Politik

Der Vater des Großen Terrors Wie Stalin ein System der Paranoia schuf

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Stalin im Jahr 1930.

(Foto: AP)

Immerhin dieser zweifelhafte Ruhm gebührt ihm: Josef Stalin gehört zu den größten Diktatoren, die die Welt gesehen hat. Doch wer war dieser Mann, der für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich ist und der heute ungeahnte Popularität erlebt?

Für die Leibwächter Josef Stalins wird es ein ungemütlicher Tag. Nichts rührt sich an jenem 1. März 1953 in den Gemächern des obersten Führers der Sowjetunion, es gibt keine "Bewegung", wie sie unruhig ihren Chefs melden. Ihre Besorgnis wächst über den Tag, doch keiner traut sich, ungerufen nach Stalin zu sehen. Erst als die Nacht hereinbricht und die Post gekommen ist, wagen sie sich in Stalins Wohnräume, wo sie ihn reglos auf dem Boden liegend vorfinden.

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"Väterchen Stalin", wie ihn die Sowjetpropaganda sah.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eindringlich und in mehreren Kapiteln beschreibt der Historiker Oleg Chlewnjuk in seiner jüngst erschienen Biografie "Stalin" die letzten Tage des Diktators: das Zögern seiner Leibwächter sowie die Angst der obersten Führung der Sowjetunion. Nur gemeinsam eilen Nikita Chruschtschow, Nikolai Bulganin, Lawrentia Berija und Georgi Malenkow zur "nahen Datscha", in der sich Stalin aufhält. Nur die beiden Letzteren huschen kurz in die Wohnräume, werfen einen Blick auf den schlafenden Sowjetführer und kehren unverrichteter Dinge wieder um. Erst am nächsten Tag, nach der offiziellen Absegnung durch das ZK-Büro, begutachten die bei Stalin in Ungnade gefallenen Ärzte diesen und stellen fest: eine starke Gehirnblutung mit erheblichen Schäden der Gehirnarterien.

Wie konnte es zu dieser gespenstischen Szenerie in Stalins letzten Stunden kommen? Und was war das für ein Mann, der Millionen Menschenleben zerstörte und heute in Russland immer mehr als Vorbild gepriesen wird? Diesen Fragen geht Oleg Chlewnjuk in seiner Biografie nach. Mehr als zwei Jahrzehnte hat er sich mit Stalin befasst, was, wie er selbst schreibt, "aufreibend und emotional belastend" war. Dabei stützt sich der leitende Mitarbeiter des Staatsarchivs der Russischen Föderation in Moskau auf Unmengen neu zugänglichen Archivmaterials. Herausgekommen ist ein faszinierendes Werk, das gleichermaßen den Lebensweg und die Persönlichkeit Stalins beleuchtet und  - davon kaum abzukoppeln - auch die blutgetränkte Geschichte der Sowjetunion.

Chlewnjuk räumt in seinem mehr als 500 Seiten langen Werk gleich mit mehreren Mythen auf, die sich im heutigen Russland zunehmender Beliebtheit erfreuen: So widerlegt er die These, dass der Terror spontan von unten gekommen sei. Anhand zahlreicher Quellen zeigt die Biografie, wie der gebürtige Georgier und ehemalige Priesterkandidat Stalin gezielt den Terror einsetzt, um seinen Aufstieg zu sichern und später seine Macht zu festigen. In den Zeiten des Großen Terrors von 1937 und 1938, der sich gegen angebliche "antisowjetische Elemente" richtet, bekommen die Regionen und Republiken sogar konkrete Zielvorgaben, wie viele Hinrichtungen und Internierungen stattfinden sollen.

Millionen in Arbeitslagern

Dabei konnte der Terror jeden treffen: Bauern, ehemalige Anhänger des Zaren, Angehörige der Sicherheitskräfte und verschiedener Nationalitäten wie etwa ethnische Polen, Deutsche, Litauer oder Tschetschenen. Oft reichte ein Witz oder eine kritische Bemerkung, um denunziert zu werden. Die Folgen des allgegenwärtigen Unterdrückungsapparates sind katastrophal. Mehr als 20 Millionen Sowjetbürger kommen in Arbeitslager, mehr als 6 Millionen Angehörige von Nationalitäten werden kollektiv verbannt. Allein auf dem Höhepunkt des Terrors 1937/38 richten Angehörige der Sicherheitsorgane 700.000 Menschen hin.

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Die Biografie erscheint im Siedler-Verlag und kostet 29,99 Euro.

Selbst gegen Ende seines Lebens, als Stalin längst alle Konkurrenten ausgeschaltet hatte und unangefochten an der Spitze des Staates stand, blieb der Terror das konstituierende Element seiner Herrschaft. Auch wenn ihn mehr als 300 Sicherheitsleute beschützten, bangte er ständig um sein Leben. Misstrauisch spielte er seine engsten Vertrauten gegeneinander aus, kontrollierte die Geheimpolizei und mobilisierte die Gesellschaft gegen innere und äußere Feinde. Kurz vor seinem Tod traute er nicht mal mehr seinen Ärzten und ließ viele von ihnen verhaften und foltern. Die groß aufgebauschte sogenannte Ärzteverschwörung hielt in Ermangelung eines echten Krieges den "psychologischen Zustand der Kriegsbereitschaft aufrecht", wie Chlewnjuk schreibt, was wiederum die Bevölkerung von ihrem eigenen Elend ablenkte. Die Paranoia als altbekanntes Mittel zum Herrschaftserhalt.

Schlüssig widerlegt Chlewnjuk auch etliche andere Mythen, die immer noch kursieren. Obwohl ihn die staatliche Propaganda als weitsichtigen Generalissimus feierte, war seine Kriegsplanung fatal und trug mit dazu bei, dass rund 27 Millionen Einwohner der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg ihr Leben ließen. Stalin, der in den 30er-Jahren Zehntausende Kommandeure erschießen ließ und dadurch die Rote Armee extrem schwächte, war trotz warnender Vorzeichen völlig überrascht vom deutschen Angriff am 22. Juni 1941. Als in den ersten Monaten – auch durch inkompetente Befehle seinerseits – Niederlage auf Niederlage folgte, witterte er überall Verschwörungen und erließ den berüchtigten Befehl Nr. 270. Danach war es für Soldaten ein Verbrechen, in Gefangenschaft zu geraten. Wer dem Feind in die Hände fiel, sollte "mit allen Mitteln" getötet werden, die Angehörigen die staatliche Unterstützung verlieren.

Auch die vielbeschworene Modernisierung der Sowjetunion, die aus einem rückständigen Bauernstaat in wenigen Jahrzehnten eine Industrienation machte, hatte einen verheerenden Preis: Millionen Menschen verhungerten in den frühen 30er-Jahren, als Stalin mit seiner Politik des Großen Sprungs völlig ineffektiv die Industrialisierung und Kollektivierung erzwang. Die teuren Großprojekte, die er in seinen letzten Lebensjahren voranpeitschte, hatten ebenfalls katastrophale Folgen für die Bevölkerung: Die Läden waren leer, einem Stadtbewohner standen durchschnittlich 4,5 Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung, in gerade mal drei Prozent der Wohnungen gab es heißes Wasser.

Umso erstaunlicher mag es anmuten, dass trotz des allgegenwärtigen Terrors und des Elends heute wieder viele Russen die Stalinära glorifizieren. "Wir erleben eine Zeit", so schreibt es Chlewnjuk, "in der der Verstand vernebelt wird von Mythen eines 'alternativen' Stalin, dessen effiziente Führung als nachahmenswertes Vorbild gepriesen wird." Das falsche und vielfach überhöhte Bild des Diktators und seiner Leistungen habe ihn überlebt, schreibt der Autor. Auf die Gründe dafür geht er leider nicht näher ein. Und bedauerlicherweise bleibt er auch die Antwort auf die Frage schuldig, mit der er seine grandios erzählte Biografie schließt: "Kann es sein, dass Russland im 21. Jahrhundert in Gefahr schwebt, die Fehler des 20. Jahrhunderts zu wiederholen?"

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Quelle: n-tv.de

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