Politik

Draghi wird Italiens Premier "Super Mario" tritt die nächste Mission an

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In den letzten Tagen hielt sich Draghi demonstrativ vom Polit-Zirkus der Hauptstadt fern.

(Foto: imago images/Independent Photo Agency Int.)

Italien wird wohl mit einem neuen Ministerpräsidenten in die nächste Woche starten: Ex-EZB-Chef Draghi steht kurz vor der Vereidigung. Der Ökonom profitiert von seinem Ruf als Retter. Ob der aber in den Niederungen der italienischen Parteipolitik unbeschadet bleiben kann, ist nicht abzusehen.

Der frühere Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, will neuer Ministerpräsident Italiens werden. Das teilte ein Sprecher des Präsidentenpalastes am Abend mit. Draghi solle am Samstagmittag in seinem neuen Amt vereidigt werden. Der 73-jährige Ökonom trat nach der Ankündigung vor die Presse und stellte seine Ministerliste mit Politikern und Experten vor.

Zuvor hatte Draghi in Rom intensive Sondierungsrunden mit Parteienvertretern geführt. Danach fuhr der langjährige Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) regelmäßig aus Rom zurück auf seinen Landsitz, in die rund zwei Autostunden entfernte Kleinstadt Città della Pieve. Der 73-jährige Nicht-Politiker, der als künftiger Regierungschef zum Retter des von Corona angeschlagenen Italiens auserkoren ist, ging erstmal auf Distanz.

Der weltgewandte Ökonom gab, so sahen es italienische Medien, mit seinem Verhalten ein klares Signal des Abstands vom Polit-Hickhack und Interview-Marathon in der Hauptstadt. Dort war das Mitte-Links-Bündnis von Giuseppe Conte im Januar im politischen und persönlichen Streit gescheitert.

"Whatever it takes"

Während seiner Konsultationen trat Draghi vor kein einziges Mikrofon. Obwohl seine Landsleute deswegen von ihm kaum etwas über seine politischen Pläne erfuhren, etwa zum Beschleunigen der Impfkampagne, zum Desaster in Schulen und der Wirtschaftskrise, schossen Draghis Sympathiewerte in Umfragen hoch. Das Retter-Image begleitet den gebürtigen Römer und Jesuiten-Schüler schon lange. "Super Mario" nennen ihn manche. Für das Ministerpräsidentenamt, sogar für die Wahl zum Staatschef, wurde er bereits mehrfach gehandelt.

Als der Wirtschaftswissenschaftler und Ex-Staatssekretär Ende 2005 den Chefsessel der italienischen Notenbank übernahm, steckte die Banca d'Italia in einer tiefen Krise. Sein Vorgänger war im Zuge einer Affäre um Insidergeschäfte und Marktmanipulation abgetreten. Draghi musste den Ruf der Institution aufpolieren. Im November 2011 wechselte der Hobby-Bergsteiger nach Frankfurt am Main in die EZB. Es folgte ein neuer Kraftakt: Europa kämpfte mit der griechischen Staatsschulden-Krise und der daraus erwachsenden Euro-Krise. Draghi bewies Mut und Gespür dafür, wann ein Machtwort hilft. Bei einer Konferenz in London im Juli 2012 sagte er den legendären Satz: "Die EZB wird alles tun, um den Euro zu retten."

Sein "Whatever it takes" galt danach selbst bei Kritikern als Signal für Ruhe auf den Finanzmärkten. Zudem machte der Währungshüter Ernst: Die EZB beschloss, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen von Euro-Krisenländern zu kaufen. Was viele Menschen in Deutschland an Draghi ärgerte, war seine Tiefzins-Strategie. Sie schwächte Sparer, freute jedoch Schuldner. Dass die EZB den Geldhahn immer wieder aufdrehte, um etwa öffentliche Anleihen zu übernehmen, blieb in Ökonomenkreisen ein Zankapfel.

Eine Mehrheit, so groß wie die Zweifel an ihr

Der Mann, der sich oft Zeit zum Denken nimmt, gilt seit seinem Studium in Rom und in den USA (Massachusetts Institute of Technology) als sogenannter Keynesianer. Damit wird eine Lehre beschrieben, in der die Wirtschaft durch Ankurbeln der Nachfrage, erhöhte Staatsausgaben und expansive Geldpolitik belebt werden soll. Als der Italiener im Oktober 2019 aus Frankfurt Abschied nahm, versammelten sich große Namen: Angela Merkel, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Italiens Staatschef Sergio Mattarella. Kanzlerin Merkel duzte Draghi in ihrer Rede: "Du hast den Euro durch unruhige See navigiert, Kontroversen bist du nicht aus dem Weg gegangen. Und wir können heute auf eine erfolgreiche Währung blicken."

Von dieser Reputation Draghis hoffen nun viele in Italien zu profitieren. Es geht darum, konkurrierende und intern zerstrittene politische Blöcke an einen Tisch zu bringen und den Niedergang des 60-Millionen-Einwohner-Landes zu stoppen. Die Zeitung "La Repubblica" wies auf seine "elegante Art zu sprechen", seine "höfliche Distanz" hin. Er lasse sich nicht gerne in die Karten schauen. Andere nennen das ein "Pokerface". Das Blatt "La Stampa" betonte, Verantwortung zu tragen, habe ihn seit der Jugend geprägt.

Im Teenageralter hatte er kurz hintereinander beide Eltern verloren. Mit Verwandten kümmerte er sich um seine jüngeren Geschwister. Auch dass der Katholik seit bald 50 Jahren mit Serena Cappello verheiratet ist, ihren Rat schätzt und mit ihr zwei erwachsene Kinder hat, wird oft als bezeichnend angeführt. "Die Coronavirus-Pandemie ist eine menschliche Tragödie von potenziell biblischen Ausmaßen", hatte Draghi im März 2020 in der britischen "Financial Times" geschrieben. Er stellte klar, dass Staaten viel Geld einsetzen müssten, um Bürger und Unternehmen vor dem Absturz zu bewahren.

Welche konkreten Maßnahmen Draghi als Premier in der instabilen Parteienlandschaft Italiens durchs Parlament bringen will, dürfte sich bald zeigen. Seine erwartete Mehrheit in zwei anstehenden Vertrauensfragen gilt als ungewöhnlich groß. Aber ähnlich groß sind die Zweifel, ob sie bis zur nächsten Wahl 2023 halten kann.

Quelle: ntv.de, Petra Kaminsky, dpa

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