Sport

Corona macht Trainer arbeitslos "Der Sport muss wieder geöffnet werden"

imago0047426164h.jpg

An reguläres Training ist auch bei den Tischtennis-Vereinen nicht zu denken.

(Foto: imago images/Eibner)

Der Frankfurter Thomas Marschall verdient sein Geld seit vielen Jahren als freier Tischtennistrainer. Jobs bekommt er in Corona-Zeiten so gut wie keine, er lebt von Arbeitslosengeld. Im ntv.de-Interview erzählt der 61-Jährige, wie es ihm damit geht und warum er auf die Politik sauer ist.

Sie haben sich nach Lektüre des Berichts über das Wut-Posting des Jazz-Trompeters Till Brönner zur Situation der Künstler in der Pandemie an ntv gewandt und darüber geklagt, dass die Medien nichts zur Lage von Trainern im Amateurbereich brächten. Was macht Sie so zornig?

Marschall: Zornig ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Unter Corona leiden die allermeisten Selbstständigen. Ich habe nichts gegen Künstler, im Gegenteil. Ich finde es großartig, was sie leisten. Wir haben aber auch Zehntausende nebenberufliche und Amateurtrainer im Land, über deren Lage nicht gesprochen wird. Wer denkt an die? Ich meine nicht die beim Staat oder in Profi-Vereinen angestellten Coaches, sondern all die Übungsleiter in Amateurvereinen, Leute wie ich, die dafür sorgen, dass die Kinder fit werden und Erwachsene es bleiben. Die haben entweder keine oder nur minimale Einnahmen. Ich denke vor allem an die nebenberuflichen Trainer. Es gibt an die 90.000 Vereine in Deutschland. Wenn die alle nur jeweils einen einzigen nebenberuflichen Trainer beschäftigen, sind jetzt mindestens 90.000 ohne Nebenjob.

Wie schaut es bei Ihnen konkret aus?

Ich trainiere seit 30 Jahren Tischtennis, 16 davon als Selbstständiger. In der Vergangenheit hatte ich immer gut zu tun. Zurzeit kriege ich keine Anfragen. Vor dem Lockdown hatte ich reichlich zu tun in Vereinen, vor allem aber an Bildungseinrichtungen. Ich war als Sportlehrer an zwei Grundschulen engagiert, hatte nachmittags Sport-AGs und am Abend Vereinstraining. Das ist alles weggefallen. Ich hatte mich bei fünf staatlichen Schulämtern beworben - umsonst. In den Vereinen passiert aktuell nichts. Fortbildungsveranstaltungen des hessischen Tischtennisverbandes, für den ich als Dozent tätig bin, wurden eingestellt. Nur mein Job als Coach regionaler Talente geht weiter.

Wie wirkt sich das finanziell aus?

ThoMar4.JPG

Thomas Marschall ist seit 30 Jahren Trainer.

Seit März bin ich mehr oder weniger arbeitslos. Durchschnittlich habe ich bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie zwischen 2000 und 3000 Euro im Monat verdient. Aktuell sind es maximal 250 Euro aus freier Tätigkeit. Der Staat aber hilft der Lufthansa und den Profi-Fußballvereinen. Das finde ich unfair.

Bekommen Sie staatliche Hilfe?

Ich erhalte Arbeitslosengeld I. Das ist der Grund, warum ich nicht mehr als 250 Euro im Monat dazu verdienen darf. Der Gesamtbetrag ist nichts im Vergleich zu dem, was ich vor Corona hatte. In einer teuren Stadt wie Frankfurt am Main kommt man mit rund 2000 Euro nicht sehr weit.

Was erwarten Sie von der Politik?

Immerhin ist in Hessen bis zum 30. November Sport auch auf Anlagen allein, zu zweit oder mit den Angehörigen des eigenen Hausstandes erlaubt. Das ist ein Fortschritt. Beruflich hilft er mir und Tausenden Kollegen nicht weiter. Erst wenn wieder Trainingsgruppen erlaubt sind, werde ich nicht mehr auf staatliche Hilfe angewiesen sein. Ein großer Verein, der eigentlich einen Trainer sucht, erklärte mir neulich: Wir tun nichts, solange es keine Entwarnung gibt.

Abgesehen von der Frage, ob Sie es wollen: Können Sie in einem anderen Beruf arbeiten?

Momentan käme für mich wenig anderes infrage. Ich habe Bankkaufmann gelernt, den Beruf aber seit Jahrzehnten nicht mehr ausgeübt.

Wie finden Sie es, dass die Bundesliga-Vereine einerseits für Millionen Spieler kaufen, sich gleichzeitig aber von der staatseigenen KfW-Bank helfen lassen?

Das ist der Witz schlechthin. Ich habe in der Jugend bei Eintracht Frankfurt gespielt und finde Fußball okay, auch wenn einige Auswüchse inakzeptabel sind. Doch wir sprechen hier von weniger als 10.000 Spielern, Trainern und Angestellten in den drei Profi-Ligen. Klar, da hängen auch andere Existenzen dran wie Caterer und Fan-Shops. Doch ist bekannt, dass einzelne Vereine ihr Budget Spitz auf Knopf planen, ohne Rücklagen zu bilden. Und jetzt brauchen sie staatliche Hilfe, weil sie es über Jahrzehnte hinweg versäumt haben, vernünftig zu wirtschaften. Das ist lächerlich. Jeden Tante-Emma-Laden würde man stattdessen pleitegehen lassen.

Sie hatten die Lufthansa erwähnt: Sollte der Staat die Airline in die Insolvenz schicken und das Geld woanders einsetzen, zum Beispiel für Amateurtrainer? Was wird dann aus den Lufthansa-Mitarbeitern?

Das ist doch kein Vergleich. Die Lufthansa ist ein Unternehmen, das weltweit Tochterfirmen und Hunderttausende Angestellte hat. Sie kann nichts dafür, dass durch die Pandemie ihr Kerngeschäft weggebrochen ist. Aber genauso wenig können Amateurtrainer etwas dafür. Als Berufstrainer kann ich staatliche Hilfe erhalten, selbst wenn die nicht vergleichbar ist mit einem geregelten Einkommen. Doch als nebenberuflicher Trainer geht das nicht, da er oder sie noch einen Hauptberuf ausübt. Manch Student oder alleinerziehende Mutter ist froh, sich als Trainer oder Veranstalterin eines Yoga-Kurses etwas hinzuzuverdienen. Das fällt nun weg.

Wie denken Sie generell über die Corona-Schutzmaßnahmen im Sport?

Ich glaube, dass zu rigoros gehandelt wurde. Alle Maßnahmen müssen überprüft und verbessert werden. Es ist vor allem für Kinder schlimm, wenn die sozialen Aktivitäten stark eingeschränkt werden. Gerade für sie ist Bewegung fundamental wichtig. Die WHO hält Sport in einer Pandemie für entscheidend, körperliche Widerstandskräfte zu stärken. In einigen Bundesländern ist er als Corona-Verbreiter aufgefallen, aber längst nicht in dem Ausmaß wie etwa große Feiern, die auch im Sommer hätten verboten bleiben müssen. Ob der Lockdown etwas bringt, werden wir sehen. Ich bin kein Virologe, aber glaube, wenn Sport unter strengen Regeln erlaubt ist, wird er kein großer Corona-Treiber sein. Deshalb sollten die für Sport zuständigen Innen- und Sozialminister Änderungen verlangen.

Mit Thomas Marschall sprach Thomas Schmoll

Quelle: ntv.de