Politik

Wie geht's dem Präsidenten? Trump würde sagen: Hier stimmt was nicht

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Trump bei der Arbeit im Walter-Reed-Krankenhaus nahe Washington - das zumindest soll das Foto zeigen.

(Foto: via REUTERS)

Widersprüchliche Botschaften, ein mutmaßlich editiertes Video, offenkundig gestellte Fotos - selbst Mitarbeiter im Weißen Haus wissen nicht, ob ihnen die Wahrheit über die Gesundheit des Präsidenten gesagt wird. Wenn es um Trump geht, ist nur eines klar: Hier stimmt was nicht.

Im Wahlkampf 2016 raunte Donald Trump beständig, dass irgendwo irgendwas nicht stimme. "There's something going on", das war die Formulierung, mit der er seine dunklen Verschwörungserzählungen verbreitete. Dass gerade diesem Präsidenten zugetraut wird, sogar über die eigene Corona-Infektion zu lügen, kommt angesichts der vielen Unwahrheiten, die er regelmäßig verkündet, wenig überraschend.

Dabei dürfte die grundsätzliche Tatsache, dass er erkrankt ist, schon deshalb wahr sein, weil ihm die Infektion vermutlich eher schadet als nutzt - lenkt sie doch davon ab, dass Trump gerade dabei ist, mit Amy Coney Barrett eine weitere konservative Richterin an den Obersten Gerichtshof der USA zu bringen. Denn aus Sicht von Republikanern und konservativen Wählern sind sie und die zwei anderen von Trump ernannten Verfassungsrichter der mit Abstand größte Erfolg seiner Präsidentschaft. Sofern die Berufung gelingt (was durch mehrere Corona-Infektionen auch unter republikanischen Senatoren nicht mehr hundertprozentig sicher ist), wird es noch sehr lange eine konservative Mehrheit im Supreme Court geben.

Nicht nur von diesem Erfolg lenkt Trumps Infektion ab, sie rückt auch die Corona-Pandemie erneut in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Das schadet Trump: Seit Monaten missbilligt eine Mehrheit der US-Bürger den Umgang des Präsidenten mit der Krise. Gehen wir also davon aus, dass Trump wirklich krank ist. Viel mehr scheint nicht sicher zu sein:

Über die Schwere seiner Erkrankung gibt es widersprüchliche Berichte

Zunächst äußerten sich die Mediziner gegenüber den vor dem Krankenhaus wartenden Journalisten so missverständlich, dass Trumps Arzt Sean Conley später eine Klarstellung veröffentlichte. Er habe nicht sagen wollen, dass Trump bereits seit 72 Stunden krank ist, sondern dass dies der dritte Tag seiner Erkrankung ist. Die Diagnose sei auch nicht 48 Stunden alt, sondern dies sei der zweite Tag der Therapie.

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Es könnte sein, dass Trump hier ein weißes Blatt Papier unterschreibt.

(Foto: AP)

Der zeitliche Verlauf war nicht das einzige, worüber es Verwirrung gab. Auf mehrere Fragen, ob Trump irgendwann zusätzlich mit Sauerstoff versorgt worden sei, gab Conley keine klare Antwort. Er sagte lediglich, "im Moment" und "heute" sei dies nicht der Fall. Laut "Washington Post" erhielt Trump am Freitag zusätzlichen Sauerstoff, bevor er ins Walter-Reed-Militärkrankenhaus gebracht wurde.

Nach den Ärzten trat Trumps Stabschef Mark Meadows vor die Journalisten. Was er sagte, war zwar kein direkter Widerspruch zu dem, was Conley verkündet hatte. Doch sein Tonfall war weniger optimistisch. "Wir sind noch nicht auf einem eindeutigen Weg zu einer vollständigen Genesung", sagte er, der Zustand des Präsidenten in den vergangenen 24 Stunden sei "sehr beunruhigend" gewesen, die nächsten 48 Stunden würden "kritisch". Für Aufsehen sorgte auch die Art der Information: Meadows bat die Reporter, seinen Namen nicht zu nennen, sondern seine Äußerungen einer Person zuzuschreiben, "die mit der Gesundheit des Präsidenten vertraut ist". Das ist zwar nicht unüblich. Dann jedoch erschien ein Video, das Meadows im Gespräch mit der Presse zeigte. Damit war klar: Trumps eigener Stabschef ist "besorgt" über den Zustand des Präsidenten.

Als Trump von Meadows' Statement hörte, wurde er wütend, berichtet die "New York Times". Auf Twitter schrieb er umgehend, dass es ihm gut gehe. Ein paar Stunden später postete er ein vierminütiges Video, in dem er diese Aussage gleich mehrfach wiederholte (hier eine Abschrift des Videos).

Mit dem Video stimmt was nicht

Es dauerte nicht lange, bis einem Journalisten eine seltsame Stelle in dem Video auffiel. Kurz nach der ersten Minute, als Trump das Wort "therapeutics" (Medikamente) ausspricht, scheint er sich bei flüchtigem Hinsehen kurz zu verschlucken. Christopher Orr twitterte dazu, es handele sich eindeutig um einen Schnitt. Andere Nutzer spekulierten, hier sei ein Hustenanfall mit einem sogenannten Morph-Schnitt heraus editiert worden. Mit Morph-Schnitten werden unerwünschte Teile eines Clips entfernt und der Bruch anschließend geglättet.

Die Fotos dürften gestellt sein

Und dann sind da noch die Fotos, die das Weiße Haus am späten Samstagabend (Ortszeit) über Bildagenturen veröffentlichte. Sie zeigen Trump in unterschiedlichen Situationen: Einmal sitzt er an einem runden Tisch - offenbar demselben, an dem das Twitter-Video aufgenommen wurde. Er trägt ein Jackett, scheint an einem Dokument zu arbeiten und hat die Art von dickem Filzstift in der Hand, mit der er immer unterschreibt. Auf dem anderen Bild sitzt er an einem größeren Tisch und hat keine Jacke an.

Dem kanadischen Journalisten Jon Ostrower fiel auf, dass die Fotos im Abstand von zehn Minuten aufgenommen wurden. Ostrower beruft sich auf die sogenannten EXIF-Daten in den Bild-Dateien, in denen alle möglichen Informationen gespeichert werden - unter anderem der Zeitpunkt der Aufnahme. Sollten die Bilder wirklich kurz nacheinander entstanden sein, wäre das ein Argument dafür, dass die Situationen gestellt sind. (Dafür, dass sie nicht im Walter-Reed-Krankenhaus aufgenommen wurden, gibt es keinen Hinweis.)

Auch der Journalist Andrew Feinberg guckte sich die Fotos näher an. Ergebnis: Die Vergrößerung des Bildes, auf dem Trump den Filzstift in der Hand hält, sieht sehr danach aus, als unterschreibe der Präsident ein weißes Blatt Papier. Feinberg meint, es könnte dasselbe leere Blatt sein, das auch in dem Video vor dem Präsidenten liegt.

Selbst hochrangige Mitarbeiter im Weißen Haus wissen nicht, ob ihnen die Wahrheit gesagt wird

Die unprofessionelle Art der Kommunikation durch Trumps Stabschef wird selbst im Weißen Haus kritisiert, schreibt die "Washington Post". Dass Meadows anonym mit Journalisten habe sprechen wollen, sei "keine Hilfe" gewesen, sagte ein Mitarbeiter der Zeitung, wollte dabei allerdings seinerseits anonym bleiben. Ein anderer sagte: "Wir haben bei diesem Thema nicht gut mit der Öffentlichkeit kommuniziert."

Einige Mitarbeiter des Weißen Hauses erklärten dem Bericht zufolge, dass sie nicht den Informationen trauten, die sie selbst bekommen hätten. "Ich kann Ihnen sagen, was ich höre, aber offen gestanden habe ich keine Ahnung, ob das stimmt", zitiert das Blatt eine hochrangige Quelle.

Giuliani hat noch eine andere Botschaft

Neben dem Video hat Trump sich auch über seinen Freund und Rechtsanwalt Rudy Giuliani an die Öffentlichkeit gewandt. Dieser sagte der "New York Post", der Präsident habe ihm folgendes "Statement" diktiert: "Ich fühle mich so, dass ich sofort rausgehen könnte. Aber sie sagen mir, mit dieser Krankheit kann es immer einen Rückfall geben. Aber ich fühle mich so, als könnte ich rausgehen und eine Wahlkampfkundgebung machen."

Andere Passagen dieser Botschaft klingen, als wolle Trump suggerieren, er habe die Krankheit auf sich genommen, um den US-Bürgern Mut zu machen. "Ich werde es (das Virus) besiegen. Dann kann ich den Leuten zeigen, dass wir verantwortungsvoll mit dieser Krankheit umgehen können, aber wir nicht Angst davor haben sollten."

Ob Trumps Video bearbeitet wurde, ob die Fotos gestellt sind, ob es ihm gut oder schlecht geht und was auch immer das für den Umgang mit der Corona-Pandemie in den USA bedeutet: In Trumps Welt, in der Fakten keine Rolle spielen, ist das wahrscheinlich alles egal. Nur eines ist mit Sicherheit richtig: Irgendetwas stimmt da nicht.

Quelle: ntv.de