Der Nagelsmann-Widerspruch

"Messer am Hals"? DFB packt den Völler-Trick aus

us-passbildVon Sebastian Schneider, Boston
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Rudi Völler weiß, wie man Weltmeister wird. (Foto: picture alliance / DeFodi Images)
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27.06.2026 | 18:37 Uhr
Die Gruppenphase ist vorbei, jetzt geht die Fußball-Weltmeisterschaft für das DFB-Team erst so richtig los. Die Elf von Bundestrainer Julian Nagelsmann geht nach der Ecuador-Niederlage mit einigen Fragezeichen in die K.-o.-Runde. Zum Glück ist da noch Rudi Völler.

Nervosität schwappt durch Fußballdeutschland. Nach der 1:2-Niederlage gegen Ecuador stellen sich gleich einige Fragen: Ist Manuel Neuer noch der richtige Torwart? Spielt Joshua Kimmich wirklich auf der passenden Position? Wo sind eigentlich Florian Wirtz und Jamal Musiala? Hat die DFB-Elf in den K.-o.-Spielen nun gar das "Messer am Hals", so wie DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig es formulierte?

Für solche kribbeligen Situationen hat sich beim DFB-Team ein kleiner Zaubertrick eingeschlichen: Denn dann kommt Sportdirektor Rudi Völler, um die erhitzten Gemüter wieder abzukühlen. Bei dieser Weltmeisterschaft ist man damit schon beim dritten Vertiefungsseminar mit Professor Völler angekommen. Er ist ein Blitzableiter, für den Fall, dass die Debatten überhandnehmen.

Das erste Mal saß er noch in Herzogenaurach auf dem Podium, um gemeinsam mit Bundestrainer Julian Nagelsmann den WM-Kader und die Kommunikation um Neuer zu erklären. Danach war der 66-Jährige der Erste, der den Presse-Vorlesungssaal im DFB-Quartier in Winston-Salem einweihte. Damals legte er die DFB-Sicht auf die politischen Geschehnisse rund um die Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada dar. Und beruhigte die nervöse deutsche Fußballöffentlichkeit vor dem Turnierstart.

"Dachte jeder: Das geht ja gar nicht"

Dafür ist es nun wieder Zeit. Deshalb analysiert er vor der Zwischenrunde die aktuelle Lage rund um die deutsche Nationalelf. Die 1:2-Niederlage gegen Ecuador im letzten Gruppenspiel hatte doch so manch alte Debatte aufgebrochen. Das Mittelfeld um Felix Nmecha und Aleksandar Pavlović wirkte mit der Physis der Südamerikaner arg überfordert. Das "Wusiala"-Duo hatte noch nicht seinen großen Moment. All das gipfelte dann darin, dass Nagelsmann und seine Spieler sich nach Abpfiff öffentlich etwas widersprachen.

Und was sagt nun Völler? "Vor zwei, drei Wochen hätten wir gut damit leben können, dass wir nach zwei Spieltagen schon Gruppenerster sind", eröffnet er seine Ausführungen. "Im Vorfeld dachte jeder: Das geht ja gar nicht." Gegen Ecuador sei der Plan gewesen, den Flow aus den ersten beiden Spielen beizubehalten. Zudem sollten dann in der zweiten Halbzeit einige Protagonisten geschont werden.

Völlers Unaufgeregtheit setzt sich in Detailfragen fort: Kimmich hat bei den elf Siegen in Folge zuvor schon als Rechtsverteidiger gespielt. Deshalb stelle sich für Völler die Frage wegen einer Verschiebung gar nicht. Und "Wusiala" seien nah an ihrer alten Form dran, versichert er. Wie bei anderen Nationen beginne nun die Phase, in der die Weltklassespieler liefern müssen. Das wüssten auch Musiala und Wirtz, sagt Völler. "Da ist mein Glaube und die Hoffnung da, und auch berechtigt, dass die richtig zündeln."

Er merke bei "Florian und bei Jamal auch, dass sie gar nicht mehr so weit weg sind von der Topform", sagt Völler. "Jamal hat ja schon ein Tor geschossen, Florian noch nicht. Einerseits kann man sagen, Florian hätte vielleicht schon mal ein Tor schießen können. Aber es ist vielleicht auch gut, dann hat er noch viel im Köcher und kann jetzt am Montag damit anfangen oder auch in den nächsten Spielen." Deswegen denke er, dass der komplette Fokus auf dem Paraguay-Spiel liege und "dass sie da frisch sind und brennen".

"Spieler in Schutz nehmen"

Was die Kommunikation angehe, sagt er: "Ich sitze nicht hier, um Julian (Nagelsmann) in Schutz zu nehmen". Der Bundestrainer verneinte nach Abpfiff relativ dünnhäutig die Frage, ob Ecuador es einfach "mehr wollte". Während die Spieler genau analysierten. "Er hat das gemacht, was ich auch gemacht hätte", sagt Völler nun. "Das Wichtigste ist erst mal, dass du deine Spieler in Schutz nimmst." Nagelsmann habe den Eindruck vermeiden wollen, dass sich jemand absichtlich nicht bemüht habe.

Mit Paraguay wartet am Montag (22.30 Uhr/ZDF, Magenta und im ntv.de-Liveticker) ein Gegner, der in dieselbe Kategorie wie die Elfenbeinküste und Ecuador fällt. Zwar legten die Südamerikaner mit dem 1:4 gegen die USA einen klassischen Fehlstart hin, rehabilitierten sich aber mit dem 1:0-Sieg gegen eine Türkei. Individuell etwas schwacher, dafür aber voller Kampfgeist.

Trainer Gustavo "Alfaro hat die Mannschaft motiviert, wie dies lange nicht der Fall war, und das Ergebnis ist offensichtlich", lobte Torwart-Ikone Chilavert vor Turnierbeginn im Gespräch mit dem "Kicker". Er schwärmte davon, wie sich das Mindset im Team verändert habe. "Die Einstellung wie einst, die frühere Aggressivität, die uns damals ausgezeichnet hat, ist zurück. Ich bin darüber sehr froh, denn Paraguay hatte lange Zeit diese uns ureigene Identität verloren."

"Das ist total normal"

Also, muss sich Fußballdeutschland jetzt Sorgen machen, Rudi? "Ich glaube nicht", entgegnet Völler. Das Sechzehntelfinale am Montag werde ein ganz anderes sein als noch das Spiel in New Jersey. "Man muss das Spiel gegen Ecuador einfach akzeptieren", sagt Völler. Für Ecuador sei es das wichtigste Spiel der "letzten 20, 30 Jahre" gewesen. Es sei menschlich, dass beim DFB-Team ein, zwei Prozentpunkte fehlten, wenn man selbst schon eine Runde weiter ist. "Das ist total normal, das versteht jeder."

Völler erwähnt mehrfach, dass er gerade von dem Training der Spieler kam, die gegen Ecuador nicht gespielt haben. Das sei außergewöhnlich gut gewesen, sagt er. Das sei dann auch der Ausdruck des Teamspirits. Also nicht nur darüber zu reden, sondern "auch, dass diejenigen, die hinten dran sind, so trainieren und mitziehen, damit auch die erste Elf ihre Leistung bringt". Das heißt: "Ich bin völlig beruhigt und relaxt, die Mannschaft wird alles reinhauen", sagt Völler.

Hummels nennt die größten Baustellen der DFB-Elf

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Es geht immer ein bisschen unter, dass Völler aber auch leise Warnungen an die Nagelsmannschaft sendet. "Wir haben eine Mannschaft, die an richtig guten Tagen, wenn sie richtig ans Limit geht, gegen jede Mannschaft gewinnen kann", sagt er. Umgekehrt bedeutet das aber, dass es schnell vorbei sein kann, wenn die DFB-Elf nicht ans Limit geht.

Bei den Topfavoriten sei das anders, die könnten Spiele auch ohne Vollgas gewinnen. Da ist laut Völler Frankreich ein Beispiel für - gegen die ginge es ja im möglichen Achtelfinale. Das ist aber Zukunftsmusik. "Wir haben jetzt Paraguay, darauf liegt der Fokus", sagt Völler. Und gibt damit wieder die Marschroute vor.

Verwendete Quelle: ntv.de