Politik

Showdown im Braunkohle-Ort "Wir verteidigen Lützerath mit unserem Körper"

In Lützerath rüsten sich sowohl die Aktivisten als auch die Polizei. Seit Dienstag darf das kleine Dorf offiziell geräumt werden. Die Stimmung vor Ort verrät, dass keine Seite so schnell aufgeben wird. Eine lange Räumung könnte allerdings gerade den Aktivisten in die Karten spielen.

Der kleine Ort Lützerath wirkt in diesen Tagen fast apokalyptisch. Vor den verfallenen Häuschen des Dorfes brennen Holzbarrikaden und Lagerfeuer. Menschen mit Sturmmasken und weißen Ganzkörperanzügen laufen durch das Dorf, irgendwo spielt jemand auf einer Ukulele. Über die umliegenden Felder fegt der Wind, direkt hinein in die Schlucht, die sich nur wenige Meter vor dem Ortsschild auftut: die Kohlegrube Garzweiler II - eine kraterartige Landschaft, die den Horizont hinter Lützerath gänzlich einnimmt. Mittendrin steht ein Schaufelradbagger, neben dem ein Mensch nicht viel größer als eine Ameise wirkt. Die Schaufeln der monströsen Maschine haben eine deutliche Richtung: Lützerath.

Die Tagebaukante hat sich bis auf ein paar Meter an den kleinen Ort bei Mönchengladbach herangefressen. Lützerath steht wortwörtlich am Abgrund. Schon längst gehört das Gelände RWE. Der Energiekonzern will das Dorf abreißen, um an die darunterliegende Kohle zu gelangen. Planierraupen und Bagger am Ortseingang machen deutlich: Nun soll es losgehen. Um das zu verhindern, sind in den vergangenen Tagen Hunderte Aktivistinnen und Aktivisten verschiedener Organisationen - darunter die Initiative "Lützi bleibt", Fridays For Future und die Letzte Generation - in den Weiler gereist. Ihre Holzbarrikaden, Menschenketten und Baumhäuser sind der letzte Puffer zwischen dem kleinen Ort und den riesigen Schaufeln der Bagger. Nun steht der Showdown um jenen Ort an, der bereits jetzt zum Symbol der Klimapolitik in Deutschland geworden ist: Seit diesem Dienstag hat die Polizei das Recht, Lützerath zu räumen.

Die Stimmung ist angespannt. Hunderte Aktivisten haben sich vor dem Ortseingang versammelt. Eingehakt zu Menschenketten stehen sie mindestens genauso vielen Beamten gegenüber. Viele der Demonstrierenden haben sich den Schal ins Gesicht gezogen oder tragen Sturmmaske, die Polizei kommt mit Schutzausrüstung und Helm. Je näher die Beamten dem Ortskern kommen, desto rauer wird der Ton. Gruppen von Aktivisten stemmen sich gegen sie, es kommt zu Rangeleien. "Keine Gewalt" und "Lützi bleibt" wechseln sich in Sprechchören mit Rufen nach Sanitätern ab. Die Polizei habe Pfefferspray und Schmerzgriffe eingesetzt, heißt es vonseiten der Aktivisten.

Der Druck ist riesig

Als die Beamten zur Räumung der Tripods - jenen Hochsitzen, in die sich jeweils ein Aktivist eingehängt hat - ansetzen, stehen Dutzende Aktivisten zur Verteidigung bereit. Im Hintergrund ertönt die Kreissäge, geräumte Tripods fallen ihr nach nur wenigen Minuten zum Opfer. Nach und nach macht die Polizei so Meter in Richtung Ortskern gut. Einzig das Camp der Aktivisten bleibt heute verschont.

Das hatte der Aachener Polizeipräsident, Dirk Weinspach, einen Tag zuvor versprochen. Man wolle das letzte Gesprächsangebot an die Aktivisten am heutigen Nachmittag abwarten. Mehrmals appellierte er an die Aktivisten, bei der Räumung friedlich zu bleiben. Am vergangenen Sonntag seien die Polizisten bereits von einer kleinen Gruppe mit Steinen beworfen worden, so der Beamte. Das sei nicht zu akzeptieren. Seine Beamten setzten Gewalt nur als äußerstes Mittel er, betonte er ebenfalls.

Der Druck, das wurde bei der gestrigen Pressekonferenz deutlich, ist riesig. Nicht nur, weil der Einsatz der Polizei "erhebliche Risiken" birgt, wie Weinspach sagte. Auch, weil der Polizeieinsatz in Lützerath einer der größten der Landesgeschichte wird. Beamte aus der ganzen Bundesrepublik kommen der Aachener Einsatzstelle zur Hilfe. Bilder von Gewaltexzessen oder Eskalationen wie etwa bei der Räumung des Hambacher Forstes vor rund drei Jahren sollen unbedingt vermieden werden. Allerdings sei der Polizei schon jetzt ein Unterschied zu damals aufgefallen: Die Aktivisten seien weniger militant und "bürgerlicher geprägt".

Die Strategien der Aktivisten

So wie Friedrich. Der 24-jährige Lützerath-Aktivist mit braunen Locken und kreisrunder Brille studiert eigentlich Neurowissenschaften in Magdeburg. Für den Protest in Lützerath hat er das Semester unterbrochen. "Ich kann es einfach nicht verantworten, jetzt in der Uni zu sitzen", erklärt der Masterstudent. Denn sollte Lützerath tatsächlich abgebaggert und die Kohle unter dem kleinen Ort gefördert werden, so Friedrich, gebe es für das 1,5-Grad-Ziel keine Chance mehr. Eine Ahnung, was das anrichten könne, sehe man schon jetzt, etwa an den Überflutungen in Pakistan. "Das macht mir wirklich Angst", sagt Friedrich, als seine Stimme plötzlich lauter wird: "Noch viel mehr als jede Sitzblockade, an der ich je teilgenommen habe."

Vor einer Woche hat der gebürtige Brandenburger deshalb seine Sachen gepackt und ist nach Lützerath gekommen. Die vergangenen Tage verbrachte er direkt im bedrohten Dorf, nun wohnt er im Nachbarort Kreyenberg, in dem die Aktivisten ein weiteres Camp errichtet haben. "Wir verfolgen mehrere Strategien", erklärt Friedrich den Umzug. So stemmen sich einige dem Polizeiapparat direkt in Lützerath entgegen, während andere für Ablenkung sorgen. "Durch Aktionen in Nachbardörfern bündeln wir Polizeikräfte, die sonst auch in Lützerath wären."

Die Aktivisten haben die Polizeikräfte genau im Blick, das macht Friedrich deutlich. Je länger die Räumung dauert, je länger sie Lützerath halten können - desto besser die Chancen, dass die Kohle nicht abgebaggert werden kann. Ein Zwischenziel sei es deshalb auch, Lützerath bis Karneval zu halten. "Auch dann werden viele der Beamte an anderen Orten gebraucht", sagt der junge Aktivist. Sollte ihnen das tatsächlich bis Ende Februar gelingen, wäre es ein Teilerfolg. "Ab dann dürfte RWE nämlich nicht mehr roden", so Friedrich. "Denn dann beginnt die Brutsaison."

"Stimmung immer angespannter"

Die Proteste könnten sich also für den Fall, dass der Polizei die Räumung nicht sofort gelingt, über Wochen hinziehen. Wie Friedrich sind viele andere Aktivisten fest entschlossen, solange zu bleiben. Allein in Lützerath wären das Hunderte. Hunderte Menschen in einem Dorf, in dem nicht viel mehr als zwei kurze Straßen und ein verfallenes Haus übrig sind. Den Strom hat RWE zudem schon vor Monaten gekappt. Doch die Aktivisten rund um das Bündnis "Lützerath unräumbar" haben es in den vergangenen zwei Jahren geschafft, eine Art Infrastruktur in dem verlassenen Örtchen zu schaffen.

Sie haben dutzende Baumhäuser, teilweise mit echten Fensterscheiben, gezimmert und in viele Meter Höhe manövriert. So sind sie für die Polizei besonders schwierig zu räumen. Es gibt provisorische Toiletten, einen immer besetzten Infopoint und natürlich eine Küche, die täglich für das gesamte Camp kocht. Der Alltag wirkt fast schon routiniert: aufstehen, Frühstück holen und seiner Aufgabe nachkommen. Neben putzen, kochen oder Barrikaden reparieren können das auch Trainingsstunden sein. Denn das Klettern auf Tripods oder die richtige Haltung bei Sitzblockaden muss gelernt sein.

Eine, die all das mitorganisiert hat, ist Dina Hamid, Sprecherin der Initiative "Lützi lebt". "Ich glaube, es kommt eben gerade auf die Masse an Menschen an, um die Räumung hinauszuzögern", sagt die junge Aktivistin, als die Menschenmasse hinter ihr plötzlich unruhig wird. Die Polizei nimmt ein nächstes Tripod ins Visier. Man sei gut auf die Räumung vorbereitet, erklärt Hamid prompt - "aber trotzdem wird die Stimmung immer angespannter". Je härter die Polizei durchgreife, desto schwieriger werde die Situation. An einem ändere dies jedoch nichts: "Wir verteidigen Lützerath mit unserem Körper und stellen uns mit allem, was wir haben, gegen den Einsatzapparat." Das verbinde die Hunderten Aktivisten, die nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus Frankreich, Spanien und den Niederlanden angereist sind.

Die grüne Krise

In erster Linie tun sie dies, um das 1,5-Grad-Ziel zu wahren, sagt Dina Hamid. "Wir wollen der Bundesregierung aber auch zeigen, dass wir nicht damit einverstanden sind, dass sie gerade ihre eigenen Klimaziele abbaggert." Die Ampel, so die Aktivistin, stelle die Profite von RWE über Menschenleben. Das sei alles andere als eine grüne Politik, die sich vor allem eine der drei Regierungsparteien auf die Fahnen geschrieben habe.

Hamid spielt auf ein Thema an, dass sich durch viele Gespräche mit Klimaaktivisten in Lützerath zieht. So waren es gerade eine Wirtschaftsministerin der Grünen aus Nordrhein-Westfalen, Mona Neubaur, sowie Robert Habeck, Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, die RWE die Abbaggerung von Lützerath möglich machten. Der Deal damals: Das Land steigt nicht erst 2038, sondern bereits 2030 aus der Kohle aus. Im Gegenzug darf der Energiekonzern Lützerath abbaggern. Dies sei notwendig, um die Energiesicherheit Deutschlands zu sichern, sagt RWE. Studien allerdings legten schon im Dezember 2022 nahe, dass dies auch ohne die Kohle aus Lützerath der Fall wäre. Auf diese Studien beziehen sich die Aktivisten - sie hängen sogar in der selbst errichteten Mahnwache aus.

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Auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kathrin Henneberger geht fest davon aus, dass Deutschland die Kohle unter dem bedrohten Dorf nicht braucht. Sie unterstützt die Proteste daher als parlamentarische Beobachterin. Henneberger vermittelt zwischen Polizei und Aktivisten - sie achtet darauf, dass den Personen auf den Tripods nichts geschieht, wenn Beamte den Hochsitz räumen. Die Politikerin hat sich warm eingepackt, "mehrere Schichten gegen den Wind", und will solange bleiben, "bis die Räumung beendet ist". Dabei habe sie allerdings noch Hoffnung: Vielleicht, so Henneberger, werde die Räumung ja noch abgesagt, "weil der Preis einfach viel zu hoch ist".

Danach sieht es bisher nicht aus. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul von der CDU machte jüngst deutlich, dass er "die Regeln" - die Räumungsverfügung - durchsetzen werde. "Es bleibt uns keine Wahl", sagte er. Auch die Informationsveranstaltung der Polizei am Dienstagnachmittag brachte keine Wende. So glich der erste Tag, an dem eine Räumung möglich gewesen wäre, abgesehen von ein paar Rangeleien, zwar eher der Ruhe vor dem Sturm. Ab morgen sind allerdings alle Gesprächsangebote vorbei - schon dann könnten die Beamten Lützerath mitsamt der Baumhäuser, Barrikaden und Hunderten Bewohner stürmen.

Quelle: ntv.de

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