Politik

Flucht vor Gang endet in Tijuana Wie an Trumps Grenze Träume platzen

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Marvins Flucht endet nach Tausenden Kilometern mit einer Nummer der Migrationsbehörde.

(Foto: Luis Castillo)

Auf der Flucht vor kriminellen Banden aus Mittelamerika stranden täglich Hunderte Migranten in Tijuana. Statt schnell in die sicheren USA überzusiedeln, müssen sich die meisten in einer der gefährlichsten Städte der Welt durchschlagen - in der auch ihre Verfolger lauern.

"In El Salvador bin ich schon tot", sagt Marvin und hält einen unscheinbaren Zettel mit einer vierstelligen Zahl in die Höhe. 2206, diese krakelig von Hand geschriebene Nummer könnte sein Leben retten. Sie ist die potentielle Eintrittskarte in die USA, die Hoffnung auf ein sicheres Leben weit weg von der Heimat. Weit weg von dem Ort, an dem Marvin von Gangmitgliedern entführt wurde und seine Familie - ohne Hoffnung, ihn jemals wiederzusehen - bereits Marvins Todesanzeige veröffentlicht hat.

Es ist 8.30 Uhr zwischen dem mexikanischen Tijuana und San Diego in den USA, dem meistfrequentierten Grenzübergang der Welt. 70.000 Fahrzeuge und 20.000 Fußgänger überqueren die Grenze hier jeden Tag allein von mexikanischer Seite aus. Auch jetzt hasten Männer in Hemden und Frauen in High Heels auf dem Weg zur Arbeit oder Universität zum Grenzübergang, ohne dem berühmten bunten Schriftzug davor, MEXICO TIJUANA, besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Doch für Migranten aus Mittelamerika wie Marvin, die teilweise seit Monaten darauf warten, politisches Asyl in den USA zu beantragen, könnte das wenige Meter entfernte San Diego genauso gut auf dem Mars liegen. Denn Tijuana ist zwar der am häufigsten überquerte Grenzübergang - für Migranten aber auch einer der am wenigsten Erfolg versprechenden auf dem Weg in die USA.

Trotzdem zieht es noch immer viele von ihnen hierher. Für die benachbarten Amerikaner ist die Stadt vor allem ein Ort für Drogen, Partys und schnellen Sex. Für die Lateinamerikaner ist sie das Tor ins sonnige Kalifornien mit dem vermeintlich liberalen Einwanderungsgesetz. Zwei große Karawanen mit Tausenden Menschen aus El Salvador, Guatemala und Honduras strandeten hier in den vergangenen Monaten, Teile einer dritten Karawane treffen derzeit in der Stadt ein.

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Der Grenzübergang zwischen Tijuana und San Diego gehört zu den berühmtesten der Welt. Ihn zu überqueren bleibt für viele Migranten aber ein Traum.

(Foto: dpa)

Zeitweise leben Tausende Menschen auf der Straße und in provisorischen Camps. Hier schlafen sie, hier essen sie, hier verrichten sie ihre Notdurft. Selbst an ruhigen Tagen wie heute kommen rund 150 Migranten, um sich unter dem roten Pavillon der Migrationsbehörde unweit des bunten Schriftzugs ihre Nummer abzuholen - und mit ihr ein Stück Hoffnung. Denn erst wenn ihre Nummer aufgerufen wird, können sie einen Asylantrag stellen. Schon vor der Ankunft der großen Karawanen dauerte das Monate.

Wer zwei Tage nicht zahlt, ist tot

Marvin, rotes Basecap und müde Gesichtszüge, wartet erst seit einer Woche. Zwei harmlos klingende Buchstaben und Zahlen haben ihn zur Flucht gezwungen, so wie Tausende andere in seiner Heimat: MS 13. Hinter ihnen versteckt sich die besonders gewaltbereite Gang Mara Salvatrucha, nach der Ameisenart Marabunta benannt - die plötzlich über einen Ort herfällt und zerstört, was ihr in die Quere kommt. Selbst US-Präsident Donald Trump warnte immer wieder vor der Grausamkeit der Gang. Ihre Opfer möchte er trotzdem nicht ins Land lassen.

"Wenn du in El Salvador ein Geschäft hast, musst du jeden Tag etwas an die Gang zahlen", sagt Rosa Maria, Marvins Ehefrau, den Zettel mit ihrer eigenen Nummer fest umklammernd. "Wenn du einen Tag nicht bezahlst, passiert nichts. Wenn du den zweiten Tag nicht bezahlen kannst, töten sie dich." Auch Entführungen sind an der Tagesordnung. Dass Marvin überlebte, grenzt für die Familie an ein Wunder. Schließlich wurde seine Schwester bereits gerufen, um Marvins Leiche zu identifizieren. Doch dann die Erleichterung: Der Tote auf der Polizeiwache ist ein anderer. Marvin und Rosa Maria gelingt die Flucht nach Tijuana.

Dabei ist die Grenzstadt alles andere als der erhoffte sichere Hafen. Mit mehr als 2500 Morden im vergangenen Jahr ist Tijuana eine der gefährlichsten Städte der Welt, und auch wenn die meisten Morde auf das Konto des Drogenkriegs gehen, sind auch Migranten nicht sicher. Die verbliebenen Mittelamerikaner, die es nicht in die USA geschafft haben oder in ihre Heimat zurückgekehrt sind, leben in einer der 15 Migrantenherbergen der Stadt. Doch dorthin trauen sich Rosa Maria und Marvin nicht. "MS-13-Mitglieder haben sich dort unter die Flüchtlinge gemischt", sagt Marvin. "Wenn sie dich finden, bist du tot."

Deshalb haust das Ehepaar jetzt von seinem letzten Ersparten in einem Zimmer, das es sich mit anderen Gestrandeten teilt. Es ist ein Leben zwischen Müll und gebrauchten Spritzen, eine bizarre Wohngemeinschaft mit Junkies, die sich vor ihren Augen den nächsten Schuss setzen. Doch zurück in die Nähe derer, wegen denen sie ihre Familien und ihr ganzes Leben in El Salvador zurückgelassen haben? Unmöglich.

In Tijuana lauern die Kartellmitglieder

Gladys dagegen sitzt auf einem sauberen roten Stoffsofa im Frauenhaus der Heilsarmee am Stadtrand von Tijuana. Über ihr baumelt eine Herzgirlande, Jungen toben durchs hell gekachelte Wohnzimmer, es riecht nach Huhn und Bohnen. Vor wenigen Minuten noch saßen alle gemeinsam beim Mittagessen. Die Heilsarmee kümmert sich hier um besonders verwundbare Frauen - so wie Gladys, die Anfang Dezember völlig aufgelöst und orientierungslos unweit der Grenze aufgegriffen wurde. "Helft mir, sie werden mich umbringen", schrie sie immer und immer wieder und auch jetzt, drei Monate später, kann die Mittfünfzigerin ihre Tränen nicht zurückhalten.

Denn Gladys wird auch in Tijuana bedroht - nicht nur in ihrer Heimat Guatemala. Von dort musste die fünffache Mutter fliehen, weil sie zufällig einen Mord beobachtete und als Zeugin selbst auf die Abschussliste der Gangs kam. Jede Tür in dem Haus, in das Gladys sich nach dem Mord flüchtete, öffneten die Gangmitglieder in der Absicht, sie zu erschießen - bis auf die Tür, die bereits geöffnet war. Hinter ihr stand Gladys.

Sie floh nach Tijuana, hier hatte sie schließlich vor 23 Jahren schon einmal illegal die Grenze überquert. Damals war das einfach, damals war das sicher. Heute schützen ein hoher Grenzzaun und Trumps Soldaten den Grenzübergang, und Kartellmitglieder fangen Gladys direkt nach ihrer Ankunft ab, um sie und andere Migranten mit Drogen bepackt illegal in die USA zu schmuggeln. Doch der Weg ist zu anstrengend für die stämmige Frau, sie bleibt zurück. Als sich der Rest der Truppe absetzt, die Taschen voller Drogen, wird Gladys festgehalten, erzählt sie, verhört und gefoltert. "Du wirst sowieso sterben", hört sie, eine Pistole auf ihren Kopf gerichtet. Dann, nach fünf Tagen, hat Juan, ein junges Kartellmitglied, Mitleid. In einem unbeobachteten Moment lässt er Gladys durch eine Hintertür fliehen.

Die sitzt nun wenige Hundert Meter von ihren Peinigern entfernt auf dem Sofa und traut sich nur selten, das Haus zu verlassen. "Wenn ich hier bleibe, werde ich sterben, das ist sicher", sagt sie mit rauer Stimme. Die Nummer an die sie sich klammert, 1942, hat ihr bisher wenig Glück gebracht. In ihrem Interview mit den Migrationsbehörden wurde sie "wie ein Hund behandelt, ohne Würde". Ob sie in die USA fliehen darf, wo eine ihrer Töchter wohnt, wird sie am 23. März erfahren. Bis dahin wartet sie hinter den schützenden Wänden des Frauenhauses mit anderen Müttern und Kindern, die auf eine Zukunft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hoffen. Oder die gerade erst von dort kommen.

Abgeschoben in die fremde Heimat

Denn Tijuana ist nicht nur voller Flüchtlinge, die hoffen, von Mexiko in die USA übersetzen zu können. Hier stranden auch diejenigen, die die Grenze in die andere Richtung passieren - unfreiwillig. "Sorry, do you speak English?", fragt Jesús, mit Undercut, Hornbrille und unter dem Shirt hervorblitzenden Tattoos. Die belebten Straßen von Tijuana mit ihren Schuhputzern, Prostituierten und Straßenhändlern, die aus kleinen Wagen heraus Maiskolben oder Tacos verkaufen, sind befremdlich für den 29-Jährigen. Auf keinen Fall will er sich zu weit vom Zentrum entfernen, schließlich ist Tijuana gefährlich.

27 Jahre hat er mit seiner Familie im kalifornischen Santa Maria gelebt, sagt er, legal und mit Aufenthaltsgenehmigung. "Aber als Teenager war ich ein Troublemaker, und sie haben mir die Papiere abgenommen." Als er vor wenigen Monaten im Auto angehalten wurde und sich nicht ausweisen konnte, erhielt er eine Verwarnung. Heute am frühen Morgen klopfte es dann an der Tür. Jesús ist in das Land abgeschoben worden, in dem er geboren wurde - und das ihm völlig fremd ist. Etwa 150 Menschen geht es jeden Tag so, sagt Isaac Olvera, der das Frauenhaus leitet, in dem Gladys untergekommen ist. Wie es nun weitergeht? "Ich habe keine Ahnung", sagt Jesús, zuckt mit den Schultern und wirkt dabei, als könne er selbst noch nicht begreifen, was ihm da wiederfahren ist.

Und so muss Jesús Tijuana genauso wie Marvin, Rosa Maria und Gladys zumindest eine Zeit lang sein Zuhause nennen. Weil der Traum vom Leben in den USA geplatzt ist - oder weil unklar ist, ob er sich jemals erfüllt.

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Quelle: n-tv.de