Person der Woche

Person der Woche: Lars Klingbeil Der Architekt des SPD-Wunders

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Er hat aus einem ausgebrannten Trümmerhaufen eine Siegertruppe geformt. Das SPD-Comeback und die greifbare Kanzlerschaft von Olaf Scholz sind mit sein Werk. Nun könnte der Soldatensohn Verteidigungsminister werden.

SPD-Generalsekretäre wankten jahrelang als politische Abrissbirnen durch die Republik. Eine nach dem anderen brachen der stolzen Volkspartei Zacken aus der roten Krone. Als Lars Klingbeil im Dezember 2017 das Amt übernahm, war die SPD erstmals unter die Marke von 20 Prozent abgerutscht. Die Partei wirkte ausgebrannt, hatte seit den Tagen Gerhard Schröders 300.000 Mitglieder, Millionen Wähler und Hunderte von Mandaten verloren. Die Grünen waren auf bestem Weg, als jüngere, coolere Truppe mit dem neuen Jahrhundertthema die Rolle als Volkspartei der linken Mitte zu übernehmen. Die Bundestagswahl von 2021 schien prädestiniert für den historischen Stabwechsel. Doch nun ist das Unglaubliche passiert. Ausgerechnet die uralte Tante SPD erlebt ein spektakuläres Comeback. Ausgerechnet der oberspröde SPD-Finanzminister steht kurz davor, nach Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder zum vierten SPD-Kanzler der Republik aufzusteigen.

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(Foto: picture alliance / Flashpic)

Wer sich fragt, wie es zu diesem Wunder hat kommen können, der sollte Lars Klingbeil studieren. Denn er ist der Mann hinter dem SPD-Wunder, offizielle Berufsbezeichnung "Generalsekretär". Doch in Wahrheit ist Klingbeil mehr General als Sekretär der SPD. Seinen Job übt er mit einer Entschiedenheit und strategischen Weitsicht aus, dass die Konkurrenz daneben regelmäßig kurzatmig wirkt. Klingbeil hat sich früh für Scholz, für eine mittige Positionierung, für einen Personenwahlkampf, für eine durchkomponierte Kampagne mit dem Zentralbegriff "Respekt" entschieden. Und für Disziplin. Generalstabsmäßig wurde die Partei geeint und hinter seiner Kampagne versammelt. Wie der letzte Ausbruchsversuch einer zerzausten Armee in der Kessselschlacht führte Klingbeil seine Truppen zu einer Geschlossenheit, die die SPD seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hat.

Kein Tribun, sondern ein Team-Arbeiter

Der groß gewachsene Niedersachse hat das Willy-Brandt-Haus nicht nur erneuert, er hat aus einer Schlangengrube einen emsigen Bienenstock gemacht. Bislang dachte man bei der SPD, so etwas könne nur mit dem donnernden Kerletum eines Gerhard Schröders oder der peitschenden Machtausübung eines Herbert Wehner gelingen. Klingbeil beweist, dass Entschiedenheit auch mit Konzilianz erreichbar ist. Er ist kein Lautsprecher, kein Demagoge, kein Volkstribun. Klingbeil ist ein freundlicher Architekt der Macht, der lieber systematisch, geduldig und im Team ein Gebäude des Erfolgs baut.

Der SPD-Generalsekretär verkörpert die neue Mittigkeit der Erfolgs-SPD. Während der linke Parteiflügel immer nur kläffte, es müsse endlich scharf links abgebogen werden, um das eigene Profil zu schärfen, sah Klingbeil die Seele und den Erfolg der Partei immer in der linken Mitte. Klingbeil ist damit in der SPD das perfekte Gegenbild zu Kevin Kühnert. Wo Kühnert von Rot-Rot-Grün träumt, setzt Klingbeil auf eine Ampelkoalition mit der FDP.

Er kommt aus dem Niedersachsen-Netzwerk von Gerhard Schröder - alleine das hat bei der SPD-Linken zuweilen ausgereicht, um unten durch zu sein. Doch Klingbeil behauptete sich mit Kompetenz. Wo andere nur über Digitalisierung schwadronierten, punktete er mit digitalpolitischem Sachverstand und erklärte alten Genossen, wie man twittert. Er wurde netzpolitischer Sprecher seiner Fraktion und konterte die Piratenpartei mit neuen Positionen zu ACTA, Vorratsdatenspeicherung und Urheberrecht im Netz.

Moderner Optimismus

Klingbeil bekennt sich - was unter Sozialdemokraten eher verpönt ist - als Fan des FC Bayern. Er ist - ebenfalls eher selten bei Sozialdemokraten - ein leidenschaftlicher Verfechter der Bundeswehr und sucht - wiederum erstaunlich - gezielt das Gespräch mit Unternehmern. Auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel verblüfft er seit Jahren die deutschen Wirtschaftsführer mit entspannt-moderner Wirtschaftsfreundlichkeit. Dabei profilierte er mit seinem Vertrauten Olaf Scholz eine Strategie, die unter Genossen mit "Helmut Schmidt 2.0" umschrieben wird. Während sich die Partei in monatelangen Selbstfindungsdebatten fast zerlegte und den Linksschwenk übte, werkelten Klingbeil und Scholz an diesem Masterplan des Moderaten - und eigentlich glaubten nur diese beiden wirklich an den unwahrscheinlichen Erfolg.

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Der Name seiner Jugendband, in der er als Klingbeil vor Jahren Musik machte, hätte die Langfriststrategie erahnen lassen können: "Sleeping Silence". Mit scheinbar schlafender Stille führte Klingbeil die SPD geschickt aus organisatorischen Krisen, trieb der Partei das Ideologische aus. "Er tut der SPD mit seinem modernen Optimismus spürbar gut", attestieren selbst politische Gegner. Seine durchdachte und clever geplante Kampagne wird Klingbeil in der Partei nun auch von denen, die seine Linie nicht wirklich teilen, hoch angerechnet.

In der SPD wird nun erwartet, dass Scholz - sollte er wirklich Kanzler werden - seinen Wunder-General mit einem Ministerposten belohnen wird. Das Verteidigungsministerium würde perfekt passen. Klingbeil ist der Sohn eines Berufssoldaten der Bundeswehr und hat seine Kindheit am Truppenstandort Munster verbracht. Der Aufstieg zum Verteidigungsminister wäre ein bundesdeutsches Märchen - doch die Chancen dafür stehen nicht schlecht: Klingbeil ist Mitglied im Verteidigungsausschuss und hat neben der Digitalpolitik die Bundeswehr als Kompetenzfeld. Er engagiert sich bei der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik und im Förderkreis Deutsches Heer. Politisch setzt er sich für eine Anhebung des Wehretats ein. Alles nicht so populär in der SPD - wenn er aber das historische SPD-Wunder tatsächlich über die Ziellinie bringen sollte, dann würde die SPD ihrem alten General und neuen Verteidigungsminister Klingbeil in dessen Sicherheitspolitik folgen.

Quelle: ntv.de

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