Politik

Interview mit Barack Obama "Wahl hat zumindest die Blutung gestoppt"

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Im Wahlkampf unterstützte Obama natürlich seinen ehemaligen Vizepräsidenten - unter anderem mit einem Auftritt in Georgia.

(Foto: imago images/The Photo Access)

Der frühere US-Präsident Barack Obama sieht die USA nach der Wahl und auch wegen des Verhaltens seines Nachfolgers vor großen Problemen. Zuversichtlich bleibt er dennoch: "Jetzt können wir einen Kurswechsel vornehmen und die Welt und uns selbst daran erinnern, wofür wir stehen." Im Interview erklärt Obama auch, warum er die USA für außergewöhnlich hält: "Wir sind vielleicht die erste Großmacht der Geschichte, deren Bevölkerung aus Menschen besteht, die von überall herkommen." Bundeskanzlerin Merkel nennt er "instinktiv liebenswürdig, ein guter Mensch".

Mister President, wie geht es Ihnen nach dem Wahlsieg Ihres "Bruders", wie Sie ihn nennen, Joe Biden. Sind Sie richtig glücklich? Erleichtert? Oder voller Sorgen angesichts des schweren Weges?

Barack Obama: All das Genannte. Es ist kein Geheimnis, dass ich zutiefst besorgt darüber war, in welche Richtung sich unser Staat unter dem amtierenden Präsidenten entwickelt hat. Ich bin zuversichtlich, dass Joe Biden und Kamala Harris es schaffen, uns wieder zu den Werten zu führen, die nicht nur für meine Regierung wichtig waren, sondern Amerika weltweit zu einer Führungsmacht gemacht haben: Achtung vor den grundlegenden Idealen der Menschenrechte, der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, vor den Bündnissen mit unseren Partnern in der Nato. Und der Glaube daran, dass wir weltweit dafür Verantwortung tragen, Demokratie, Menschenrechte und die Meinungsfreiheit zu fördern und uns nicht mit Diktatoren gemein zu machen. In vieler Hinsicht bin ich also optimistisch über die Richtung des Landes, aber ich muss aufgrund der Wahlergebnisse einräumen: Amerika ist weiterhin sehr gespalten.

Wir haben die tiefe Spaltung nicht überwunden, die sich in Amerika auftut und auch in Europa und anderswo. Es gibt diejenigen, die eine multikulturelle Welt begrüßen, in der wir lernen müssen, einander zu akzeptieren und zusammenzuarbeiten. Und es gibt diejenigen, die sich vor Veränderung fürchten, darauf mit Nationalismus reagieren und sich häufig einen starken Mann und autoritäre Führungsfiguren wünschen. Ich glaube, dieser Wettkampf der Ideen ist noch in vollem Gange. Wir müssen bessere Antworten darauf finden.

Präsident Trump gesteht seine Niederlage nicht ein. Er ermöglicht auch keine Machtübergabe wie sonst üblich. Ist das nicht ein weiterer Angriff auf die Demokratie von einem Mann, der seine politische Karriere damit begann, Sie zu attackieren, indem er behauptete, Sie wurden nicht in Amerika geboren?

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Das war vorhersehbar. Donald Trump hat oft genug signalisiert, dass er viele grundlegende Normen nicht respektiert, die früher von Republikanern und Demokraten gleichermaßen beachtet wurden. Das beschreibe ich auch in meinem Buch: Bei meinem Amtsantritt 2008 war ich zutiefst anderer Meinung als George W. Bush, aber er hätte kaum freundlicher und hilfsbereiter dabei sein können, einen friedlichen Machtübergang zu sichern. Donald Trumps Widerwille dagegen, diese grundlegende demokratische Aufgabe wahrzunehmen, wird es für die Biden-Regierung schwieriger machen, von Tag 1 an mit voller Kraft gegen die Pandemie und die damit einhergehende Wirtschaftskrise zu kämpfen. Aber ob der Machtwechsel nun freundlich oder widerwillig erfolgt - am 20. Januar übernimmt ein neuer Präsident und das Land schreitet weiter voran.

Joe Biden ist nicht unbedingt jung und steht nicht gerade für Inspiration und einen frischen Start. Was kann er überhaupt schaffen?

Ich bin auch nicht mehr jung. Ich habe viele graue Haare. Ich glaube, was Joe und Kamala mit mir gemeinsam haben, ist das Vertrauen darin, dass junge Menschen eine Stimme haben, die gehört werden muss, dass wir sie ermutigen wollen, an unserer Demokratie teilzuhaben. Junge Menschen sollen wissen, dass sie wichtig sind, dass sie Macht haben und ihre Sicht der Dinge es wert ist, in Politik einzufließen. Beispiel Klimawandel: Ich glaube, Joe wird nicht beleidigt sein, wenn ich sage, dass er nicht mehr auf dieser Welt sein wird, wenn wir die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels erleben. Ich auch nicht. Das wird unsere Kinder und Enkel betreffen.

Man muss nicht selber jung sein. Junge Menschen und zukünftige Generationen müssen einem nur am Herzen liegen, um zu erkennen, dass es an der Zeit ist, diese existenzielle Bedrohung sehr viel ernster zu nehmen. Ich weiß, dass Joe dem Pariser Klimaabkommen wieder beitreten und einige der Verfügungen wieder aufheben will, mit denen Donald Trump unsere Bemühungen zur Verringerung der Treibhausgas-Emissionen zurückgefahren hat. Und ich weiß, dass viele junge Leute, die in seinem Regierungsapparat arbeiten werden, unter mir angefangen haben. Sie haben mich damals inspiriert und mein Bewusstsein geschärft.

Aber Joe Biden wird auch mit einem Tatbestand umgehen müssen, auf den Sie im Buch immer wieder verweisen: Kompromisse zu schließen wird von Wählern nicht belohnt. Wie können Amerikaner lernen, wieder aufeinander zuzugehen?

Wir haben in unserer Politik zwei Probleme: Ein Problem ist unser Staatsapparat selbst, unser System, da knirscht es inzwischen im Getriebe. Unser System beruht auf der Gewaltenteilung und Teil der Legislative ist der Senat. Zwei Senatoren kommen beispielsweise aus Wyoming mit einer halben Million Einwohnern und zwei aus Kalifornien mit 35 Millionen Einwohnern. Damit ist im System eingebaut, dass die Mehrheitsmeinung sich nur langsam durchsetzt. Schlimmer noch wurde es durch die Filibuster-Praxis, diese künstlich verlängerten Endlosdebatten, die inzwischen eine überwältigende Mehrheit erfordern würde, um überhaupt ein Gesetz durch den Senat und den Kongress zu bringen. Das muss sich ändern, damit wir in diesem Land große Schritte machen können.

Das andere Problem ist kultureller Art und geht über Politik hinaus. Wir sprechen hier von "The Great Sort" [Anm.d.Red.: gemeint ist das Leben in getrennten Welten]. In unserem Land verlaufen die Trennungslinien zwischen den Welten nicht nur entlang der Hautfarbe und dem Glauben, sondern auch geographisch, zwischen Stadt und Land. Vielleicht am schädlichsten aber ist die Tatsache, dass jede Seite inzwischen ihre eigenen Medien und folglich ihre eigenen Fakten hat. Es ist sehr schwierig, Kompromisse zu erzielen, wenn man nicht von einer gemeinsamen Realität ausgeht.

Trump behauptet, es habe Wahlbetrug in großem Stil gegeben, obwohl niemand dafür einen Beleg finden kann und selbst die örtlichen republikanischen Amtsinhaber sagen, die Wahl sei normal verlaufen. Aber Millionen Menschen glauben jetzt an Wahlbetrug, weil nicht nur Donald Trump das tweetet, sondern auch Fox News und Rush Limbaugh im Talk Radio in das gleiche Horn stoßen. Wenn es also eine solche Abkehr von Fakten gibt, dann wird es sehr schwierig, Kompromisse zu finden.

Das Problem zu lösen wird lange dauern, das lässt sich nicht durch eine Wahl reparieren. Ich glaube, Joe wird sein Bestes geben, um Republikanern die Hand zu reichen. Es mag Bereiche geben, in denen wir zu Kompromissen gelangen können. Zwei Senatssitze aus Georgia sind noch offen, und wenn die Demokraten diese Sitze erobern können, wird es eine knappe demokratische Mehrheit im Senat geben. Wenn nicht, hat dort Mitch McConnell das Sagen, und viele Vorhaben von Joe werden geblockt. Diese Wahl hat zumindest erst einmal die Blutung gestoppt. Jetzt können wir einen Kurswechsel vornehmen und die Welt und uns selbst daran erinnern, wofür wir stehen.

In Ihrer eigenen Präsidentschaft hatten Sie es mit vielen Herausforderungen zu tun, der Finanzkrise, der großen Wirtschaftskrise, dem Krieg in Syrien. Was sind aus Ihrer Sicht die drei größten Erfolge und Misserfolge Ihrer acht Jahre im Amt?

In dem Buch versuche ich hervorzuheben, wie knapp wir vor einer globalen Depression standen, nicht bloß einer großen Rezession. Ich bin immer noch sehr stolz darauf, dass wir verhindern konnten, dass die Welt in eine viel schlimmere Wirtschaftslage abrutscht. Es war immer noch schmerzhaft, und wir haben einen politischen Preis dafür gezahlt, denn es war anders als bei Franklin D. Roosevelt, der Präsident wurde, als die Weltwirtschaftskrise bereits drei Jahre andauerte. Es war also klar, wessen Schuld das war, und er konnte einen frischen Neustart hinlegen. Ich kam ins Amt, als es gerade anfing, abwärts zu gehen. Die Leute hatten noch nicht verstanden, wie schlimm es wirklich war, und obwohl wir die Talfahrt stoppen konnten, waren die Menschen enttäuscht, dass es nicht schneller aufwärts ging. Trotzdem glaube ich, das haben wir gut gemacht.

Das Pariser Klimaabkommen hat nicht gereicht, um den Klimawandel zu stoppen. Aber es hat eine internationale Architektur geschaffen, die klarmacht: Wir sind alle verantwortlich, wir haben alle unsere Rolle zu spielen, einschließlich Länder wie China, die vorher gesagt hatten: "Es ist nicht unsere Schuld, dass die Atmosphäre sich aufheizt; sollen doch die Europäer, Amerikaner und Japaner etwas tun." Die Zustimmung von China, Indien, Brasilien und anderen Ländern zu dem Bekenntnis zeigte, dass wir alle Teil der Lösung sind.

Um das zu erreichen, mussten Sie, wie Sie schreiben, "gangster shit" machen.

Wir hatten da unkonventionelle Verhandlungen, um ihnen bei ihrer Zustimmung etwas nachzuhelfen. Das hat den Weg zum Pariser Abkommen geebnet. Auch darauf bin ich sehr stolz.

Was ist mit den Misserfolgen?

Ich muss vorher noch den Affordable Care Act [auch bekannt als Obamacare, Anm.d.Red.] erwähnen. Meine Gesundheitsreform hat die Grundlage für etwas gelegt, was schon seit Jahrzehnten überfällig war, weil alle anderen Industriestaaten das längst verstanden haben: dass in einem so reichen Land wie unserem jeder Zugang zur Gesundheitsversorgung haben sollte. Das haben wir nicht ganz geschafft.

Was Misserfolge betrifft: Zweifellos ist es mir nicht gelungen, meine Beliebtheit auf meine Partei zu übertragen, sodass die Demokraten sich bei den Midterm-Wahlen nach meinen ersten zwei Amtsjahren nicht so gut geschlagen haben. Und selbst bei meiner Wiederwahl haben wir die Kongressmehrheit nicht zurückerobert. So waren mir die Hände bei der Verabschiedung von Gesetzen stärker gebunden, als ich es wollte. Im Bereich der Außenpolitik setzt mir die Tragödie in Syrien immer noch sehr zu. Beim Arabischen Frühling stand Ägypten im Rampenlicht und später Libyen, aber zugleich fing auch Syrien an, auseinanderzufallen. Jedenfalls war ich nicht in der Lage, die Staatengemeinschaft dafür zu gewinnen, Syrien zusammenzuhalten. Ich kann nicht aufhören, an das menschliche Leid zu denken, das daraufhin folgte.

Sie wurden geprägt durch die Frauen in Ihrem Leben, Ihre Mutter, Ihre Großmutter, später Michelle und die Töchter. Gleichzeitig haben Sie früh gemerkt, dass Sie anders sind: Ihre Hautfarbe, Ihr Aufwachsen, Sie lebten als Kind im Ausland, in Indonesien. Was hat Sie von all dem am stärksten beeinflusst, in die Politik zu gehen?

Eins der zentralen Themen in dem Buch ist mein Glaube daran, dass Amerika außergewöhnlich ist. Aber nicht, weil wir das stärkste Militär haben und so reich sind. Was Amerika vielmehr außergewöhnlich macht, ist die Tatsache, dass wir vielleicht die erste Großmacht der Geschichte sind, deren Bevölkerung aus Menschen besteht, die von überall herkommen. Ein Land, das mit dem Rassismusproblem zu kämpfen hat, das religiöse, ethnische und kulturelle Unterschiede bewältigen und versuchen muss, all das demokratisch zusammenzuhalten.

Ich bin in die Politik gegangen, weil ich einen Weg finden musste, mein eigenes Leben zu erklären, mit all meinen verschiedenen Wurzeln und sich kreuzenden Herkunftssträngen: eine weiße Mutter aus Kansas, ein schwarzer Vater aus Kenia, aufgewachsen in Asien, mit einer Halbschwester, die Halbindonesierin ist. Ich habe mir gedacht: Wenn ich mich als Ganzes fühlen, meinen Platz finden und mich nicht für nur eine meiner Wurzeln entscheiden will, dann muss ich mich der Idee Amerikas verschreiben. Amerika als einem Ort, an dem wir nicht mehr ein zusammengewürfelter Haufen unterschiedlicher Volksstämme sind, die sich gegenseitig bekämpfen und besiegen wollen, sondern alle Teil eines gemeinsamen Volkes sind. In meiner Vorstellung wird das Teil meiner eigenen Identität, einer gemeinsamen Identität in einer gemeinsamen Menschheit. Am Anfang dachte ich nicht, dass Politik mein Ding ist. Ich war viel stärker inspiriert durch die Bürgerrechtsbewegung und soziale Bewegungen wie Solidarnosc und Nelson Mandela.

Da begannen Sie Ihre Arbeit als Community Organizer in Chicago.

Genau. Als ich von der Uni kam, gab es keine großen sozialen Bewegungen. Ich lernte viel durch die Basisarbeit, aber dachte mir, dass ich vielleicht versuchen sollte, innerhalb des Systems zu arbeiten statt von außen.

In Ihrem Buch sind Sie sehr ehrlich mit sich, auch kritisch. Es ist eine Art Selbstreflektion - als Vater, Ehemann, Präsident. In einer sehr bewegenden Passage beschreiben Sie Ihr Schamgefühl, als Ihre krebskranke Mutter im Sterben lag und Sie nicht bei ihr waren, sondern Ihren "großen Zielen hinterherjagten". Und Sie fragen sich: Wollte ich mit all diesem Ehrgeiz "irgendein Loch in mir selbst füllen" - oder tatsächlich so vielen Menschen wie möglich helfen? Haben Sie jetzt eine Antwort?

Das ist interessant, weil Michelle und ich viel darüber gesprochen haben. Eins der Dinge, die ich beim Erwachsenwerden gelernt habe und die wohl zum Erwachsenwerden dazugehören, ist, dass man gar nicht anders kann, als erst einmal verschiedenen Impulsen und Ideen zu folgen, die sich aus der eigenen Vergangenheit ergeben, aus dem eigenen Hintergrund, der Beziehung zu den Eltern, möglicherweise erlittenen Traumata. Sicher, meine ursprüngliche Motivation zum Eintritt in das öffentliche Leben und die Politik, mein Wunsch, etwas Großes zu leisten, hat möglicherweise damit zu tun, dass mein Vater nicht präsent war, dass ich ein Außenseiter war und immer dazugehören wollte.

Wenn du älter wirst, verstehst du, dass es nicht mehr um deine ursprünglichen Motive geht, sondern darum, was du daraus gemacht hast. Und ich habe das Gefühl, dass ich meine persönlichen Probleme in gesunde Bahnen gelenkt habe, welches Loch ich auch immer in meinem Herzen gespürt habe und was auch immer mich in meinem Ehrgeiz angetrieben hat. Letzten Endes habe ich mir sagen können: Statt mich zu beweisen, indem ich soviel Geld verdiene wie möglich oder andere unterbuttere, möchte ich mich beweisen, indem ich schaue, wie vielen Menschen ich helfen kann.

In dem Buch zitiere ich eine berühmte Rede von Dr. Martin Luther King über den "Tambourmajor-Instinkt". Der Tambourmajor geht ja bei jeder Parade voran. Dr. King sagt, jeder will der erste sein, jeder will die Parade anführen, das ist ein menschlicher Instinkt, der uns innewohnt. Wir wollen gesehen werden und wichtig sein. Und die Frage ist: Kannst Du im Dienen führen? Kannst Du der erste sein, der anderen hilft? Das ist ein Weg, meine früheren Impulse so zu kanalisieren, dass sie hoffentlich hilfreich sind statt zerstörerisch. Ich denke, dass ich das irgendwie verstanden habe.

Sie sind immer gerne aus Washington rausgekommen und haben viele Staatslenker kennengelernt, in Indien, China, auch Angela Merkel, die jetzt in ihrem letzten Jahr als Bundeskanzlerin ist. Was halten Sie von ihr und welche Rolle sollte Deutschland in Zukunft einnehmen?

Ich habe das schon oft gesagt: Ich halte sehr viel von Angela Merkel. Sie war bisher eine herausragende politische Führungspersönlichkeit, nicht nur für Deutschland, sondern für Europa und die Welt. Im Laufe der Zeit haben wir an vielen Dingen gemeinsam gearbeitet, und unsere Beziehung ist tiefer geworden. Anfangs war sie ja ein bisschen skeptisch und meinte, sie würde Leuten, die so tolle Reden halten, erst einmal misstrauen.

200.000 Zuschauer wollten Sie damals in Berlin sehen.

Wir hatten auch schon früh Meinungsverschiedenheiten über Wirtschaftspolitik. Sie hat den deutschen Standpunkt wiedergegeben, der zum Teil in der deutschen Geschichte verwurzelt ist, dass ausufernde Staatsausgaben und staatliche Defizite eine schlechte Sache seien. Ich habe dagegengehalten, dass man mitten in einer Wirtschaftskrise und Rezession die Staatsausgaben kontrazyklisch hochfahren müsse. Wir hatten also unsere Auseinandersetzungen. Sie war aber durchgängig beständig, klug, fokussiert, und wie ich in dem Buch schreibe, instinktiv liebenswürdig, ein guter Mensch.

Merkels Führungsstärke in so vielen Krisen in Europa hat sie zu einem sehr wichtigen Partner gemacht. Ich habe ihr komplett vertraut. In keinem Augenblick, in dem wir miteinander zu tun hatten, hatte ich das Gefühl, sie würde nicht versuchen, das Richtige zu tun. Sie hat stets sehr ehrlich gesagt, was sie nicht machen kann, sie ist eine gute Politikerin.

In wirtschafts- und außenpolitischen Fragen musste sie mir manchmal erklären, welche Grenzen es dahingehend gibt, was die Deutschen akzeptieren können. Als wir über die griechische Finanzkrise sprachen, habe ich versucht, Europa als Ganzes und Angela im Besonderen dahin zu drängen, Griechenland nicht zusammenbrechen zu lassen, weil die Wirtschaft insgesamt zu zerbrechlich war. Sie musste natürlich die Entscheidungen des Bundestages und die Meinung der deutschen Bürger berücksichtigen, die fragten, warum sie für die Probleme Griechenlands geradestehen sollten. Aber sie hat eine sehr, sehr wichtige Rolle bei der Bewahrung der Europäischen Solidarität und der Europäischen Idee gespielt und sich der Rückkehr zu toxischem Nationalismus widersetzt, der Europa jahrhundertelang zerrissen hat. Man wird sie vermissen. Sie wollte ja schon früher aus dem Amt scheiden, und ich bin froh, dass sie, ich glaube wegen der Pandemie, entschieden hat, weiterzumachen. Ihr Krisenmanagement in der Pandemie ist das, was ich von ihr erwarte: faktenbasiert und klar, ehrlich zu den Menschen.

Sie sind der "Man of Change", der Mann des Wandels. Haben Sie immer noch diesen Hunger nach "Change" oder lässt das im Alter nach?

Ich sehne mich tatsächlich immer noch nach "Change", aber ich bin vielleicht nicht immer der, der die Veränderung bewirkt. Dass meine Stiftung, die Obama Foundation, sich auf junge Menschen konzentriert, liegt an meiner Überzeugung, dass frisches Blut und neue Stimmen dem politischen Prozess guttun. Ich hatte meinem Moment im Rampenlicht. Ich bin stolz auf das Erreichte. Meine wichtigste Aufgabe ist jetzt nicht der Versuch, bei der Parade weiter voran zu marschieren, sondern talentierten idealistischen jungen Menschen dabei zu helfen, diese Rolle zu übernehmen. Ich habe kein Problem damit, Mentor zu sein und der nächsten Generation zu folgen. Die haben ein Gefühl für das Richtige. Nicht nur hier in den USA, sondern weltweit. Auch in meiner Zeit als Präsident habe ich mich gerne mit jungen Menschen in Townhall Meetings getroffen. Ich glaube, das erste war sogar in Deutschland.

Es war in Straßburg, auf der anderen Seite der Grenze.

Stimmt, in Straßburg, mit tausend Studentinnen und Studenten aus ganz Europa, und ich habe das dann auf meinen Auslandsreisen zur Gewohnheit gemacht, weil ich das direkte Gespräch liebe. Die jungen Leute sind klug, idealistisch, haben sehr differenzierte Ansichten, glauben instinktiv an die Würde aller Menschen und sie verstehen, dass wir ökologische Nachhaltigkeit brauchen. Das Problem ist, dass sie den bestehenden Institutionen misstrauen. Sie glauben nicht, dass diese ihren Ansichten und Interessen dienen. Ich sage den jungen Menschen: Ihr könnt diese Institutionen ändern, aber dafür müsst Ihr Euch einbringen. Dazu will ich sie ermutigen.

Jemand hat mich gefragt, für wen ich dieses Buch eigentlich schreibe. Es ist tatsächlich für diese jungen Leute gedacht. Und zwar nicht als trockene Beschreibung meiner Präsidentschaft, sondern als Geschichte meines persönlichen Lebenswegs als junger Mann, der schließlich Präsident wurde. Ich möchte, dass junge Menschen begreifen, dass da nichts Märchenhaftes dahintersteckt. Ich bin nicht so anders als sie. Ich hoffe, das Buch kann ihnen als eine Art Wegweiser oder Reiseführer dafür dienen, was sie aus ihrem eigenen Leben machen können, wenn sie sich entscheiden, sich einer Sache zu widmen, die größer ist als sie selbst.

Wo sehen Sie selber Ihren Platz in der Geschichte?

Das muss man den Historikern überlassen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob man das schon beurteilen kann. Was ich einigermaßen sicher sagen kann, ist, dass es Amerika und der Welt am Ende meiner Amtszeit besser ging als zu Beginn. Darauf bin ich stolz. Ich sehe die Präsidentschaft wie einen Staffellauf, bei dem man den Stab übernimmt, seine Strecke läuft und dann den Stab weitergibt. Und ich glaube, dass ich meine Strecke ganz ordentlich bewältigt habe. Worauf ich stolz bin - und darüber spreche ich auch oft mit Michelle - ist die Tatsache, dass wir unseren Lauf mit Anstand absolviert haben. Es gab keine Skandale. Ich habe nicht das Gefühl, meine Werte verletzt zu haben. Ich habe mich sicherlich aufgrund meiner Erfahrungen verändert, aber nie das Gefühl gehabt, mich durch diese sehr seltsame Rolle als sogenannter Führer der freien Welt in meinem inneren Wesenskern zu verbiegen.

Das zeigt sich auch in unseren Kindern, was ein großer Segen ist. Meine Töchter sind wunderbar normal, halten sich nicht für etwas Besonderes, sind nicht verwöhnt, sind freundlich, rücksichtsvoll, engagieren sich. Das liegt hauptsächlich an Michelle und meiner Schwiegermutter, aber ein bisschen halte ich mir das auch zugute.

Was würde der junge, damals so idealistische Barack Obama von dem fast 60-jährigen Pragmatiker denken?

Ich bin mir sicher, dass er manche meiner Kompromisse und Entscheidungen kritisch sehen würde. Aber ich stelle mir gerne vor, dass er sagen würde, ich hätte ein ziemlich gutes Beispiel gegeben. Und er würde sich vielleicht fragen, warum ich mein Haar nicht färbe.

Mit Barack Obama sprachen RTL-Anchorman Peter Kloeppel und Jan Christoph Wiechmann, US-Korrespondent des "Stern". Das Interview erscheint auch in der aktuellen Ausgabe des "Stern". Auf TV Now sehen Sie außerdem die Doku "Obama - Meine wahre Geschichte".