion teilen, so ist deren Zahl in den vergangenen Wochen dennoch um mehr als 120 Prozent gewachsen. Vor dem Hintergrund, dass die Pandemie weiter anhält und im Herbst und Winter wieder deutlich an Schwung gewinnen könnte, ist auch das eine positive Nachricht.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.