Es lag nicht am "Vollwitz"

Julian Nagelsmann fliegt alles um die Ohren

us-passbildVon Sebastian Schneider, Foxborough
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30.06.2026 | 07:18 Uhr
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft scheidet schon in ihrem ersten K.-o.-Spiel bei dieser Weltmeisterschaft aus. Das Team von Julian Nagelsmann scheitert an sich selbst. Der Bundestrainer will seinen Job behalten.

Nicht einmal Julian Nagelsmann fällt darauf rein. Der Bundestrainer sitzt nach dem nächsten WM-Debakel im Pressesaal des Stadions von Boston. Dort, wo die New England Patriots einst einen Triumph nach dem anderen feierten, muss Nagelsmann die nächste Blamage, die nächste Peinlichkeit des deutschen Fußballs erklären. Ein Ausscheiden im Elfmeterschießen gegen Paraguay im Sechzehntelfinale bei der größten WM aller Zeiten.

Und Nagelsmann hätte es sich einfach machen können. Vor zwei Jahren, im EM-Viertelfinale gegen Spanien, gab es noch die Handspiel-Legende von Marc Cucurella. Einen Schuss von Jamal Musiala blockte der Verteidiger mit der Hand, in der 106. Minute. Was wäre gewesen, wenn die Pfeife damals nicht stumm geblieben wäre? Wäre die DFB-Elf vielleicht Heim-Europameister geworden?

Eiskalter Außenseiter Paraguay schockt die DFB-Elf

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Auch diesmal gibt es so einen Moment. In der 102. Minute liegt der Ball im Tor von Paraguay. Nach einer Ecke köpft ihn Jonathan Tah dorthin. Das Stadion bebt, die Mannschaften stehen schon wieder zum Anstoß bereit. Da schaltet sich der VAR ein. Waldemar Anton hatte Torwart Orlando Gill regelwidrig bearbeitet, befand er. Der Treffer zählt nicht. Der verletzte Nico Schlotterbeck hopst mit seinem Spezialschuh zurück zur Bank. Nagelsmann sieht noch Gelb wegen Meckerns, muss von Oliver Baumann noch zurückgezerrt werden.

"Super langsam"

Man hätte auch diesmal eine Betrugslegende spinnen können. Und auch wenn Nagelsmann im TV-Interview nach Abpfiff kaum zu halten war, bei der Pressekonferenz landet das Tor nur in einem Nebensatz. "Zur Wahrheit gehört auch: Das zweite Standardtor war ein reguläres Tor, das war ein Vollwitz, dass das abgepfiffen wird." Bei der restlichen Analyse versteckt Nagelsmann sich nicht hinter irgendwelchen Entscheidungen.

Er wolle gar nicht von Anspruch sprechen, sagt der Bundestrainer. Weil den gibt es im deutschen Fußball nicht mehr. "Wir haben seit zwölf Jahren genau gar nichts gerissen", sagt Nagelsmann. Er kritisiert den Spielvortrag ("super langsam"), er hadert mit vergebenen Chancen, der Historie des DFB-Teams, die bleiern auf ihren Schultern liegt ("sind gebrandmarkt"). Aber sein Fazit ist ein anderes. "Um es zusammenzufassen: Wenn du ausscheidest, in der ersten K.-o.-Runde bei so einem großen Turnier, mit so vielen Mannschaften, dann ist es deutlich zu wenig für den deutschen Fußball."

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Anders als vor zwei Jahren fühlt sich dieses Turnier-Aus nicht wie ein Aufbruch an. Der Bundestrainer sprach in Stuttgart bei der Heim-Europameisterschaft vorfreudig über das, was kommt. Er könne es nicht erwarten, Weltmeister zu werden, sagte er damals. Diesmal klingt das alles ganz anders. Auch Nagelsmann hat sich in der Zeit verändert. Der Bundestrainer sitzt im Presseraum von Foxborough und erklärt, weshalb er nicht zurücktritt. Ein Dank an die Fans, keine große Rede.

Welche Argumente hat Nagelsmann noch?

Mit welchen Argumenten er seine Chefs überzeugen will, an ihm festzuhalten, behält Nagelsmann für sich. Der deutsche Fußball brauche einen "big change", sagt er auf eine englischsprachige Nachfrage. Es sei aber nicht seine alleinige Entscheidung, sondern auch die seiner Chefs. Wenn der DFB ihn weiter will, dann stehe er bereit. Aber es brauche Zeit, sagt Nagelsmann.

Die Entscheidung: Die letzten zwei Elfmeter gegen Paraguay

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Die Frage ist, ob er sie bekommt. Vermutlich schon. Ob das auch die richtige Entscheidung ist? Dieses Ausscheiden ist die Folge seiner Entscheidungen. Es steht nach "Löw 2018", "Flick 2022" mit "Nagelsmann 2026" in den Fußballgeschichtsbüchern, so funktioniert das Geschäft. Das hatte Nagelsmann schon am Vortag erklärt. "Wenn du gewinnst, ist alles perfekt", sagte er, "wenn du verlierst, dann ist alles shit."

Es gab diesen einen Moment, der "Shit" zu "perfekt" hätte umwandeln können. Es war der fünfte Elfmeter der Paraguayer, mittlerweile 19.26 Uhr Ortszeit in Foxborough. Fast drei Stunden nach dem Anpfiff hielt Manuel Neuer den fünften Elfmeter des krassen Außenseiters. Bis dahin spielte der ehemalige Welttorhüter kein Turnier, das die Rückholaktion gerechtfertigt hat.

Wieder bebte das Stadion, wieder erlebte es kurz darauf einen großen Moment der Ernüchterung. Nagelsmann erlebte all das nur noch versteinert an seiner Trainerbank. Es ist sinnbildlich für dieses Turnier, für diesen Bundestrainer, für dieses Team, dass wenn sich mal ein Risiko auszahlen könnte, dass sie den den dritten Elfmeter in einem Elfmeterschießen nicht im Tor versenkten - und damit selbst für das Ausscheiden verantwortlich sind.

Wie schon 2018

Man könne immer über alles diskutieren, sagte Nagelsmann schon am Vortag. Auch diesmal. Fast schon panisch hatte er seine Aufstellung korrigiert. Plötzlich tauchte Deniz Undav in der Startelf auf, Jamal Musiala bekam die Jokerrolle. Wie schon häufiger in den vergangenen Monaten: Nagelsmann sagt das eine, um sich dann selbst zu korrigieren. Nagelsmann sah Undav immer als Joker, wenn die gegnerischen Beine müde werden. Es war offensichtlich, dass Paraguay dem DFB-Team nicht viele Räume geben würde. Aber plötzlich war Undav für dieses Spiel der Richtige für die Startelf?

Deutschlands Nicht-Tor, das noch lange für Ärger sorgt

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Ähnlich sieht es bei Joshua Kimmich aus. Es ist ein Widerspruch: Nagelsmann rechnete nach Spielende vor, dass sein Team zu wenig Flanken schlug und sich im Klein-klein verlor. Doch der DFB-Kapitän, der das hätte lösen können, war auf der Rechtsverteidiger-Position gefesselt. Erst in der 79. Minute beorderte Nagelsmann Kimmich ins Mittelfeldzentrum. Doch da war es zu spät, das DFB-Team war da schon lange der Panik verfallen.

Am Vortag sprach Nagelsmann über Geduld und dass die seiner Mannschaft manchmal fehlte. In der ersten Hälfte wirkte es, als wollte seine DFB-Elf das überkompensieren. Deshalb sahen die Pass-Stafetten in der ersten Hälfte alle ähnlich aus. Neuer, Brown, Rüdiger, Tah, Kimmich, Sané, Kimmich, Tah, Rüdiger, Tah, Sané, Pavlovic, Ballverlust am gegnerischen Strafraum.

Insgesamt 125 Mal drang die DFB-Elf in das letzte Drittel ein, die gefährliche Zone vor dem Tor von Paraguay. Doch richtig gefährlich wird es nicht. Es ist eine besondere Pointe, dass das dritte WM-Debakel so endet, wie das erste in Russland damals begann. In einem behäbigen, schwer zu ertragendem Ballgeschiebe.

Verwendete Quelle: ntv.de