Politik

Ärztekritik an Corona-Plänen "Weder zielgerichtet, noch verhältnismäßig"

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Noch darf sie täglich bis 23 Uhr Gäste empfangen: eine Bar in Warendorf, NRW.

(Foto: picture alliance/dpa)

Renommierte Virologen und die Kassenärzte kritisieren scharf, was der Bund im November für Gastro-, Hotel- und Kulturbetriebe plant. Kurzfristige Maßnahmen wie ein Lockdown könnten nicht die Lösung sein. Stattdessen müsse die AHAL-Regel konsequent umgesetzt werden.

Deutliche Kritik an einigen Corona-Maßnahmen, die der Bund heute mit den Ländern beschlossen hat, kommt am selben Tag aus der Ärzteschaft. "Eine pauschale Lockdown-Regelung ist weder zielführend noch umsetzbar", sagt Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). In einem gemeinsamen Online-Auftritt, kurz bevor die Kanzlerin sich mit den Länderchefs zusammenschaltet, machen Gassen und die renommierten Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit klar, dass der Bund mit den geplanten Maßnahmen aus ihrer Sicht auf das falsche Pferd setzt: den kurzen Sprint.

"Wir sehen im Ausland, dass es dramatisch nicht funktioniert - nehmen Sie Spanien, nehmen Sie Frankreich", sagt Gassen. Die Frage sei: "Wie oft wollen wir diesen Lockdown in der nächsten Zeit noch machen?" Da das Virus Teil der Lebensrealität bleiben werde, "können wir wohl kaum alle vier Wochen mal das ganze Land runterfahren. Wenn Sie das noch zweimal machen, brauchen Sie auch nichts mehr runterfahren, denn dann ist sowieso jede Gastronomie am Ende und die Hälfte der Industrie abgewrackt."

Er und die beiden Kollegen aus der Wissenschaft glauben nicht daran, dass nach den vier Wochen die Gesundheitsämter wieder in der Lage wären, Kontakte vollständig nachzuverfolgen. "Das wird nicht passieren. Deshalb brauchen wir andere Instrumente."

Doch was für Instrumente könnten das sein? "Im Vordergrund muss in unseren Augen die Fokussierung der Ressourcen auf die Risikogruppen sein", erläutert der Bonner Wissenschaftler Streeck und bezieht sich damit sowohl auf Betagte und Kranke in den Alten- und Pflegeheimen und Krankenhäusern, als auch auf diejenigen, die zuhause sind. Hier muss aus Sicht der Experten deutlich mehr passieren:

"Ressourcen vergeudet und Existenzen zerstört"

"Nachbarschaftshilfen für die Leute, die sich selber isolieren wollen" führt Streeck aus, "FFP2-Masken für die Leute, die zuhause bleiben, aber einen Besucher empfangen wollen. Wir haben auch keine Testmöglichkeiten für zuhause, sodass bei Leuten, die über die Wintermonate zuhause bleiben wollen, Besucher getestet werden können."

"Sehr viel wichtiger" als die kurzfristigen Maßnahmen sei es, sich auf den Marathon vorzubereiten. "Dass wir auch über Gebote reden, dass die Maske zum Beispiel sexy wird. Dass wir einen Weg haben, Leben zuzulassen, ohne andere Menschen zu gefährden." Denn auch wenn der Impfstoff da sei, werde Deutschland noch Jahre mit dem Virus zu tun haben.

"Weder zielgerichtet, noch verhältnismäßig" lautet das Urteil des Hamburger Virologen Schmidt-Chanasit zu den Plänen, Gastronomie, Hotellerie und Kultur im November herunterzufahren. "Es macht keinen Sinn, ein Hotel zu schließen mit Hygienekonzept, ein Restaurant zu schließen mit Hygienekonzept, Theater zu schließen mit Hygienekonzept, wo keine Infektionen aufgetreten sind." So würden Ressourcen vergeudet und Existenzen zerstört. "Diese Kraft brauchen wir für die anderen Maßnahmen."

Die AHAL-Regel - Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften - sei ausreichend, "um dafür zu sorgen, dass wir diese Pandemie gut durchstehen können. Aber sie muss eben auch konsequent umgesetzt werden." Chanasit würde stärker auf Gebote als auf Verbote setzen, auf "Prävention, wo man in die Zielgruppen hineinwirkt". Das sei bislang versäumt worden. "Gerade in den Zielgruppen, die nicht so gut Deutsch sprechen, die vielleicht nicht deutsches Radio hören" hätte man sehr frühzeitig mit entsprechenden Vertrauens- und Respektspersonen "hineingehen müssen, aufklären müssen und für Verständnis werben".

Ein kurzzeitiger Sprint, ein vierwöchiger Lockdown werde unter großen Nebenwirkungen dazu führen, dass die Fallzahlen nach unten gehen. "Und dann sind wir wieder in der gleichen Situation, dass wir uns die Frage stellen: Was ist eigentlich unsere langfristige Strategie?", so Chanasit. "Ich denke, es kann hier nicht das Ziel sein, einen bestimmten Feiertag im Blick zu haben. Weihnachten ist aus Pandemiesicht und aus Sicht einer Pandemiebekämpfung an den Haaren herbeigezogen. Wir werden nächstes Weihnachten noch damit zu tun haben und das Jahr darauf."

Quelle: ntv.de