Deutschlands Fußball-Nationalmannschaft geht zwar als Gruppensieger in die K.-o.-Runde. Aber das gute Gefühl kommt nach der Niederlage gegen Ecuador (1:2) völlig abhanden. Nach einer Blitzführung geht schnell gar nichts mehr für das Rätsel aufgebende DFB-Team. Und das Tor des bemühten Leroy Sané hat eine höchst diskutable Vorgeschichte. In der Vorbereitung ist der Fuß des schwachen Aleksandar Pavlović am Kopf des Gegenspielers. Unser WM-Experte Arie van Lent kann nicht verstehen, dass dieser Treffer anerkannt wird. Was er aber noch weniger versteht: den Plan von Bundestrainer Julian Nagelsmann.
Ohje, Herr van Lent, was war das denn?
Arie van Lent: Also, ich habe heute eine gute Mannschaft gesehen!
Moment, wir reden aber nicht über Deutschland?
Natürlich nicht! Aber die Art und Weise, wie Ecuador dieses Spiel gespielt hat, mit dieser Leidenschaft, trotz all der Probleme zuvor, das hat mir sehr gefallen. Die sind gefühlt um ihr Leben gerannt. Die haben sich diesen Sieg echt verdient! Und ich möchte sagen: Ich gönne ihnen das.
Lassen Sie uns über Deutschland reden. Was war da los? Haben Sie etwas Positives gesehen?
Nein!
Das ist deutlich!
Ich möchte aber eine Sache klarstellen. Ich habe einen deutschen Pass. Nicht dass die Leute denken, dass der gebürtige Niederländer immer nur am DFB-Team nörgeln will. Und wenn man so möchte: In den ersten Minuten dachte ich auch, dass die Deutschen Ecuador überrollen. Aber diesen Gedanken habe ich schnell verworfen.
Nein, niemals lasse ich Sie als Dauernörgler durchgehen! Aber lassen Sie uns mal genauer auf das Spiel schauen. Was waren die Hauptgründe für diese Niederlage?
Wir wiederholen uns da bei den Themen. Ich habe es beim letzten Mal schon gesagt: Greif sie an, dann tun sie dir nicht mehr weh. Das war heute wieder so. Du hast das vor allem in der Offensive gesehen, bei Florian Wirtz, bei Jamal Musiala, bei Kai Havertz. Wenn du sie beackerst, dann sind sie abgemeldet. Dann entscheiden sie dir trotz aller Qualitäten kein Spiel mehr. Du kannst sie natürlich nicht über 90 Minuten komplett aus dem Spiel nehmen, dafür sind sie gut, dafür haben sie immer mal wieder eine Aktion. Aber das reicht dann eben nicht. Und dann haben wir nach diesem Spiel eine interessante Erkenntnis.
Welche meinen Sie?
Leroy Sané war heute der beste Mann in der deutschen Offensive. Ausgerechnet der Mann, über den wir seit Wochen sprechen, über den man nicht weiß, in welche Schublade er gehört. Klar, ihm ist gegen Ecuador auch nicht alles gelungen. Er hat auch Bälle verstolpert, aber er macht das 1:0 und beinahe auch noch das 2:1. Wenn wir darüber reden, wer aus der Startelf eine Pause braucht, dann müssen wir vor Sané über die anderen reden, über nämlich Wirtz, Musiala und Havertz.
Lassen Sie mal kurz über das 1:0 der Deutschen in der 2. Minute durch Sané reden. Das Tor darf doch niemals zählen, oder?
Da habe ich mich wirklich gewundert, dass diese Szene nicht mal vom VAR angeschaut worden ist. Aber vielleicht haben die drei im Videoschiedsrichterraum auch gedacht, da müssen wir gar nicht eingreifen, so eindeutig wie das ist. Das dieser Treffer zählt, das ist frech. Das ist wirklich frech. Ich bin ja immer dafür, dass Deutschland die Spiele gewinnt, wenn es die stärkere Mannschaft ist und nichts geschenkt bekommt. Aber das war ein Geschenk. Das muss man ganz klar sagen.
Wie hat Ihnen die Schiedsrichterin Tori Penso insgesamt gefallen?
Beim 1:0 sah sie, wie gerade gesagt, nicht gut aus. Sonst war das aber eine gute Leistung. Sie hat viel durchgehen lassen. Ich mag ja diese Art, ein Spiel zu leiten. Dann wird der Fluss nicht ständig unterbrochen. Dass sie den Elfer für Deutschland direkt zu Beginn der zweiten Halbzeit zurückgenommen hat, fand ich auch okay. Das war zuvor ein klares Foul von Sané. Und der Elfer auch eher grenzwertig, auch wenn man ihn geben kann.
Vorbereitet wurde das Tor von Aleksandar Pavlović, der seinen Gegenspieler mit ausgestrecktem Bein am Kopf traf. Wie haben Sie Pavlovic, um den es ja auch viele Diskussionen zuletzt gab, heute gesehen?
Es war ein ganz schwaches Spiel von ihm. Ihm sind viele Bälle versprungen und dadurch ist überhaupt keine Ruhe ins deutsche Spiel gekommen. Dass er zur Halbzeit ausgewechselt wurde, war nicht nur wegen seiner Gelben Karte absolut berechtigt.
Nagelsmann hat in der zweiten Halbzeit durchaus überraschend gewechselt. Für Joshua Kimmich kam Malick Thiaw, für Felix Nmecha sein BVB-Kollege Maxi Beier. Und am Ende auch noch Pascal Groß. Konnten sie die Wechsel nachvollziehen?
Nein, ich hatte in der zweiten Halbzeit das Gefühl, dass da ein riesiges Wirrwarr auf dem Feld herrscht, dass da niemand mehr so genau wusste, wo es lang geht. Ständig habe ich einen Spieler auf einer ganz anderen Position gesehen. Ein bisschen provokant kann man schon sagen, dass Nagelsmann da für Chaos gesorgt hat. Dabei hätte ich nach der schwachen ersten Halbzeit gedacht, dass er seinen Plan korrigiert und wieder für mehr Sicherheit sorgen würde. Das war aber nicht der Fall. Ich habe es zumindest nicht gesehen. So wurde das deutsche Spiel immer schwächer. Und keiner der Einwechselspieler hatte eine ernsthafte Chance, sich für mehr zu empfehlen.
Eigentlich hatte Nagelsmann doch das machen auch wollen? Er hatte ja entgegen aller Diskussionen auf eine große Rotation verzichtet und nur die verletzten Spieler durch David Raum für Nathaniel Brown und Antonio Rüdiger für Nico Schlotterbeck ersetzt ...
Grundsätzlich war ich da bei Nagelsmann. Dass die Mannschaft im Flow bleiben soll, ist total nachvollziehbar. Aber dann hat er vor dem Spiel gesagt, dass sie etwas ausprobieren wollen. Und das hat in meinen Augen gar nicht funktioniert. Die Umstellung von Viererkette auf Dreierkette kam Rüdiger gar nicht entgegen. Und ich habe wirklich gefragt: Warum macht er das? Er will doch Spielpraxis und Sicherheit haben. Da muss er sich wirklich an die eigene Nase packen. Er hat einen Anzug, der gut passte. Warum unbedingt etwas Neues ausprobieren?
Wir müssen über Manuel Neuer reden. Bekommt Deutschland nun eine Torwartdiskussion?
Beim ersten Gegentor kann er nichts machen. Nilson Angulo trifft den Ball perfekt und dann geht er noch durch die Beine von Pavlovic. Aber das zweite Gegentor ist eindeutig mit sein Ding. Wie zuvor schon einmal, passte die Abstimmung mit Jonathan Tah, der übrigens auch nicht seinen besten Tag erwischt hatte, nicht. Aber jetzt eine Diskussion anzufangen, bringt ja nichts. Wir hatten diese Themen doch alle schon. Und heute war es nicht ein Einziger, der schwach war, es war insgesamt eine schlechte Teamleistung.
Trotzdem geht man als Gruppensieger in die K.-o.-Runde. Aber das gute Gefühl der ersten Turniertage ist weg. Wo steht das DFB-Team?
Ja, du musst diese Mannschaft anpacken, dann bekommt sie Probleme. Ich habe immer noch kein Gefühl für die Stärke des Teams. Mit Curacao brauchten wir uns nicht zu messen, gegen die Elfenbeinküste wird das Spiel erst spät gedreht und nun die Pleite gegen Ecuador. Die erste Halbzeit war schwach, die zweite noch schwächer. Da frage ich mich: Ist Deutschland trotz Gruppensieg ein Favorit? Ich denke eher nicht.
Mit Paraguay könnte nun eine Mannschaft im Sechzehntelfinale warten, die ebenfalls sehr körperlich und sehr leidenschaftlich spielt ...
Ja, das muss man einfach mögen. Das sind so Mannschaften, wie Ecuador auch, die hauen so viel Leidenschaft rein, dass sie fast schon weinen vor Begeisterung. Die tun alles dafür, erfolgreich zu sein. Da muss auch das deutsche Team hinkommen, mir fehlt diese Leidenschaft ein bisschen. Dieses sich wehren, wenn es auch mal nicht so läuft. So wie wir das bei Ecuador gesehen haben. Die knallen alles rein, machen auch mal grenzwertige Fouls, weil die Schiedsrichterin auf diese Linie eingelassen hat. Da kann das DFB-Team den Schalter noch nicht umlegen. Aber es ist ein Turnier. Das ist jedes Spiel ein anderes.


