Politik

"Ich hatte Wichtigeres zu tun" Als Obama noch über Trump spottete

imago0105990882h.jpg

Barack Obama unterstützte im US-Wahlkampf seinen einstigen Vize-Präsidenten Joe Biden. Nun erscheint die Autobiografie des Ex-Präsidenten.

(Foto: imago images/The Photo Access)

Barack Obama veröffentlicht seine Memoiren und es ist eine oft düstere Lektüre über einen Mann, der mit sich und den Erwartungen hadert. Und der dunkle Vorahnungen hat. Angela Merkel wird das Buch besonders gern lesen.

Wenn der Weg in die Hölle mit guten Absichten gepflastert ist, hat sich Barack Obama seinen Leidensweg selbst gebaut. Weil er meinte, was er versprach, weil er einen Wandel wollte, Hoffnung, nicht nur als PR-Spruch, sondern aus Überzeugung. Und dann im Weißen Haus zu sich kam und merkte, dass "mein Herz nun an strategische Erwägungen und taktische Analysen gekettet war". Dass er die Erwartungen nicht erfüllen konnte, die eigenen nicht, und die der anderen nicht.

Einer, der oft nicht konnte, wie er wollte, und darunter litt - das ist die Geschichte, die Barack Obama in seinen lang erwarteten Memoiren seiner ersten Amtszeit erzählt. Wie es sich anfühlt, Präsident zu sein, möchte er erklären. In seinen eigenen Worten: Wie ein Bergsteiger, der nach dem Gipfelsturm erkennt, dass dahinter noch ein viel höherer Gipfel wartet, die Vorräte aufgebraucht sind, die Knochen schmerzen und ein Gewitter aufzieht.

Vom Lehman-Crash in die Griechenland-Pleite, vom Desaster in Afghanistan in die historische Pleite bei den Kongresswahlen - eine nie endende Welle von Mammutaufgaben schwappt über die 1000 Seiten. Und eine dunkle Vorahnung auf das, was ein paar Jahre später kommen wird, wie der auffrischende Wind, der das Gewitter ankündigt: Ein Land driftet auseinander, Republikaner und Demokraten verschanzen sich, der Ton radikalisiert sich. Und spät, fast ganz zum Schluss, taucht der Typ auf, der "völlig hemmungslos" war. Den Obama erst gar nicht beachtete, sich lustig machte über seine Verschwörungstheorien, ohne zu ahnen, was dem Land bevorstehen sollte.

Ein ganz normaler Teenie

Barack Obama

Barack Hussein Obama II wurde am 04. August 1961 in Honolulu auf Hawaii als Kind eines Kenianers und einer US-Amerikanerin geboren. Als Kind lebte er nach der Scheidung der Eltern einige Zeit mit der Mutter in Indonesien. Nach der High School studierte Obama zunächst Politikwissenschaften und arbeitete in Chicago für eine NGO, bevor er sich an der Harvard Law School für Jura einschrieb. Dort lernte er 1989 Michelle Robinson kennen, die er 1992 heiratete. Das Paar hat zwei Kinder – Malia Ann (*1998) und Sasha (*2001). Seine politische Karriere startete Obama 1996 als Senator in Illinois. 2004 wechselte er in den US-Senat, einen Namen machte er sich vor allem als Gegner des Irak-Krieges. Im Vorwahlkampf der Demokraten 2008 setzte er sich gegen Hillary Clinton durch, am 04. November 2008 wurde er gegen den Republikaner John McCain zum 44. Präsidenten der USA gewählt. Vier Jahre später errang er gegen Mitt Romney seine zweite Amtszeit.

Aber "Ein verheißenes Land" ist Obamas Geschichte, und weil er weiß, wie man fesselnde Geschichten erzählt, macht er den Lesern so gut es geht weis, dass die Präsidentschaft auch nur wie ein ganz normaler Job ist. Man verzettelt sich heillos in zu vielen Projekten, man versucht sein Bestes, scheitert meist, ärgert sich über die Kollegen, raucht zu viel, schläft zu wenig. Naja, und man kann "die ganze Welt in die Luft jagen", wie Obama schreibt, offenbar noch immer mit Erstaunen.

Den Weg ins Oval Office beschreibt Obama wie eine typische Cinderella-Story: Ein ganz normaler Teenager sei er gewesen, ein "lustloser Schüler und leidenschaftlicher Basketballer", der mit Freunden nur über Sport und Mädchen quatschte "und darüber, wie und wo wir uns betrinken können". Die Lektüre von Marx und Foucault? Nur ein Weg, um am College Frauen aufzureißen. Letztlich schafft er es dann aber doch an die Eliteuni Harvard - und lernt Michelle Robinson kennen, die er 1992 heiratet. Seiner Karriere als Politiker steht Mrs. Obama aber skeptisch bis genervt gegenüber, vor allem als er in den Kongresswahlen 2000 eine herbe Niederlage kassiert. Ein Tiefpunkt, den Obama schonungslos beschreibt: "Ich war fast 40 und pleite, habe eine demütigende Niederlage erlitten, mit meiner Ehe stand es nicht zum Besten."

Plötzlich Kriegsherr

Man könnte Obama zugute halten, dass er seine Pleiten nicht ausspart - allerdings trägt er sie oft im Ton des Klassenstrebers vor, der in der Klassenarbeit ein ganz schlechtes Gefühl hatte, und dann doch wieder als Einziger eine Eins geschrieben hat. "Humblebrag" nennen das die Amerikaner, gespielte Demut, die in Angeberei ausarten kann. So schlecht gelaufen ist es ja nicht für Obama - vier Jahre später war dieser Mann der Hoffnungsträger der Partei und US-Senator, noch mal vier Jahre später plötzlich der erste schwarze US-Präsident der Geschichte. Und mehr als das: Ein globaler Hoffnungsträger, der 2008 noch als Kandidat in Berlin vor 200.000 spricht - eine Rolle, die ihm "Unwohlsein" bereitet, wie er schreibt. Vor allem, weil es Erwartungen aufbaut, die kein Politiker erfüllen kann. Er ahnt es, und muss es doch auf die harte Tour lernen.

Die Lektion in Realpolitik beginnt sofort nach seinem Einzug ins Weiße Haus. "Yes we can"? Nicht in einer weltweiten Finanzkrise, die sich rund um den Lehman-Crash ausbreitet, die Millionen Amerikaner in Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit stürzt. Nicht mit sturen Republikanern, für die im Kulturkampf gegen Obama "die Regeln nicht mehr gelten". Nicht in der Verantwortung des Commanders in Chief, den viele Wähler gern als Antikriegspräsident gesehen hätten, der aber noch mehr Soldaten nach Afghanistan schickte. "Bisher hatte ich den "War on Terror' von den billigen Plätzen kritisiert", schreibt Obama dazu. "Jetzt war das mein Krieg."

Warum er ihn im Irak beendet und in Afghanistan weiterführt, begründet er in seitenlangen Exkursen bis ins kleinste Detail (wobei er die Kontroversen um die Frage auslässt, wie er ihn führt, Stichwort Drohnenkrieg) , ergänzt durch Exkurse in die Geschichte der Länder, eingebettet in ein Proseminar über die Funktionsweise des amerikanischen Regierungssystems. Selbst für die deutschen Leser, die dank John Kings Geografie-Lehrstunden auf CNN während der Wahlen problemlos Susquehanna County auf der Karte finden, dürften einige der Kapitel über Obamacare und das TARP-Gesetz schwere Kost sein.

Wer dranbleibt, wird mit einigen spannenden Selbstreflektionen Obamas belohnt. Die Enttäuschung vieler Menschen über seine Politik teile er sogar, schreibt er an einer Stelle. "Die Leute hatten gemeint, dass meine Wahl das Land verändert. Stattdessen ist ihr Leben noch schwerer, und Washington so kaputt wie eh und je." Was er selbst zur Enttäuschung beigetragen hat, dazu schweigt er weitestgehend - das Privileg des Memoirenschreibers. Auffällig jedoch, wie oft er externe Faktoren für das Scheitern verantwortlich macht, so etwa im Sommer 2009, den er als "Sommer des Aufschwungs" geplant hatte: "Nur dass Griechenland implodierte." Oder bei der neuen Nahoststrategie, die mit dem Arabischen Frühling kollidierte: "Wäre unser Timing nur besser gewesen."

In vielen Momenten blitzt aber auch der Humor durch, der so viel beigetragen hat zur Popularität Obamas - als ein Berater ihn wachklingelt und vom Friedensnobelpreis berichtet, antwortet der US-Präsident mit einer Gegenfrage: "Wofür?"

Lob für Merkel

Leichter lesbar sind die Kapitel, in denen Obama seine Leser Mäuschen spielen lässt in der Weltgeschichte, bevorzugt natürlich bei Heldentaten und Husarenstücken, an denen der Ex-Präsident manchmal eine diebische Freude erkennen lässt. Bei der Weltklimakonferenz COP15 in Kopenhagen 2009 zieht er gemeinsam mit Hillary Clinton eine Kommandoaktion durch, die einer seiner Berater als "echte Gangsternummer" feiert: Chinas Premier Wen Jiabao will das Abkommen platzen lassen und weicht einem Gespräch mit Obama aus. Der lässt Jiabao aufspüren und crasht dessen konspiratives Treffen mit Brasilien, Indien und Südafrika - am Ende steht ein Deal, in dem sich auch die Schwellenländer erstmals auf einen Beitrag zum Klimaschutz verpflichten.

Abstimmen muss Obama sein Vorgehen in Kopenhagen vor allem mit den Europäern - und der Frau, die er als Europas Führungsfigur betrachtet: Angela Merkel. Die wünscht ihm, Deutsche können es sich lebhaft vorstellen, lakonisch "viel Glück" für das Treffen mit den Chinesen, wobei sie "die Mundwinkel kurz nach unten zog (…), die Mimik eines Menschen, der gewohnt ist, unangenehme Dinge in Angriff zu nehmen."

"Zuverlässig, ehrlich, intellektuell präzise"

Von der deutschen Kanzlerin schreibt Obama nur in höchsten Tönen - auch wenn Merkel ihm anfangs mit Skepsis begegnet sei, "wegen meiner Fähigkeiten als Redner". Er habe es Merkel nicht übel genommen, eine Abneigung gegen mögliche Demagogie sei wohl eine gute Eigenschaft für deutsche Politikerinnen. Und je besser der US-Präsident Merkel kennenlernte, umso sympathischer sei sie ihm geworden: "Zuverlässig, ehrlich, intellektuell präzise und auf eine natürliche Art freundlich." Was nicht bedeutet, dass Merkel und Obama sich inhaltlich immer einig waren, im Gegenteil, im Zuge der Wirtschaftskrise 2009 etwa blockte die deutsche Kanzlerin die amerikanischen Wünsche nach Konjunkturspritzen ein ums andere Mal ab - mit einem typischen Merkel-Satz, "so als hätte ich etwas leicht Geschmackloses vorgeschlagen": "Ja, Barack, ich denke, das ist vielleicht nicht die beste Herangehensweise für uns."

Die stoische Art der Kanzlerin belustigte Obama sogar hin und wieder - wie auf dem G20-Treffen in London 2009, als Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy im Überschwang über das Abkommen lauthals den Namen des US-Finanzministers Timothy Geithner skandierte. Obama brach in Gelächter aus, auch wegen Angela Merkels "gequältem" Gesichtsausdruck. "Sie beäugte Sarkozy wie eine Mutter ein ungezogenes Kind."

Hohn und Spott für Trump

Ganz und gar nicht lustig fand Obama einen Mann, den er lange nur "am Rande" beachtet hat, der aber plötzlich die Schlagzeilen beherrschte - mit der Lüge, Obama sei nicht in den USA geboren. "Anfangs beachtete ich den Unfug nicht", schreibt Obama, der Donald Trump als "nach Aufmerksamkeit heischenden Baulöwen" abgeheftet hat. Kennengelernt habe er ihn, als Trump anbot, das sprudelnde Bohrloch der Deepwater Horizon abzudecken. Es war wohl eine der besseren Entscheidungen der Obama-Administration, die Operation Profis zu überlassen.

"Ein verheißenes Land" macht klar, wie die Republikaner und besonders die Tea Party das Feld für Obamas Nachfolger bestellen, mit Kompromisslosigkeit, Tricks und Lügen. 4 von 10 Wählern der Republikaner glaubten damals, Obama sei tatsächlich kein gebürtiger US-Amerikaner. Ein Umstand, den der Präsident damals noch mit Humor nimmt, in seinem legendären Auftritt beim Correspondents Dinner, als er Trump verspottet, der im Publikum sitzt: "Was will er als nächstes beweisen? Dass wir nie auf dem Mond waren?" Eigentlich die letzten Worte, die er Trump widmen wollte. "Ich hatte Wichtigeres zu tun."

"Ich fühlte mich schuldig"

ANZEIGE
Ein verheißenes Land: Über 1000 Seiten mit 32 Seiten Farbbildteil
42,00 €

Das galt zu Obamas Leidweisen auch oft für die Familie, um die er sich nicht so kümmern kann, wie er will. "Ich fühlte mich schuldig", gesteht er an einer Stelle, weil er oft nicht da war, um Malia und Sasha aufwachsen zu sehen, ihnen vorzulesen, sie zum Sport zu begleiten. Umso intensiver erlebt er die seltenen Momente der Normalität, auch an seinen stolzen Tränen lässt er die Leser teilhaben. Bei allen Einblicken in das nicht immer rosige Privatleben der Obamas: Wie er sich wirklich dabei fühlt, Präsident zu sein, das spricht er nie explizit aus.

Viele Seiten füllt er mit der Frage, was seine Wahl für die People of Color in den Vereinigten Staaten bedeutet, er benennt den Rassismus, der noch immer die Gesellschaft vergiftet, aber einen tiefen Einblick in seine Erfahrungen gewährt er nicht. Vielleicht, weil er weiß, dass man immer Präsident bleibt. Und sein Herz deswegen ewig an strategische Erwägungen gekettet bleibt.

Barack Obama: Ein verheißenes Land. Aus dem amerikanischen Englisch von Sylvia Bieker, Harriet Fricke, Stephan Gebauer, Stephan Kleiner, Elke Link, Thorsten Schmidt und Henriette Zeltner-Shane. 1024 Seiten, mit 32 Seiten Farbbildteil. 42,00 €. Penguin Verlag. Erscheint am 17. November 2020.

Quelle: ntv.de