Person der Woche

Person der Woche: Boris Rhein Die neue Generation der sanften CDU-Pragmatiker

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Der hessische Landtag hat Boris Rhein zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Wer ist der Mann? Und was bedeutet die Wahl für die deutsche Politik?

Deutschlands dienstältester Ministerpräsident ist abgetreten. Der hessische Landesvater Volker Bouffier (70) hat nach zwölf Jahren den Regierungsstab an seinen CDU-Parteifreund Boris Rhein (50) übergeben. Die schwarz-grüne Koalition in Wiesbaden besteht damit eine heikle Bewährungsprobe, denn sie hat nur eine Stimme Mehrheit. Hätte nur ein grüner Abgeordneter oder ein innerparteilicher Widersacher von der CDU gegen Rhein gestimmt, wäre Hessen in eine Regierungskrise gestürzt. Nun aber betritt mit Boris Rhein ein neuer Ministerpräsident die Bühne der großen Politik.

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Boris Rhein, mit Pastoralreferentenbrille.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für die CDU ist diese Wahl ein wichtiger strategischer Meilenstein. Ein dritter Erfolg binnen kurzer Zeit. Nach Schleswig-Holstein und NRW hat die Union binnen weniger Wochen drei Ministerpräsidenten der neuen Generation etabliert. Daniel Günther, Hendrik Wüst und Boris Rhein sind sich in ihrem politischen Profil wie in ihren Persönlichkeiten erstaunlich ähnlich. Alle drei sind Kinder der siebziger Jahre (Rhein 1972 geboren, Günther 1973, Wüst 1975), alle drei sind katholisch, kommen aus Mehrkindfamilien, sind super-bodenständige Familienväter, ohne großen Ortswechsel im Leben, keine Eskapaden, keine Doktortitel, Hobby Fahrradfahren.

Signal für die Zeit nach der Ampel

Selbst die runden Pastoralreferentenbrillen tragen alle drei gleich. Sie sind mittig-pragmatisch und wollen die CDU behutsam "jünger, weiblicher und bunter" machen. Die drei sind allesamt als Jugendliche in die Kohl-CDU eingetreten und haben die Ochsentour durch die Partei hinter sich, sie sind Politprofis und unideologische Ingenieure der Macht. Sie sind keine Polarisierer und stehen weniger für harte Kante als für das integrative "U" in der CDU. Alle drei könnten am Ende schwarz-grüne Regierungen führen. Die Signalwirkung für die Republik wäre gewaltig, wenn 2022 im Norden, im Westen und in der Mitte Deutschlands plötzlich schwarz-grüne Regierungen am Werke wären und damit ein serielles Modell begründen. Auch für die Bundespolitik wirkt das wie ein Signal für die Zeit nach der Ampel-Phase.

Mit anderen politischen Lagern kennt Boris Rhein sich aus. Er ist der Sohn eines Frankfurter SPD-Politikers, seine Frau beschimpfte ihn anfangs als "Junge-Union-Fuzzi". Seit 2000 ist der neue Ministerpräsident mit Tanja Raab-Rhein verheiratet, einer Richterin am Landgericht. Beide wurden am exakt gleichen Sonntag (2. Januar 1972) geboren, haben zwei jugendliche Söhne (Bruno und Oskar) und leben im Frankfurter Stadtteil Nieder-Eschbach - einer schwarz-grünen Hochburg, bei der Ortsbeiratswahl 2021 kamen beide Parteien auf bemerkenswerte 65,7 Prozent.

Zigarillos sind schon das Gewagteste

Rhein hat Jura studiert, zwischen beiden Staatsexamen seinen Zivildienst als Betreuer in einem Praunheimer Wohnheim für Schwerbehinderte abgeleistet und startete als Rechtsanwalt in die Frankfurter Lokalpolitik. Schon 1999 wurde er Landtagsabgeordneter, von 2010 bis 2014 war er Innenminister, von 2014 bis 2019 Wissenschaftsminister und seit 2019 wirkte er als ausgleichender Landtagspräsident. Seine größte Niederlage erlitt er 2012, als er bei der Wahl zum Frankfurter Oberbürgermeister gegen den SPD-Kandidaten Peter Feldmann - derzeit skandalumwittert - unterlag. Rhein hat sich in seiner Zeit als Innenminister als Law-and-Order-Politiker profiliert, als Wissenschaftsminister wiederum als liberaler Forschungsförderer. Er kann gut mit der Wirtschaft und ist Vorsitzender der Frankfurter Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung, sein väterlicher Einfluss (Vater Peter Rhein war in Frankfurt Sozialdezernent) lässt ihn aber auch zum Sozialflügel anschlussfähig bleiben. Auf der alljährlichen Markengala in der Frankfurter Alten Oper kann man ihn gut beobachten, wie geschickt er Bande knüpft auch mit der kritischen Medien- und Werbebranche.

Genau wie Wüst und Günther fehlt Rhein das Aufregende. Ihre Hobbys sind durchweg brav, das sporadische Rauchen von Zigarillos ist bei Rhein schon das Gewagteste. Nicht einmal längere Auslandsaufenthalte können die drei CDU-MPs vorweisen. Genau das aber scheint für den neuen Typus von CDU-Politkern ein Erfolgsgeheimnis. Sie sind Vertrauens- und Heimatmenschen, die genau dort, wo sie aufgewachsen sind, auch studiert, geheiratet und sich beruflich niedergelassen haben - kurzum nie abgehoben haben.

SPD hofft auf Regierungswechsel

Für Rhein startet mit seiner Wahl zugleich der Wahlkampf zur Wiederwahl. Die ist für das kommende Jahr terminiert und wird nicht leicht. Denn die SPD plant schon seit Monaten den Regierungswechsel in Hessen. Nach elf Jahren Roland Koch und zwölf Jahren Volker Bouffier soll das Herzland der Republik endlich wieder unter sozialdemokratische Führung. Bundesinnenministerin Nancy Faeser ist als Spitzenkandidatin ausgeguckt, erste Regierungschefin Hessens zu werden. Ihre eigene Kabinettskollegin Christine Lambrecht (auch die Verteidigungsministerin kommt aus dem SPD-Landesverband Hessen, kennt also die Hintergründe genau) hat vor wenigen Tagen erklärt, Faeser wolle gar nicht so lange Bundesinnenministerin sein, sondern im nächsten Jahr als Spitzenkandidatin im hessischen Landtagswahlkampf antreten.

Für Faeser kam Lambrechts Geplauder zur Unzeit, sie dementierte halb. Doch der Faeser-Wechselplan dürfte bei Olaf Scholz und den SPD-Strategen von Anfang an eine Rolle gespielt haben, denn zwei Bundes-Ministerinnen aus der Hessen-SPD hätte es ohne dieses Kalkül kaum gegeben. Und so kann es 2023 zum großen Duell mit dem derzeitigen Wirtschaftsminister Tarik Al-Wazir (Grüne) und Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) kommen. Alle drei haben Chancen.

Quelle: ntv.de

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