Sport

Vogel über ihr neues Leben "Aus der Scheiße ist etwas Tolles entstanden"

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Kristina Vogel musste ihre Sportkarriere beenden, hat aber viele neue Aufgaben gefunden.

(Foto: imago images/Marja)

Seit ihrem schweren Unfall Ende Juni 2018 ist Kristina Vogel querschnittgelähmt. Die Bahnrad-Olympiasiegerin musste sich an ihren Rollstuhl erst einmal gewöhnen, erzählt sie im Interview mit n-tv.de. Sie wollte ihn manches Mal im Auto liegen lassen. Außerdem spricht die 29-Jährige darüber, warum sie Verständnis für ihren Unfallgegner hat, warum sie keine weitere Leistungssportkarriere plant und wieso sie sich im Alltag manchmal richtig ärgert.

n-tv.de: Frau Vogel, fast eineinhalb Jahre sind seit Ihrem folgenreichen Unfall, seit dem Sie querschnittgelähmt sind, vergangen. Wie geht es Ihnen damit, dass ihre Karriere im Leistungssport beendet ist?

Kristina Vogel: Ich fühle mich momentan ganz gut so, wie es ist. Ich fühle mich frei, denn ich bin nicht mehr gezwungen und angetrieben von Äußerlichkeiten. Ich muss nur noch mir Rechenschaft ablegen, ob es im Kraftraum läuft oder nicht läuft. Es war bekloppt, total blöd, dass man sich so gedrängt gefühlt hat, denn ich habe das Beste gemacht in meinem Leben. Ich war erfolgreich, ich habe es geliebt, habe das Privileg gehabt, es machen zu können. Aber zunehmend merkt man die Spirale des Leistungssports, performen zu müssen. Das ist etwas, was sehr, sehr schwer für Leistungssportler ist, was für viele mental ein Problem ist. Es ist nicht nur das Sportmachen und das Gewinnen, es hängt am Leistungssport noch viel mehr dran.

Trotzdem trainieren Sie noch sehr viel. Gesehen hat man das zum Beispiel bei einem Klimmzug, der bei Instagram für sehr viel Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Da bin ich selbst erschrocken, was ich für eine Präsenz bekomme und wie viral manche Sachen gehen. Das war ganz lustig, ich war im Kraftraum, habe mit einem Bundespolizisten trainiert und der sagte: "Irgendwas Geiles müssen wir jetzt machen, mal was anderes im Training." Ich habe da gerade Schulterdrücken gemacht und er sagte: "Lass mal Klimmzüge machen." Ich hatte das noch im Krankenhaus tatsächlich gegoogelt und hatte jemanden gefunden, der Klimmzüge im Rollstuhl macht. Das hatte ich für mich als Ziel gesetzt. Und dann haben wir welche gemacht und ich habe gesagt: "Das ist cool, lass das mal aufnehmen." Aber ich war wirklich erschrocken, dass das so viral ging.

So viel wie Sie trainieren, kommt natürlich immer wieder die Frage nach der paralympischen Sportkarriere. Haben Sie schon irgendetwas gefunden, was Ihnen so viel Spaß macht, dass Sie sich nochmal komplett darin verbeißen wollen?

Ich glaube, dass die Zeit für mich im Leistungssport ohnehin irgendwann vorbeigegangen wäre. Nun kam es ein paar Jahre früher, als es der Plan gewesen wäre. So sind Pläne nun einmal. Jetzt fahre ich nach Tokio nicht als Aktive, sondern als Kommentatorin, als Olympia-Expertin. Ich habe noch nichts gefunden, für das ich genauso brenne wie für den Bahnradsport. Aber muss ich das denn? Das Leben ist mehr als aktiver Leistungssport. Ich weiß, was es heißt, zu trainieren, zu investieren, um auf dieses Niveau zu kommen. Ich bin so großschnäuzig, zu sagen, gewinnen macht halt Spaß und wenn ich so viel investiere, dann möchte ich den Erfolg sehen. Das sehe ich momentan nicht. Und ehrlich gesagt habe ich auch gar keine Zeit, so viel zu trainieren.

Derzeit hospitieren Sie als Trainerin bei Ihrem Arbeitgeber, der Bundespolizei. Das ist aber nur einer von vielen Jobs. Sie sind Speakerin, Sie sind beim Radsport-Weltverband, Sie sind in der Politik, Sie sind Erfurter Stadtbotschafterin, Sie sind Kommentatorin, Sie sind Influencerin bei Instagram, wo Sie viel aus Ihrem Leben mit Ihrer Fangemeinschaft teilen. Wie bekommen Sie das unter einen Hut?

Es ist gute Organisation und die lange Leine, die man mir bei der Behörde gibt, dass ich probieren kann, was zu mir passt. Es ist nach und nach das Reinfinden, wie man was strukturiert. So eine Speech ist ja zum Beispiel nicht jeden Tag, der Erfurter Stadtrat tagt nicht jeden Tag, auch wenn man sich darauf natürlich vorbereiten muss. Ich suche gerade noch so ein bisschen meine Routine. Es macht aber einfach total Spaß. Ich finde es schön, dass es bei mir momentan so divers ist. Früher als Leistungssportlerin hatte ich nur diesen Leistungssport - mit vielen Unterkategorien wie Aerodynamik, Ernährung, Sprechen mit dem Trainer über den Trainingsplan, Vor- und Nachbereitung, Taktik - im Endeffekt war das Hauptthema aber der Radsport. Jetzt ist es so viel, es ist schön, diese Diversität genießen zu können.

Bis zuletzt hieß es immer, dass sich der Niederländer, mit dem Sie den Unfall hatten, nicht gemeldet hat. Hat sich daran etwas geändert, gibt es mittlerweile einen Kontakt?

Es gab im Sommer vonseiten des niederländischen Radsportverbandes eine Anfrage, dass man ein Treffen organisiert. Es war aber so, dass ich mehr das Gefühl hatte, dass der Verband ein Treffen wollte und dann ist alles wieder gut. Es war nicht so, dass ich das Gefühl hatte, dass das von dem Fahrer ausging. Jetzt versetzt man sich doch mal in seine Perspektive: Wenn man beteiligt war an einem Unfall mit einer der besten Radsportlerinnen ihrer Zeit, die wegen einem querschnittgelähmt ist oder man zumindest daran beteiligt ist - das ist doch auch eine Last. Mit 18, 19 Jahren - waren wir da alle schon so weit? Manche ja, manche nein, manche sind es vielleicht niemals. Ich habe immer gesagt: Wenn er bereit ist, bin ich es auch. Wenn ich aber tief in mich reingehe, weiß ich, ich war es noch nicht. Auch wenn ich ihm nie eine Schuld gegeben habe, ist er trotzdem die Personalisierung meines Unfalls, des Schicksals und des neuen Lebens, das ich jetzt habe. Es ist viel Gutes, ich bin froh, was seitdem passiert ist. Aber es wäre eine Face-to-Face-Situation und ehrlicherweise war ich dazu noch gar nicht bereit.

Waren Sie mittlerweile schon wieder in Cottbus und sogar an der Bahn?

Ja, ich war wieder in Cottbus. Ich hege weder gegen die Radrennbahn noch gegen die Stadt einen Groll. Es war natürlich klar, wenn ich jetzt Trainerin für den Bahnradsport bei der Bundespolizei werde, dass ich die Radrennbahnen dieser Welt - eben auch Cottbus - wieder sehen muss. Mir war zudem klar, dass ich im Rahmen meines Jobs als Kommentatorin auch Stürze sehen werde, denn die gehören einfach dazu. Aber ich glaube, wenn man sich darauf vorbereitet, tangiert einen das gar nicht mehr so richtig.

Fans bei Instagram schreiben immer wieder, dass Sie ein Vorbild für sie sind. Einige setzen sogar darauf, dass Sie etwas schon regeln werden, damit es für andere leichter wird. Wenn man auf so ein Podest gehoben wird, gibt es da gar keine andere Möglichkeit, als eine heile Welt zu haben?

Diese ganzen sozialen Medien sind ja ein bisschen so wie mein Tagebuch. Ich bin ich und ich möchte mich nicht verstellen. Ich zeige die guten Zeiten, aber auch die schlechten Zeiten. Wenn mich etwas nervt, dann kommt das da auch mit rauf. Ich nutze meine Stimme für das, was mir am Herzen liegt, was ich für richtig erachte. Aber ich kann ja nicht alles machen, das ist ja auch nicht mehr echt. Ich sage immer, das ist wie wenn man in ein Restaurant geht und die Speisekarte hat 20 oder 30 Seiten, dann kann das nicht mehr gut sein. Lieber eine Speisekarte mit 5 Seiten und du weißt, dass jedes Gericht, das draufsteht, einfach lecker und mit Herzblut zubereitet ist. Ich bin halt lieber die kleinere Speisekarte.

Sie haben schon so viele Aufgaben, gibt es trotzdem noch etwas, wovon Sie träumen?

Ich sehe es momentan als sehr, sehr großes Privileg an, dass aus der Scheiße - wenn ich das so sagen darf - aus der Scheiße, die am 26. Juni 2018 passiert ist, so etwas Tolles entstanden ist. Ich habe total viele Sachen gesehen, ich habe eine Stimme bekommen und bekomme viele Möglichkeiten, die ich vorher nicht hatte und vielleicht auch nie bekommen hätte. Ich nehme die Möglichkeiten, die kommen und gucke, ob sie passen oder nicht. Nur das Mindset ist die Grenze und das möchte ich auch 2020 beibehalten.

Bleibt da noch Zeit für ein Privatleben? Was planen Sie etwa an Weihnachten? Sie haben im vergangenen Jahr gesagt, dass Sie sich da sehr drauf freuen, weil Sie sich auch mal betüddeln lassen können.

Letztes Jahr bin ich gerade erst aus dem Krankenhaus gekommen. Der 22. Dezember war das Datum, da werde ich mich immer dran erinnern. Am 22. Dezember bin ich nach Hause gekommen und musste schnell noch Weihnachten machen. Ich war körperlich noch gar nicht in der Lage, etwas zu machen. Dieses Jahr bin ich ja schon fitter, das heißt, ich kann mich nicht ganz so drücken vor den Aufgaben. Ich sag mal so, Weihnachtsbaum schmücken geht bis in eine gewisse Höhe, aber für alles darüber hinaus brauche ich dann doch Hilfe. Aber ich freue mich auf diese besinnliche Zeit. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich meinen letzten Ruhetag hatte, das ist schon wirklich lange her. Die Weihnachtszeit bis zum Neujahr ist wirklich frei für Familie und Freunde und da freue ich mich sehr.

Wo Sie das Schmücken des Weihnachtsbaumes ansprechen: Haben Sie sich schon komplett daran gewöhnt, dass Sie nicht mehr alles machen können? Haben Sie sich an den Rollstuhl gewöhnt? Oder gibt es immer noch Dinge, die Sie machen wollen und dann erst kurzfristig merken, dass es ja gar nicht geht?

Anfang des Jahres war es schon so, dass ich mal von Termin zu Termin unterwegs war, zu Hause schnell was holen wollte und dachte: Ich lasse den Rollstuhl schnell im Auto und gehe mal rein. Und dann: Ah Moment mal, das geht ja schlecht, ich brauche den ja wirklich. Ich musste da selbst sehr lachen. Mittlerweile gewöhnt man sich aber schon daran, sodass der Rollstuhl für mich Alltag ist. Ich denke auch nicht mehr drüber nach, wie ich Sachen früher konnte, sondern gucke, wie ich sie jetzt schaffen kann. Ich weiß auch, dass ich mittlerweile so gut bin, dass ich bei Sachen schon meinen Weg finde, diese machen zu können.

Auch wenn Sie sich dran gewöhnt haben und wissen, wie Sie Ihre Tricks finden - Außenstehende wissen das nicht. Zudem ist Deutschland ein Land, in dem der Umgang mit Rollstuhlfahrern nicht so normal ist. Nervt Sie das, wenn Leute auf Sie zukommen und nicht wissen, was sie tun sollen? Oder passiert es Ihnen sogar, dass Leute übergriffig werden und etwa Ihren Rollstuhl einfach losschieben?

Ich bin total zwiegespalten, was das Leben draußen in der Gesellschaft angeht. Denn wenn ich irgendwo herumrollere und Hilfe brauche, weiß ich, dass ich normalerweise jeden ansprechen kann. Aber ich stelle bei mir selbst diese Haltung fest, etwa bei Behindertenparkplätzen - das Video ging auch viral - dass ich davon ausgehe, dass da jemand falsch parkt. Das macht schon was mit einem. Es ist eine zwiegespaltene Gesellschaft, in der man zwar helfen möchte, es aber doch nicht im Fokus hat. Wenn man mehr Berührungspunkte hätte mit Menschen wie mir, Menschen mit Behinderung, hätte man keine Angst. Menschen auf einem Bürostuhl zieht man ja auch nicht einfach irgendwohin. Aber wenn man keine Berührungspunkte hat, weiß man nicht, wie sehr mich das in meiner Freiheit einschränkt, wenn man auf einem Behindertenparkplatz parkt. Ich habe keine andere Möglichkeit, auf einem normalen Parkplatz komme ich nicht rein und raus, ich brauche die volle Öffnung der Tür. Für mich ist das eine Einschränkung meiner Freiheit. 

Haben Sie noch weitere Beispiele?

Wenn wir alle gleichberechtigt leben würden, würde man nicht auf die Behindertentoilette gehen. Dann würde man den Fahrstuhl freigeben. Dann würde man nicht mit meinem Lebensgefährten sprechen, wenn wir zusammen reisen, sondern mit mir. Man würde mich fragen, wie es mir geht und nicht ihn fragen, wie es mir geht. Dann würde ich nicht durch die Stadt rollen und davon ausgehen, dass jemand, der auf einem Behindertenparkplatz parkt, dort falsch parkt. Zudem ist es in der Politik oft so - jetzt haben wir ein neues Teilhabegesetz -, dass die Leute entscheiden, die das aus eigener Erfahrung leider nicht wissen, teilweise auch gar nicht wissen können. Immer wieder wollen Leute für mich reden, die gar nicht wissen, wie das Leben im Rollstuhl ist.

Mit Kristina Vogel sprach Anja Rau

Quelle: ntv.de

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