Person der Woche

Person der Woche: Sikhuile Moyo Der Omikron-Entdecker wird attackiert

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Als erster Wissenschaftler identifiziert Sikhuile Moyo aus Botswana die Corona-Variante Omikron und schlägt Alarm. Anstatt Dankbarkeit und Ehrungen erntet er Wut und Schmähungen. Und sogar rassistische Beleidigungen.

Normalerweise forscht Sikhuile Moyo an Aids-Viren. Der dreifache Familienvater und Gospelsänger ist Laborleiter des Botswana-Harvard AIDS Institute. Am 19. November führte Moyo in seinem Labor in Gaborone eine genomische Sequenzierung von 95 Sars-CoV-2-Proben durch, so wie er es seit Monaten wöchentlich tut. Doch diesmal bemerkte er drei verblüffende Fälle mit einem ungewöhnlichen Muster und mehreren Mutationen. "Wir verglichen die neue Variante mit anderen in Botswana zirkulierenden Sequenzen und stellten fest, dass dies ein ungewöhnliches Mutationsmuster ist. Die Anzahl der Mutationen, die das Virus hatte, war einfach unglaublich", erzählt Moyo. Er prüfte die Ergebnisse und beschloss, die Daten sofort im Internet zu veröffentlichen.

Bald meldeten auch Wissenschaftler aus Südafrika (so Tulio de Oliveira, der Doktorvater Moyos) und Hongkong (Forscher Ka Lun Tsang) dem GISAID-Virusmeldenetzwerk ähnliche Ergebnisse. Eine neue Coronavirus-Variante war entdeckt worden, und noch im November bekam B.1.1.529 von der Weltgesundheitsorganisation den Namen "Omikron".

Seither hat die Welt ein neues Problem. Und Sikhuile Moyo auch. Denn statt Dank bekommt er wegen seiner Entdeckung nur Ärger. In einem Interview mit dem amerikanischen "National Public Radio" schildert er, dass ihm aus dem südlichen Afrika allenthalben offen Wut entgegenschlage. "Die Entdeckung der Omikron-Variante hinterlässt in Botswana eine Spur der Verwüstung … Einige Leute sagen: 'Ihr Wissenschaftler, ihr Großmäuler, seht, was ihr getan habt. Ihr habt uns das Weihnachtsfest zerstört.'"

Frust über Reiseverbote

Moyo ärgert sich insbesondere über die Reaktion der Weltgemeinschaft auf seine Entdeckung. "Botswana und Südafrika machten die Welt auf diese Variante aufmerksam", klagt Moyo, "und dann bestrafte man die Länder, die vor einem potenziell gefährlichen Erreger warnten, mit Reiseverboten". Denn nach der Entdeckung stellten viele Länder ihre Flüge nach Südafrika ein. Auch Waren und Medikamente kommen seither nur noch verzögert in seiner Heimat Botswana an. "Viele Unternehmen verloren Millionen. Und unsere Impfstoffversorgung war bedroht", so Moyo.

Moyo ärgert sich über die unfaire Stigmatisierung seiner Heimat. Dabei sei die neue Variante bei Reisenden gefunden worden, die Berichten zufolge aus Europa eingeflogen sind. Er ist überzeugt: Eine Woche vor der öffentlichen Bekanntmachung der Omikron-Entdeckung in Afrika sei die Variante bereits in den Niederlanden festgestellt worden.

Moyo appelliert an mehr Solidarität in der Bekämpfung von Covid. Die Welt sei "ein globales Dorf", Grenzschließungen würden nicht helfen ("Wir müssen akzeptieren, dass diese Viren Grenzen nicht respektieren."), eine globale Impfkampagne aber sehr wohl. "Schauen Sie sich nur die Statistiken an, Sie werden schockiert sein. Guinea hat 6,2 Prozent Geimpfte, Libyen 11 Prozent und Ghana 2,7 Prozent. Selbst Kenia hat weniger als 10 Prozent. Wir sprechen hier von so vielen Menschen, die nicht geimpft sind." Dem Westen sollte es daher wichtig sein, dass Afrikaner endlich geimpft werden. "Wenn wir die Impfung in diesen Ländern erhöhen, wird die Wahrscheinlichkeit sinken, dass das Virus mehr Mutanten erzeugt."

"Wird noch zwei, drei Jahre andauern"

Der in Simbabwe geborene Moyo zeigt sich zugleich stolz darauf, wie er und seine internationalen Kollegen ihre Ergebnisse transparent machten und zusammen arbeiten würden: "Wir freuen uns, dass wir wahrscheinlich ein Warnsignal gegeben haben, das viele Todesfälle und viele Infektionen abgewendet haben könnte."

Südafrika, Botswana und andere Staaten Afrikas haben unterdessen die europäischen Flugverbote gemeinsam verurteilt. Nigeria kritisiert gar eine neue "Reise-Apartheid". Für einen Eklat sorgte die spanische Zeitung "La Tribuna" mit einem rassistischen Cartoon, der die Omikron-Viren als dunkelhäutige Flüchtlinge mit dicken Lippen auf einem Flüchtlingsboot porträtierte. Der Virologe Tulio de Oliveira hat den Cartoon auf Twitter verbreitet und als blanken "Rassismus außer Kontrolle" kritisiert, die Zeitung hat sich inzwischen entschuldigt. Doch sauer sind Oliveira und Moyo immer noch. Auf die Frage, wie lange die Pandemie seiner Meinung nach die Menschheit wohl noch quäle, antworte Moyo: "Ich denke, diese Pandemie wird noch zwei, drei Jahre andauern."

Quelle: ntv.de

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