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"Juni wäre definitiv zu spät" Wie die Impf-Priorisierung bremst

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Seit drei Wochen dürfen Hausärzte gegen Covid-19 impfen.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Die Priorisierung der Corona-Impfungen sollte den knappen Vorrat gerecht verteilen. Doch bald sind alle Risikopatienten versorgt, der Impfgipfel hat ab Juni die feste Reihenfolge aufgehoben. Das ist nicht allen früh genug.

Seit drei Wochen nimmt das Impftempo in Deutschland zu. Im Mai sollen rund 16 Millionen Dosen geliefert werden - ein rasanter Anstieg im Gegensatz zu Beginn der Impfkampagne. Bis zum 6. April wurden nur knapp 20 Millionen Dosen von Biontech, Moderna und Astrazeneca geliefert. Um besonders gefährdete Menschen zu schützen, führte die Ständige Impfkommission (Stiko) eine strenge Priorisierung für die Impfstoffvergabe ein: "Bei begrenzten Impfstoffressourcen werden die Impfstoffe so verteilt, dass bestmöglich Schäden durch die COVID-19-Pandemie verhindert werden", erklärte die Stiko. Doch nun können täglich fast eine halbe Million Menschen geimpft werden. Ist es also an der Zeit, die Priorisierung aufzuheben?

Auf dem Corona-Impfgipfel haben sich Bund und Länder heute geeinigt: Ab Juni soll die festgelegte Reihenfolge abgeschafft werden. Dominik von Stillfried ist das zu spät. Der Vorstandsvorsitzende des Zentralinstitutes für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland plädiert dafür, die Priorisierung früher aufzuheben - bereits Anfang Mai in den Arztpraxen und bis Mitte Mai in den Impfzentren. "Es geht darum, das Tempo nicht nur zu halten, sondern zu erhöhen", erklärt er gegenüber ntv.de.

Hausärzte treiben Impfkampagne voran

Hausärzte haben nämlich einen wesentlichen Beitrag zur Impfkampagne geleistet. Seit drei Wochen dürfen auch sie den Impfstoff gegen Covid-19 verabreichen. Obwohl jede Praxis noch eine überschaubare Menge an Impfstoff bekommt, hilft offenbar der Einsatz - seit die Ärzte impfen dürfen, ist die Impfrate in Deutschland sprunghaft angestiegen. In der letzten Märzwoche wurden knapp 2 Millionen Impfdosen verabreicht. In der ersten Aprilwoche, als Hausärzte angefangen haben zu impfen erstmals mitimpften, waren es bereits 3,2 Millionen Dosen.

Trotzdem liegt Deutschland im internationalen Impfwettlauf noch weit zurück. Erst 23 Prozent der über über-16 Jährigen haben eine erste Impfung erhalten - 7 Prozent sind komplett immunisiert. Zum Vergleich: In Israel haben 57,9 Prozent der Menschen einen vollständigen Schutz gegen das Coronavirus. In den USA erhielten mehr als ein Viertel der Bevölkerung bereits beide Impfdosen. Neben den geringen Liefermengen, könnte ein Grund für die schleppende Impfkampagne die strenge Impfpriorisierung sein, an die sich Ärzte und Impfzentren in Deutschland halten müssen.

Die Priorisierung war anfangs dazu gedacht, diejenigen zuerst zu impfen, die am stärksten von einem schweren Verlauf bedroht sind. Doch selbst die Stiko hat in ihrer Empfehlung darauf hingewiesen, dass in der Priorisierung "nicht alle Krankheitsbilder oder Impfindikationen explizit genannt werden". Die Empfehlung der Kommission erkennt also, dass nicht alle Situationen in die Festlegung einbezogen werden konnten. Die strikte Vorgabe, sich an die Empfehlung zu halten, hindert Ärzte daran, gerade in solchen Fällen eigene Entscheidungen zu treffen. "Es gibt so viele individuelle Faktoren, die abzuwägen sind. Hausarztpraxen kennen ihre Patienten und haben Kenntnisse über das soziale Umfeld der Patienten, die vielleicht nicht mit der Impfpriorisierung übereinstimmen, aber bei Verfügbarkeit des Impfstoffs relevant sein können", erklärt von Stillfried. Das betreffe zum Beispiel Begleit- und Betreuungspersonen älterer Patienten.

Bald ist die 50-Prozent-Marke erreicht

Noch können Ärzte genügend Patienten finden, die unter eine der Priorisierungen fallen. Doch bis Ende Mai - wenn das Tempo anhält - wird das immer schwieriger. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gehören etwa 30 Prozent der deutschen Bevölkerung aufgrund ihres Alters in eine Priorisierungsgruppe. Dazu kommen die Berufsgruppen und Menschen mit Vorerkrankungen, die ebenfalls in eine der fünf Gruppen fallen. Bis Ende des Monats wird in Deutschland sehr wahrscheinlich die 50-Prozent-Marke für erstgeimpfte Erwachsene erreicht sein. Damit hätte sich also die Impfpriorisierung erschöpft.

Um einen fließenden Übergang zu ermöglichen, müsste die Priorisierung jedoch früher aufgehoben werden. "Juni wäre definitiv zu spät", meint von Stillfried. Wenn die Reihenfolge erst aufgehoben wird, wenn alle Priorisierungsgruppen durchgeimpft sind, wird das Impftempo unnötig gebremst. Je weniger ungeimpfte Menschen noch zur Impfpriorisierung gehören, desto mehr Aufwand ist nötig, sie zu finden. "Folgt man der starren Priorisierung, dürfte man in der Zwischenzeit aber niemand anders impfen; das könnte zu erhöhten Lagerbeständen führen", fügt von Stillfried hinzu.

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Dasselbe Prinzip gilt in den Impfzentren. Momentan sind die Lagerbestände ziemlich hoch. Das "Redaktionsnetzwerk Deutschland" berichtet, dass rund vier Millionen Corona-Impfstoffdosen bislang ungenutzt in den Lagern liegen. Zum Großteil werden diese Impfdosen für die Zweitimpfung aufgehoben. Studien zeigen aber, dass bereits die erste Corona-Impfung zu 65 Prozent vor einem schweren Krankheitsverlauf schützen kann. Um diese Lagerbestände schnell abzubauen und mehr Erstimpfungen zu ermöglichen, müsse die Priorisierung gelockert werden, erklärt von Stillfried.

In einer pandemischen Lage kommt es auf jede Impfung an, so ist aus anderen Ländern bekannt, dass Immunisierungen einen immensen Einfluss auf die Sterblichkeitsrate haben. Am 22. April wurden in Israel erstmals seit 10 Monaten keine Todesfälle verzeichnet. Die Einbindung von Hausärzten in die Kampagne hat das Impftempo enorm beschleunigt: Die meisten Risikopatienten in Deutschland werden bald geimpft sein. Nun geht es darum, so schnell wie möglich den Rest der Bevölkerung zu impfen.

Quelle: ntv.de

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