Politik

Unfall? Partisanen? Raketen? Warum Kiew einen Krim-Angriff dementiert

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Russland spricht von einem Brand des Munitionsdepots, die Ukraine schweigt. Was passierte auf der Militärbasis Saki?

(Foto: dpa)

Für die russische Armee ist es ein schwerer Schlag: Die Militärbasis Saki auf der Krim-Halbinsel ist von schweren Explosionen erschüttert worden. Wer dahinter steckt, ist naheliegend. Doch die ukrainische Führung in Kiew weist alle Verantwortung von sich. Die Indizien weisen dennoch auf einen gezielten militärischen Angriff vonseiten der Ukraine hin. Das hätte nicht nur konkrete Folgen für den Kampf an der Frontlinie, sondern auch einen psychologischen Effekt.

Was genau ist passiert?

Bei mehreren Explosionen auf dem russischen Militärstützpunkt Saki am Schwarzen Meer kam nach offiziellen Angaben der Krim-Verwaltung ein Mensch ums Leben, neun weitere wurden verletzt - darunter auch zwei Kinder. Videos von Augenzeugen, die nahe des Dorfes Nowofjodorowka aufgenommen worden sein sollen, zeigten zwei riesige Explosionen und Rauchsäulen am Horizont.

Welche Schäden gibt es?

Die Schwere der Explosionen lässt auf große Schäden schließen. Allerdings dementiert die russische Seite, dass Kampfflugzeuge zerstört wurden. Die Ukraine spricht von neun zerstörten Kampfjets. Zu überprüfen sind die Angaben nicht. Um den Stützpunkt herum wurde schon kurz nach den Explosionen ein fünf Kilometer weiter Sperrkreis eingerichtet. Satellitenbilder zeigen vor dem Angriff ein Dutzend Kampfflugzeuge des Typs Suchoi Su-24 und zehn Suchoi Su-30-Maschinen. Zudem sollen auch sechs Helikopter und ein Transportflugzeug des Typs Iljuschin Il-76 auf den Bildern zu erkennen sein.

Was sagt Russland zur Ursache?

Nach russischen Angaben wurden durch die Explosionen lediglich Munitionslager auf der Militärbasis zerstört. Eine offizielle Ursache nennt der Kreml nicht. Aus dem russischen Verteidigungsministerium heißt es, man gehe von einem Verstoß gegen Brandschutzregeln aus. "Es gibt keine Anzeichen, Beweise oder gar Fakten, dass die Munition vorsätzlich zur Explosion gebracht wurde."

Nach Einschätzung des Institute for the Study of War (ISW) hat der Kreml aber auch wenig Interesse daran, der Ukraine erfolgreiche Luftschläge vorzuwerfen. Denn das würde beweisen, wie unwirksam die russischen Luftverteidigungssysteme sind. Schon der Untergang der "Moskwa", dem Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte, war im April vom Kreml als Folge eines Munitionsbrands in stürmischer See dargestellt worden. Die Ukraine sprach hingegen von einem gezielten Angriff.

Steckt die Ukraine hinter den Explosionen?

Obwohl ein Angriff nach dem Versenken der "Moskwa" als einer der größten symbolischen Erfolge für die ukrainischen Armee gewertet würde, übernimmt Kiew offiziell bisher keine Verantwortung dafür. Eine Bestätigung gab es bisher nur von anonymen Quellen aus dem ukrainischen Militär. In einer ersten Erklärung der ukrainischen Vizeverteidigungsministerin Hanna Majljar hieß es ironisch unter Verweis auf die russische Erklärung, man könne "die Brandursache nicht feststellen". Man erinnere aber noch einmal an die Brandschutzregeln und das Rauchverbot an nicht gekennzeichneten Orten.

Präsidentenberater Mychajlo Podoljak antwortete auf die Frage des unabhängigen russischen Fernsehsenders "Doschd", ob Kiew hinter dem Angriff stecke: "Natürlich nicht. Was haben wir damit zu tun?" Wolodymyr Selenskyj selbst nutzte den Vorfall aber, um seinen Landsleuten ein Versprechen zu machen: "Die Krim ist ukrainisch, und wir werden sie niemals aufgeben." Russland hatte die Halbinsel im Schwarzen Meer 2014 annektiert.

Kann es ein Unfall gewesen sein?

Experten bezweifeln das. Allein die Tatsache, dass auf den Augenzeugen-Videos zwei nahezu simultan verlaufende Explosionen zu sehen sind, spricht laut dem ISW gegen die These eines versehentlich ausgelösten Feuers. "Es soll 12 Detonationen innerhalb einer Minute gegeben haben", erklärte Wolfgang Richter, Militärexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), dem ZDF. "Dass über große Entfernung fast gleichzeitig 12 Behälter oder Bunker für Munition in Sekundenabständen hochgehen, das spricht für einen organisierten Angriff."

Welche Waffen könnten genutzt worden sein?

Richter hält einen Angriff mit Boden-Boden-Raketen für die wahrscheinlichste Erklärung. Allerdings verfügt die Ukraine offiziell nicht über Systeme mit der nötigen Reichweite. Sowohl Richter als auch der Militärexperte Gustav Gressel verweisen jedoch darauf, dass die Ukraine seit Jahren an einem modernen System für Kurzstreckenraketen arbeite - der Name: Grom-2. Es soll dem russischen Iskander-System ähnlich sein. Schon im Juni sollen Grom-2-Raketen eingesetzt worden sein - nun womöglich zum ersten Mal mit größerem Effekt. Die Reichweite beträgt bis zu 500 Kilometer. Damit wären Stellungen auf russischem Boden auch im Landesinnern gut zu erreichen.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass die Ukraine westliche Waffensysteme erhalten hat, ohne dass dies bekannt geworden ist. Denkbar wäre etwa die Lieferung von HIMARS-Raketenwerfern mit größerer Reichweite aus den USA. Bisherige HIMARS-Lieferungen standen allerdings unter dem Vorbehalt, dass die Ukraine keine Ziele auf russischem Boden angreifen durfte. Weil der Westen die Krim aber nach wie vor zum ukrainischen Territorium zählt, könnten die Grenzen der Zulässigkeit breiter ausgelegt worden sein.

Nichtsdestotrotz böte diese Version eine Erklärung dafür, warum die Ukraine den Angriff bisher bestreitet - womöglich aus Sorge, einen seiner größten Unterstützer, die USA, zu verprellen. Olexij Arestowytsch, ein weiterer Berater des Präsidenten, sprach inoffiziell von einem Angriff mit einer neuen ukrainischen Waffe, "während die Partner uns noch keine weitreichenden Raketen schicken". Sollte tatsächlich eine Grom-2-Rakete eingesetzt worden sein, wäre es zumindest nachvollziehbar, den Feind erst einmal über Details der neuartige Waffe im Unklaren zu lassen.

Waren es Partisanen?

Sowohl Arestowytsch als auch Podoljak deuteten an, dass Partisanen, die loyal zur Ukraine stehen, an der Aktion beteiligt gewesen sein könnten. Ähnliches legt auch eine anonyme ukrainische Militärquelle nahe, die von der "New York Times" zitiert wird. Tatsächlich soll es auf der Krim und im Donbass eine wachsende Zahl an Widerstandskämpfern geben. Bisher beschränkten sich ihre Angriffe allerdings auf Autobomben und kleinere Scharmützel mit russischen Soldaten. Dass sie eine Aktion in der Größenordnung wie in Saki auf eigene Faust geplant und durchgeführt haben, ist unwahrscheinlich.

Welchen Einfluss hat der Angriff auf den Krieg?

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Für die Ukraine bedeutet die Zerstörung oder zumindest die Beschädigung der Militärbasis nicht nur einen symbolischen Erfolg, es könnte auch direkte Folgen für das Kriegsgeschehen an der Frontlinie haben. Diese liegt zwar mehr als 200 Kilometer von Saki entfernt. Allerdings starteten den Angaben des ukrainischen Offiziers zufolge von dem Stützpunkt "regelmäßig Flugzeuge zu Angriffen auf unsere Kräfte an der südlichen Front". Gegen die verheerenden russischen Luftangriffe auf seine Städte und Dörfer hat die Ukraine bisher kein effektives Mittel gefunden. Forderungen nach einer Flugverbotszone erteilte die NATO bereits zu Beginn des Krieges eine Absage.

Dem Politikwissenschaftler Carlo Masala zufolge hat der Vorfall aber auch einen psychologischen Effekt, der "bis nach Russland reichen wird". Er verweist auf Videos von langen Staus vor der Brücke von Kertsch in Richtung Russland. Zahlreiche russische Touristen machten zum Zeitpunkt des möglichen Angriffs Urlaub an den Stränden der Schwarzmeerküste - und traten nach den Ereignissen vom Dienstag offenbar fluchtartig den Heimweg an. "Wer während eines Angriffskrieges Urlaub auf der Krim macht, da hält sich mein Mitgefühl über deren Ängste in extrem engen Grenzen", twitterte Masala.

Quelle: ntv.de, jug

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