Politik

Corona-Strategie bei Anne Will "Zum Winter hin wird's schlimmer werden"

annewill-20200920-014.jpg

Virologe Streeck setzt auf das Prinzip "trial and error".

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Die Infektionszahlen steigen in Deutschland. Im Herbst und Winter wird die Corona-Gefahr noch größer werden, erwartet Virologe Hendrik Streeck bei Anne Will. Da man nicht einfach auf einen Impfstoff warten kann, sind neue Strategien angebracht - und viel Vertrauen.

In Spanien und Frankreich schnellen die Corona-Fallzahlen in die Höhe, auch Deutschland verzeichnet in den vergangenen Tagen die höchsten Tageswerte an Neuinfektionen seit April. "Wir sind jetzt wieder im Anstieg", hatte Virologe Christian Drosten am Donnerstag gesagt - und der Herbst und der Winter stehen erst noch bevor. Gleichzeitig strömen mancherorts wieder Fans in Fußballstadien, die Funktionäre des FC Bayern München sitzen ohne Abstand und Masken in der Allianz Arena, Menschen tummeln sich vor oder in Bars. Mit welcher Strategie soll die Bundesrepublik in die nächsten Monate gehen? Darüber wird hierzulande viel diskutiert, und das war auch die Frage, um die es am Sonntagabend bei Anne Will ging.

Mehr Lockerungen, oder geht die zweite Welle bald erst richtig los? Die Talk-Runde mit Gästen wie dem Virologen Hendrik Streeck, der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer und dem Vorstandsvorsitzenden des Weltärztebundes Frank Ulrich Montgomery, rang um konkrete Pläne und Taktiken für die Zukunft. Im Klaren waren sich aber alle Diskutanten: Im Herbst und Winter wird die Corona-Gefahr in Deutschland größer werden. Und deshalb sei auf dem Weg in die kältere Jahreszeit das Vertrauen der Bürger in die Corona-Maßnahmen das wichtigste.

"Keiner hat eine Lösung"

Aber, so meinte Montgomery, dieses würde durch zu widersprüchliches Durchgreifen und unterschiedliche Regelungen in verschiedenen Regionen angekratzt - Bordelle sind mancherorts erlaubt, aber Gottesdienst geht nur mit Abstand; hier dürfen Fußballfans ins Stadion, dort nicht; in Bars soll man mit Abstand sitzen, aber in Flugzeugen ist das teilweise nicht möglich. "Bundeseinheitlich muss entschieden werden, was in welchem Fall und wie geschehen muss. Das muss dann von Gesundheitsämtern regional und einheitlich durchgesetzt werden", empfahl Montgomery. Fußball mit Fans "können wir uns noch nicht leisten. Wir sind noch nicht so weit", so der Weltärztebund-Chef. Im Stadion falle man sich als Fan schließlich auch mal in die Arme. "Wir müssen der Bevölkerung zeigen, dass wir noch nicht raus aus der Pandemie sind." Dreyer erklärte sich dagegen zufrieden mit der derzeitigen regionalen Vorgehensweise, schließlich gebe es ja gemeinsame Regeln. "Ich bin zuversichtlich, dass wir die Lage gut im Griff haben", so die Ministerpräsidentin.

Virologe Streeck erklärte hinsichtlich der uneinheitlichen Öffnung der Fußballstadien für Zuschauer: "Pauschal Stadien öffnen, da bin ich dagegen." Wenn aber jemand ein gutes Hygienekonzept hat, sollte man das ruhig ausprobieren, das gelte auch für Konzerte. Denn: "Keiner von uns weiß, wie es geht. Keiner hat einen Blue-Print oder eine Lösung. Wir müssen trial and error machen." Ob das nicht riskant sei, fragte Will, ein Labortest am lebenden Menschen? Schließlich hatte Streeck sich auch für ein Konzert mit 13.000 Menschen in Düsseldorf ausgesprochen. Dort habe es ja ein gutes Hygienekonzept gegeben, antwortete der Virologe: "Da riskiert man keine Leben." Im Nachhinein hätte man anhand der Coronatests gut erkennen können, inwiefern solche Konzepte funktionieren. Er wolle einen Strategiewechsel, und da müsse man halt viel ausprobieren.

*Datenschutz

"Bald könnten die Schwächeren betroffen sein"

Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Politik und die Corona-Maßnahmen erhalten will Ministerpräsidentin Dreyer vor allem mit besserer Kommunikation hinsichtlich der Regeln und wann sie greifen. "Wir müssen mehr Transparenz schaffen, zum Beispiel was die 50-er Grenze bedeutet, damit die Bürger das nachvollziehen können." Deshalb erarbeite sie in ihrem Bundesland gerade ein Ampelsystem für die Kommunen. Dafür plädierte auch Streeck. Denn: "Der Virus ist Teil unseres Lebens." Und er werde es bleiben. "Nur auf einen Impfstoff zu hoffen und zu warten, ist unseriös", so der Virologe. Schließlich wisse man nicht, wann dieser wirklich entwickelt werde: "Das kann auch erst in fünf oder zehn Jahren sein."

Im Laufe der Sendung wurde Streecks Strategiewechsel zwar zu einer Strategieanpassung umformuliert, dem Virologen ging es aber vor allem darum, dass nicht nur die Infektionszahlen für die Gefahreneinordnung herangezogen würden, sondern die stationäre Belegung und Versorgung, die Zahl der freien Intensivbetten - und eben auch ein Ampelsystem in der Kommunikation. Wo es anfangs hauptsächlich um "flatten the curve" gegangen sei, um Kapazitäten in Krankenhäusern freizuhalten, könne man jetzt aufgrund von mehr Testmöglichkeiten "die Zahlen und die Dunkelziffer sehr gut erkennen." Aber: "Im Herbst und Winter gehen die Zahlen stark nach oben, und dann können wir nicht mehr so testen wie jetzt." Deshalb wäre ein Blick ausschließlich auf die Infektionszahlen nicht förderlich.

Momentan gebe es in Deutschland die ansteigenden Zahlen vor allem, weil viele Jüngere infiziert seien, sagte Streeck. "Abstand, Maske tragen und die Hygiene-Regeln" hätten deutlich geholfen. Aber nun kommt bald die kältere Jahreszeit und "eine virale Lungenentzündung ist im Sommer seltener als im Winter". Heißt im Umkehrschluss: Im Herbst und Winter wird die Corona-Gefahr größer in Deutschland. Auch hier herrschte Einigkeit bei den Diskutanten. Ministerpräsidentin Dreyer warnte vor der Notlage, dass "bald die Schwächeren betroffen" sein könnten, denn "in Frankreich und in Spanien waren auch zunächst die Jüngeren infiziert". Man müsse vor allem darauf schauen, dass die Gesundheitsämter weiterhin die Infektionsketten nachverfolgen können - auch deshalb dürften die Zahlen nicht zu stark ansteigen.

"Schulen und Kitas zuerst"

Montgomery sagte mit Blick auf die ansteigenden Infektionszahlen: "Wir haben eine Dauerwelle. Aber wir müssen verhindern, dass wir eine wirkliche zweite Welle bekommen." Der ebenfalls bei Anne Will geladene Wissenschaftsjournalist Rangar Yogeshwar fügte an, dass Deutschland sich glücklich schätzen könne, dass es bislang wenig Tote gegeben habe und deshalb nicht jeder unmittelbar jemanden kenne, der gestorben sei. "Noch ist das für die meisten eine abstrakte Gefahr." Das aber könne sich im Winter ändern. Bislang hat Deutschland Corona im Frühjahr und Sommer erlebt und konnte nach draußen gehen. "Die eigentliche Hürde kommt, wenn es kälter wird", sagte Yogeshwar. "Jetzt kommt der Winter und wir werden Verdichtungen erleben. Bars werden innen bevölkert, Schulklassen können nicht lüften. Das wird eine große Herausforderung."

Auch Marina Weisband befürchtete: "Zum Winter hin wird's schlimmer und dann brauchen wir mehr Einschränkungen." Laut der Autorin und politischen Aktivistin dürften besonders Gruppen, "die medial nicht viel Aufmerksamkeit bekommen", wie Menschen mit Behinderung oder ohne Obdach, nicht vergessen werden. Um die "richtigen Einschränkungen" und "die nötige Akzeptanz in der Bevölkerung" zu finden, bräuchte es wieder das viel beschrieene Vertrauen. Besonders die Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen würde hier laut Weisband helfen. Zufällig gewählte Bürgerräte, die sich mit Experten zusammensetzen, könnten über Konzepte beraten. An den Schulen könnte man Schülerräte über verbindliche Regeln entscheiden lassen. Ähnlich wie Streeck will sie in dieser für alle Beteiligten neuartigen Zeit viel ausprobieren.

Warum Anne Will keine Vertreter von Schulen oder Lehrerverbänden einlud, obwohl die unterschiedlichen Hygienekonzepte und das Risiko der Ansteckung an den Lehrstätten Hauptthemen im Herbst und Winter sein dürften, blieb unbeantwortet. Weisband machte aber ganz deutlich, was sie davon hielt. "Schulen und Kitas müssen in der Dringlichkeit ganz nach oben", sagte sie, erst dann kämen Fußball, Konzerte oder Partys. Wenn die Politik diese Reihenfolge verinnerlicht, steige auch das Vertrauen in ihre Maßnahmen und Versuche weiter an. Dass Fußballfunktionäre nicht unbedingt vertrauensfördernde Signale aussenden und als Vorbilder taugen, ist schließlich nicht erst bekannt, seit die Bilder vom Bayern-Vorstandsgrüppchen auf den Rängen im Eröffnungsspiel gegen Schalke 04 ohne Abstand und Maske in der Welt sind.

Quelle: ntv.de