Es ist "alles Shit"

Nagelsmann verlor seine wichtigste Fähigkeit

us-passbildEin Kommentar von Sebastian Schneider, Winston-Salem
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Julian Nagelsmann ist nicht mehr Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. (Foto: REUTERS)
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03.07.2026 | 11:49 Uhr
Nach drei Jahren endet die Ära von Julian Nagelsmann. Der Bundestrainer hat vor allem bei der Fußball-Weltmeisterschaft einige Fehler gemacht. Er hat sein Team überschätzt und ihm zu viel zugemutet.

Den Ton hatte Julian Nagelsmann selbst gesetzt. Am Abend vor dem WM-Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft saß der Bundestrainer im Presseraum der New England Patriots und sagte zwei Sätze, die alles zusammenfassen, was in den nächsten Tagen passieren sollte: "Wenn Du gewinnst, ist alles perfekt. Wenn Du verlierst, dann ist alles Shit."

So funktioniert eben dieses Geschäft. Mittlerweile ist klar: Der Bundestrainer hat verloren. Erst das WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay im Elfmeterschießen und nun auch seinen Job. Nach drei Jahren im Amt tritt Julian Nagelsmann zurück. Diesen Schritt hatte ihm der DFB beim Krisengipfel am Donnerstag nahegelegt. Es ist also "alles Shit".

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Vor allem aber: In den Reisekilometern zwischen Stuttgart, Bratislava und Boston hat sich der Bundestrainer selbst verloren. Den langen Weg von Heim-Europameisterschaft, WM-Quali und schließlich eigentlicher WM veränderte Nagelsmann. Der Bundestrainer im Sommer 2026 hatte manchmal gar nicht mal mehr so viel mit dem von 2024 zu tun. Nagelsmann trat während der WM dünnhäutig auf, fast schon besserwisserisch. Er verlor seine Lockerheit, ausführlich wurde er vor allem bei taktischen Details. Er sprach nur noch selten über das große Ganze.

Die Undav-Pointe

Und damit verlor seine wichtigste Fähigkeit: die Kommunikation. Mit seinem Team, mit den Medien, mit denen, die es mit dem DFB-Team halten. Er konnte das Hin und Her um Leroy Sané nicht sauber erklären. Damit hat er auch dem Spieler geschadet, der bei einem DFB-Heimspiel ausgepfiffen wurde. Nagelsmann verpasste es, klarzustellen, dass Sané eben Teil dieser Mannschaft ist - unabhängig vom Leistungsprinzip.

Der Bundestrainer sagte Leon Goretzka schon im Februar eine WM-Rolle zu, die er offensichtlich nicht bekam. Er ließ zu, dass Oliver Baumann am letzten Bundesliga-Spieltag verkündete, er sei die Nummer eins. Obwohl es ein offenes Geheimnis war, dass Manuel Neuer zurückkehren würde.

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Und vielleicht das Unglücklichste: Er vermittelte den Eindruck, dass er sich über den Erfolg von Deniz Undav lange Zeit ärgerte. Deshalb ist es bei seinem letzten Spiel als Bundestrainer eine besondere Pointe: Überraschend ließ er Undav für Jamal Musiala starten. Nachdem Nagelsmann allen ja wirklich glaubhaft erklärt hatte, dass der Angreifer eben als Superjoker am besten funktioniere.

Nagelsmann wollte das Besondere machen, so wirkte es. Keiner fordert öffentlich mehr Undav? Dann soll er starten! Der Bundestrainer verlor das Gespür für seine eigene Mannschaft. Ein Beispiel: Das zweite Gruppenspiel gewann die DFB-Elf nur knapp mit 2:1 gegen die Elfenbeinküste - und mühte sich doch arg. Vor diesem Hintergrund ist es verwunderlich: Warum gab der Bundestrainer das dritte Gruppenspiel gegen Ecuador mit seinen Wechseln auf? Es bleibt ein Rätsel. Die Debatten danach hätte er sich und seinem Team möglicherweise ersparen können.

Immer wieder Experimente

Das war alles nicht immer so. Während der Heim-EM gab er der DFB-Elf etwas, was ihr lange gefehlt hatte: Emotionen. Er tigerte durch seine Coaching-Zone, war manchmal geladen wie unter Starkstrom. Anders als bei der WM feuerte er sein Team an, statt auf die Unparteiischen neben seiner Bank einzubrüllen. Stichwort Kommunikation: Er sprach wie ein Bundestrainer. Im Stadionkeller von Stuttgart, nach dem Spanien-Aus, hielt er eine bundespräsidiale Rede. Dass er den WM-Titel gleich ausrief, nun ja, das kann ja passieren.

Und auch taktisch hatte er verstanden, dass man von diesem von (damals noch nur) zwei WM-Debakeln durchgeschüttelten DFB-Team keine Wunderdinge erwarten kann. Vor der Heim-EM holte er Toni Kroos zurück, vereinfachte das System radikal. Keine komplizierten Experimente, keine Jokerpositionen, sondern klare Rollen. Jeder wusste, was zu tun ist und was erwartet wird.

Das war das Grundgerüst, auf das Bundestrainer Nagelsmann seine Ära hätte aufbauen können. Klar, Kroos ist nach dem Turnier abgesprungen. Aber ein Joshua Kimmich hätte diese Rolle in anderer Form auch übernehmen können. Hätte. Im Nationalelf-Alltag zwischen Nations League, Verletzungen und Testspielen ließ Nagelsmann sein eigenes Fundament bröckeln.

Und so kam es, dass er wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft wieder alles umwarf. Einige Spieler (Goretzka, David Raum, Nick Woltemade), die erst mithalfen, das WM-Ticket zu lösen, rückten plötzlich in die zweite Reihe. Im wichtigen Mittelfeldzentrum wagte Nagelsmann ein spannendes Experiment: Er setzte dort Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha ein, die vor der unmittelbaren WM-Vorbereitung keine ganze Halbzeit gemeinsam gespielt hatten. Und auch Nathaniel Brown (trotz seiner guten WM) tauchte eher kurzfristig auf.

Fehlende Antworten

Nach einem blamablen WM-Aus neigt man dazu, "alles Shit" zu finden. Das ist es in der Summe bei diesem Ergebnis auch. Es gibt Ausreden für viele Dinge: Das Verletzungspech verfolgte diese Mannschaft. Kai Havertz, Jamal Musiala, Nico Schlotterbeck: Sie alle fehlten immer wieder. Dass Florian Wirtz und Musiala, die beiden Starspieler dieses Teams, mit vielen eigenen Problemen im Gepäck über den Atlantik reisten, dafür kann der Bundestrainer nichts.

Dennoch fand Nagelsmann keine Antwort auf viele Fragen. Als Lennart Karl, der ihm kurz vor dem Turnier erst zugeflogen war, sich auf den letzten Metern verletzte, verzichtete der Bundestrainer darauf, jemanden nachzunominieren, der diese Rolle erfüllen könnte. Der nachgeholte Assan Ouedraogo ist zwar ein aufsehenerregender Fußballer, aber kam keine Sekunde zum Einsatz. Nagelsmann verzichtete zudem auf einen Rechtsverteidiger als Kimmich-Ersatz. Damit war der Kapitän dort gefesselt, wo das Spiel weit weg von ihm war.

Nagelsmann zehrte lange von der Heim-EM. Von dem Aufbruch, den er angestoßen hatte. Der Bundestrainer hatte damals geschafft, was unter den späten Löw-Flick-Jahren nicht mehr möglich schien. Er formte im Sommer 2024 eine Mannschaft. Nur: Mit seiner sprunghaften Kommunikation, mit dem Fehlen eines wirklichen Plans hat er das verschwinden lassen. Das einzige Gute ist, dass sich ein Spieler wie Brown schon einmal zeigen konnte.

Niemand bestreitet, dass Nagelsmann ein fachlich hervorragender Trainer ist. Jemand, der im Klubfußball noch viele Titel gewinnen kann. Der Spieler besser machen, Mannschaften zum Erfolg führen kann. Aber in den Wochen und Monaten vor der Weltmeisterschaft trat er nicht mehr als Bundestrainer auf. Er verlor sich in Details, in irgendwelchen Experimenten, in verkopften Ideen. Und vielleicht wurde er wieder zu dem, was er wohl wirklich ist: ein Vereinstrainer.

Verwendete Quelle: ntv.de