Politik

Anne Will zu Covid-19-Erkrankung Zweifel an Trump, dem "notorischen Lügner"

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Peter Altmaier hat das Vertrauen in die USA noch nicht endgültig verloren.

(Foto: © NDR/Wolfgang Borrs)

Es wird scharf geschossen - zumindest verbal und in eine Richtung: Dem erkrankten US-Präsidenten Trump wird von den Talk-Gästen bei Anne Will alles zugetraut. Dass er das Wahlergebnis im November nicht anerkennen könnte, gilt als durchaus möglich. Doch es gibt auch Hoffnung.

Es gibt im Moment nur eine Gewissheit: Nichts ist klar. Die Angaben über den Gesundheitszustand des mit dem Coronavirus infizierten US-Präsidenten sind widersprüchlich. Die Interpretationen darüber, was die herausgegebenen Informationen zur Behandlungsmethode über die Schwere der Erkrankung aussagen, differieren. Ob Covid-19 bei Donald Trump einen schweren Verlauf nehmen wird, ist schlicht nicht vorauszusagen. Zwar bringt der 74-Jährige einige Risikofaktoren mit (Alter, Übergewicht, Geschlecht), aber laut seinen Ärzten geht es ihm derzeit derart gut, dass er schon morgen aus dem Walter-Reed-Militärkrankenhaus entlassen werden könnte.

Die Vorzeichen für eine substanzielle Diskussion sind also denkbar schlecht, als Anne Will ihre Talkgäste am Sonntagabend fragt, welche Folgen die Corona-Infektion des Staatschefs für die USA haben wird. Der Erkenntnisgewinn nach 60 Minuten Sendezeit ist dementsprechend dürftig, auch wenn neben dem Patienten auch der Wahlkämpfer Trump auf der Tagesordnung steht.

Zu Beginn der Talkrunde stellt ARD-Korrespondent Stefan Niemann noch einmal heraus, was die vergangenen Tage beispielhaft ans Licht brachten: Die Frage nach dem Gesundheitszustand von Trump lässt sich nicht seriös beantworten, weil der Präsident selbst entscheidet, welche Informationen an die Öffentlichkeit dringen dürfen. Inzwischen wüsste die Bevölkerung etwas mehr, "aber wir wissen immer noch nicht alles".

Niemand habe wohl im Augenblick verlässliche Informationen über Trumps Gesundheit, sagt auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Da Covid-19 zudem unvorhersehbar verlaufe, könne sich die Verfassung eines Betroffenen stündlich ändern. Der Fall Trump zeige allerdings exemplarisch, "wohin es führt, wenn man die notwendigen Maßnahmen außer Acht lässt". Er bestätige, dass es wichtig sei, sich selbst und andere - etwa durch Abstand und Masken - zu schützen. Es mache ihn wütend, dass es immer wieder Politiker gebe, die das Virus verharmlosen und so tun, als könnten sie Sars-CoV-2 "die Stirn bieten", so Altmaier.

"Präsident präsentiert sich als Cheerleader der Nation"

Von den mehr als 200.000 toten US-Amerikanern könnten viele noch leben, wenn die Pandemie richtig bekämpft worden wäre, ist sich der CDU-Minister sicher. Laut "New York Times" wurden allein am Samstag in den Vereinigten Staaten knapp 48.000 neue Infizierte und 700 Tote binnen 24 Stunden gemeldet. Im Bundesstaat Florida, der eine Zeitlang einer der Hotspots war, haben sich die täglichen Neuinfektionen um die 2300 eingepegelt. Das gilt als Fortschritt im Vergleich zu anderen aktuell besonders schwer betroffenen Regionen und ist mit dem bundesweiten Niveau in Deutschland vergleichbar. Allerdings leben in Florida nicht gut 80 Millionen, sondern nur 20 Millionen Menschen.

Für Trump persönlich gehe es nun darum, mit aller Macht den Eindruck zu vermeiden, er sei schwach und könne durch die Erkrankung seine Amtsgeschäfte nicht mehr ausführen, sagt Niemann. Trump wolle nicht, dass an seinem Image des kerngesunden und vor Kraft strotzenden Kämpfers gekratzt wird. "Der Präsident präsentiert sich als Cheerleader der Nation, also als notorischer Optimist."

Dass sich neben dem Staatschef auch andere ihm nahestehende Personen und Politiker infiziert haben, findet Roger Johnson bedauerlich. Grundsätzlich vertraue er aber Trump und unterstütze ihn voll und ganz. "Er tut das Beste für das Land. Er erfüllt seine Versprechen." Der Vizepräsident der "Republicans Overseas" in Europa ist als Pro-Präsidenten-Stimme geladen, geht allerdings in der Diskussion unter. Das liegt zum einen an einer vermeintlichen Sprachbarriere des US-Amerikaners und dem Umstand, dass er zugeschaltet ist. Zum anderen sitzen ihm im Studio fünf Menschen mit gegensätzlicher Meinung gegenüber, darunter die Moderatorin selbst.

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Spricht dem US-Präsidenten jegliche Empathie-Fähigkeit ab: Cem Özdemir.

(Foto: © NDR/Wolfgang Borrs)

Als besonders Trump-kritisch tut sich der Grünen-Politiker Cem Özdemir hervor. Er nennt den US-Präsidenten einen "notorischen Lügner", der sein persönliches vor das Interesse seines Landes stellt. Angesichts des mutmaßlichen "Superspreading-Events" im Rosengarten des Weißen Hauses, bei dem ganz offenkundig Hygieneregeln missachtet und in dessen Folge mehrere Personen positiv getestet wurden, unterstellt er ihm gar kriminelle Machenschaften. Auf die Frage von Will, ob Trump durch seine Erkrankung nun etwas mehr Verständnis aufbringen könnte - wieder so ein Blick in die Kristallkugel-, entgegnet der Bundestagesabgeordnete: "Ich glaube, dieser Mensch, Donald Trump, ist so ziemlich das Gegenteil von Empathie und Mitmenschlichkeit. Ich glaube, da fehlt ihm irgendwie genetisch etwas."

Krankheitsverlauf ist momentan reine Spekulation

Häme sei dennoch nicht angebracht, betont sowohl Özdemir als auch die Kulturwissenschaftlerin und Historikerin Britta Waldschmidt-Nelson. Man könne sich dennoch nicht des Gedankens erwehren, dass es jemanden, der die Pandemie so lange ignoriert und sich immer wieder darüber lustig gemacht hat, dass Herausforderer Joe Biden eine Maske trägt, quasi recht geschieht. Doch Biden sollte sich in diesem Moment davor hüten und auf keinen Fall auf Trump "draufschlagen", so die Professorin.

Wie Donald Trump die Infektion wegstecken wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt, wie gesagt, reine Spekulation. Geht man von dem optimistischen Szenario aus, dass der Präsident in wenigen Tagen wieder fit ist, passe das zu seinem Narrativ des starken Mannes, sagt Rachel Tausendfreund, US-Expertin beim German Marshall Fund. Doch selbst dann habe er wichtige Tage im Wahlkampf verloren. "Jeder Tag, an dem wir über Covid-19 sprechen, ist für Donald Trump ein schlechter Tag." Für die Amerikaner sei es ein Schock, einen Monat vor der Wahl nicht zu wissen, wie fit einer der Kandidaten ist - zumal eine Vielzahl ihre Stimme bereits per Brief abgegeben hat.

Und damit ist das zweite Hauptthema des Abends angesprochen: Wird Donald Trump trotz mehrfacher Bekundungen, er traue dem Instrument der Briefwahl nicht, weil sie angeblich für Manipulationen anfällig sei, das Votum anerkennen? Der Tenor der Berliner Runde: Dem Republikaner ist alles zuzutrauen. Der zugeschaltete Repräsentant der Partei scheint diesen Eindruck noch zu untermauern: Trump habe mehrmals betont, dass die Wahl korrekt und ehrlich ablaufen müsse, sagt Johnson. Zugleich befeuert er Verschwörungstheorien über Manipulationen bei der Briefwahl, die von den anderen Talkgästen mit eindeutigen Statistiken widerlegt werden.

Doch bei diesem Thema gerät schließlich auch eine der geladenen Expertinnen in schwieriges Fahrwasser. Waldschmidt-Nelson berichtet von einer angeblichen "Operation Election Day", wonach 50.000 freiwillige, ehemalige Polizisten für die Republikaner auf einen sicheren Ablauf der Wahl achten und damit Wähler des anderen Lagers, vor allem Bevölkerungsgruppen wie Afroamerikaner, einschüchtern sollen. Das passt gut zu den jüngsten Ausführungen Trumps, als es ihm nicht gelang, sich von radikalen Rassisten wie den "Proud Boys" zu distanzieren. Meinte er mit seiner Aussage in der TV-Debatte ("Stand back and stand by"), die militanten Kräfte sollten nach einem negativen Wahlergebnis im Sinne Trumps bewaffnet auf die Straßen stürmen?

50.000 Freiwillige für "Election Day Operation Army"

Roger Johnson, der nach eigenen Angaben des Öfteren mit hochrangigen Mitgliedern seiner Partei korrespondiert, will von einem derartigen Manöver nichts gehört haben, spricht von reiner "Fantasie". Und tatsächlich muss Waldschmidt-Nelson auf Nachfrage einräumen, dass sie das Ganze "online" gelesen habe und es sich bei den 50.000 nicht zwingend um ehemalige Polizisten handeln müsse. Tatsächlich rekrutiert das Trump-Team aktuell eine "Election Day Operation Army". Diese soll laut übereinstimmenden Medienberichten aus 50.000 Freiwilligen bestehen, die als Wahlbeobachter fungieren oder aber auch bei der Wählerakquise mitwirken sollen. Einen bestimmten Beruf müssen sie demnach nicht ausüben.

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In einem Interview im August sagte Trump allerdings, er plane, Sicherheitskräfte an die Wahllokale zu schicken, um mögliche Manipulationen beim Votum zu verhindern. In diesem Zusammenhang sprach er auch von "Sheriffs" und Strafverfolgungsbehörden. Wie der Sender CBS berichtet, sind die rechtlichen Hürden für einen derartigen Einsatz allerdings sehr hoch und nur für die Abwehr gegen "bewaffnete Feinde der Vereinigten Staaten" vorgesehen. Handelt es sich also wieder "nur" um eine verbale Drohung Trumps, deren wirkliche Umsetzung in den Sternen steht?

Es ist Peter Altmaier, der zum Abschluss dieser zum Teil spekulativen Debatte einen konkreten Hoffnungsschimmer zu geben versucht. Kein Präsident könne dauerhaft gegen ein klares Votum der Wähler und des "electoral college" sein, ist er sich sicher. Und trotz aller Streitigkeiten gilt für ihn: "Mein Vertrauen in die demokratische Kraft der USA ist ungebrochen."

Quelle: ntv.de

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