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Trotz Sieg gegen Suljovic Darts-Star Anderson wütet: "Absoluter Witz"

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Gary Anderson gewinnt, ist aber trotzdem stinksauer.

(Foto: picture alliance/dpa/PA Wire)

Ex-Weltmeister Gary Anderson steht im Achtelfinale der Darts-WM und ist trotzdem auf 180. Weil er sich von taktischen Spielchen seines Gegners aus dem Konzept bringen lässt, setzt Anderson nach dem Zittersieg zur Wutrede an.

Gary Anderson ist ein Darts-Purist. Drei Pfeile, klack, klack, klack. Und wieder von vorne. Nicht mehr, nicht weniger. So stellt sich der 50-jährige Schotte die perfekte Partie Darts vor. Keine taktischen Spielereien, keine "Mind Games", kein extrovertiertes Jubeln. Weil sich aber längst nicht alle Gegner an den Anderson'schen Standard halten, wird es schon mal unappetitlich: Legendär ist das Grand-Slam-Finale 2018, als sich Anderson ein Dauer-Scharmützel mit Gerwyn Price lieferte und sich schließlich sogar zu einem Schubser hinreißen ließ.

Wie sehr es im "Flying Scotsman" brodeln kann, wird auch am elften Tag der Darts-Weltmeisterschaft 2021 deutlich. Zwar gewinnt Anderson mit 4:3-Sätzen gegen Mensur Suljovic, doch freuen kann sich der Weltranglisten-13. nicht. Zunächst blockt "Ando" sämtliche Interviews ab, tritt erst rund eine Stunde nach dem Spiel vor das Mikrofon. Mit immer noch ordentlich Rest-Temperatur wütet er in Richtung seines Gegners. Suljovic habe mit Psychotricks agiert, mosert Anderson. "Schrecklich, das Spiel war ein absoluter Witz. Ich spiele Darts, ich wollte immer Darts spielen. Aber wenn Darts jetzt so gespielt wird, dann viel Spaß. Ich bin dann weg, für eine Partie Golf oder so. Das hier mache ich nicht nochmal mit."

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Die vermeintlichen Psychospielchen haben laut Anderson bereits vor Beginn der Partie angefangen. Vor allem regt sich der "Flying Scotsman" darüber auf, dass Suljovic den für ihn vorgesehenen Tisch in Beschlag nimmt. Und tatsächlich legt der Österreicher sein Material am falschen Tisch ab, als er die Bühne im Alexandra Palace in London betritt. Doch wie die TV-Bilder zeigen, fragt Suljovic die Offiziellen (Schiedsrichter und Schreiber) sogar, ob er sich dort platzieren kann. Die haben anscheinend nichts dagegen. Und als anschließend Anderson die Bühne betritt, lässt der sich ebenfalls nichts anmerken. Seinen Ärger lässt er erst später raus: "Mensur ist an den falschen Tisch gegangen. Ich musste in den sauren Apfel beißen und wie üblich weiterspielen."

"Ein Haufen Mist"

Das gelingt zunächst nur bedingt. Andersons findet nur schwer ins Match. Doch weil Suljovic noch mehr Fehler macht, schnappt sich "Ando" den ersten Satz. Trotzdem habe er komplett "den Faden verloren", sagt der Weltmeister von 2015 und 2016. Im zweiten Satz lädt Anderson zum Fehlerfestival, nur zwei von 17 Versuchen auf die Doppelfelder landen im Ziel. Suljovic profitiert, gleicht trotz eines bis dato grottenschlechten Auftritts zum 1:1 aus. Im dritten Satz zieht das Niveau langsam an, Anderson trifft die Doppelfelder regelmäßiger, geht wieder in Führung.

Doch dann beginnen die Horror-Minuten des zweifachen Weltmeisters. Zwei Sätze in Folge gehen jeweils zu null an den Österreicher. Im Angesicht der drohenden Niederlage zeigt Anderson dann aber doch noch seine ganze Klasse. Im sechsten Satz spielt der "Flying Scotsman" seine mit Abstand besten Darts des ganzen Jahres. 118 Punkte pro Aufnahme stehen in der Statistik, Anderson gleicht folgerichtig zum 3:3 aus. Und kann den Schwung mitnehmen. Auch den Entscheidungssatz entscheidet Anderson zu null für sich. Freude kommt deshalb im Hause Anderson aber nicht auf. "Ich bin sicher, dass 90 Prozent der Zuschauer den Fernseher ausgeschaltet haben. Wenn man besiegt wird, kein Problem, schüttel' ihm die Hand und weiter geht's. Aber das hier ist ein Haufen Mist."

"Iceman" muss erneut zittern

Ausschließlich sportliche Schlagzeilen schreibt die zweite Partie der Abendsession. Titelkandidat Gerwyn Price muss gegen den Nordiren Brendan Dolan ebenfalls in den Entscheidungssatz. Weil beide über den kompletten Spielverlauf kaum Chancen auslassen, muss am Ende ein einziges Leg über Ausscheiden und Weiterkommen entscheiden. Price hat den Vorteil, anfangen zu dürfen. Dolan fehlt es ausgerechnet im entscheidenden Moment an Präzision. Erst mit dem neunten Dart trifft der Weltranglisten-30. ein Triple. Zu spät, Price nutzt wenig später seinen zweiten Matchdart zum Sieg.

"Brendan hat mich immer wieder bestraft, wenn ich Doppel ausgelassen habe. Aber glücklicherweise ist der letzte Dart reingegangen", so der Waliser nach seinem zweiten Zittersieg in Folge. In Runde zwei hatte Price gegen seinen Landsmann Jamie Lewis mit 3:2 gewonnen. "Ich habe in manchen Momenten richtig gut gespielt, eine Minute später dann aber kein Scheunentor getroffen."

Price hat durch den Achtelfinal-Einzug weiterhin die Chance, Michael van Gerwen nach sieben Jahren von Platz 1 in der Weltrangliste zu stürzen. Dafür braucht die aktuelle Nummer drei der Welt den Titelgewinn. Schon die nächste Runde zu überstehen, wird aber schwer genug. Denn es geht gegen den formstarken Mervyn King.

Der 54-Jährige spielt die Darts seines Lebens, qualifiziert sich durch einen überraschend glatten 4:0-Sieg über den Portugiesen José de Sousa für das Duell mit Price. "Es gibt überhaupt keinen Grund, warum ich nicht noch weiterkommen und das Turnier hier gewinnen kann", äußert sich King nach seinem überzeugenden Sieg. Der Engländer hatte sich im November mit dem Finaleinzug bei den Players Championship Finals überraschend in der Weltspitze zurückgemeldet. Das Erfolgsrezept scheint ausgerechnet die Abkehr vom Profitum zu sein. Seit dem Lockdown ist King in seinen Beruf als Paketaussteller zurückgekehrt. "Seitdem er wieder Pakete ausliefert, liefert er auch wieder am Dartboard ab", weiß sein nächster Gegner Gerwyn Price.

Nächster Auftritt von Gabriel Clemens

Am heutigen zwölften WM-Tag steht aber zunächst der nächste Auftritt von Gabriel Clemens im Mittelpunkt. Am Abend (gegen 20.30 Uhr) trifft Deutschlands bester Dartspieler auf den Polen Krzysztof Ratajski. Schon jetzt hat der "German Giant" Geschichte geschrieben - noch nie zuvor ist ein Deutscher bei der WM der Professional Darts Corporation ins Achtelfinale eingezogen.

Nach seinem Sensationssieg über Titelverteidiger Peter Wright ist Clemens auch vor dem Weltranglisten-15. gewarnt. "Das ist ebenfalls ein Weltklassespieler", sagt der gelernte Schlosser im Interview mit ntv.de. "Ich werde versuchen, ihm einen harten Kampf zu liefern. Ich will mein Spiel durchziehen, dann habe ich auch in diesem Match eine Chance."

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Quelle: ntv.de