Fußball-WM

Das Tagebuch zur WM in Katar Von Milliardeninsel mit dem Bier-Bike zum Ort der Toten

Der High-End-Beduinenmarkt auf The Pearl

Dieses Zelt steht nicht in der Wüste, sondern auf The Pearl.

(Foto: Stephan Uersfeld)

Im Norden Dohas hat sich Katar eine gigantische Insel in das Meer gefräst: The Pearl. Noch mehr Glitzer, Superyachten liegen vor Anker, die Reichen und Schönen verschleudern ihr Geld in den Luxusboutiquen. Statt Bier-Bikes gibt es hier Kaffee-Bikes. Mit denen geht's zum Ort der Toten.

Doha ist eine Glitzerwelt. The Pearl setzt aber noch einen drauf. Quatsch, zehn mindestens. Fährt man in die Richtung dieser 400 Hektar großen künstlichen Insel im nördlichen Doha, blitzen die hohen Hotelbauten und Luxusboutiquen am Horizont schon von Weitem auf. Aussteigen aus dem Uber. Charmante Cafés im Pariser Stil und türkisch angehauchte Restaurants. Die Preise noch mal üppiger als im ohnehin schon teuren Rest der katarischen Hauptstadt. Die Menschen in Fußballtrikots noch mal schicker. Die Handtaschen noch mal Louis-Vuitton-mäßiger.

Unzählige Flaggen der WM-Nationen, Lampions und Palmen zieren die verkehrsberuhigten Einkaufspassagen. Über Lautsprecher läuft westliche Musik. Eve und Gwen Stefani: Let me blow your mind. Im Remix. Wie treffend, denn jetzt wird es interessant. Katar hat tatsächlich die schlimmste Erfindung Berlins (stammt diese Kreation überhaupt aus Berlin? Es würde zumindest sehr gut passen!) importiert. Das Bier-Mobil. Herrlich und herzbrechend zugleich. Mind blown.

Natürlich ist dieses Gefährt des Schreckens - das Gerät, das so ziemlich alles vereint, was in Berlin in den vergangenen Jahren schiefläuft - hier umfunktioniert. Bier gibt es schließlich nur auf ausgewählten Fan-Festen. Und so steht hier ein Kaffeemobil bereit.

Was Berlin der Milliardeninsel voraus hat

"Al Arrab" prangt vorne auf dem Fahrzeug, eine Kaffeebohne ziert das Logo. Die sechs in die Mitte gerichteten Sitze auf jeder Seite mit Pedalen, die kleine Bar mit Abstellkuhlen für Bier- oder eben Kaffeebecher sehen genauso aus wie in Berlin. Im zugehörigen Café werden Shishas angeboten. Gut möglich, dass man auch diese auf das Gefährt hieven kann. Noch verursachen aber keine johlenden Touristengruppen Megastaus, das hat die deutsche Hauptstadt der Pearl voraus.

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Wer einmal in Berlin war, kennt diese Ungetüme.

(Foto: Stephan Uersfeld)

Abseits der The Pearl durchschneidenden Zugangsstraße geht alles beschaulicher zu. In einer Hafenanlage ankern dekadente Yachten, Touristen und Touristinnen suchen die besten Spots für die besten Selfies in der Abendsonne. Wie alles in Doha glitzert es auch für das digitale Erbe der Menschheit. Hinter einem auf der Uferpromenade drapierten Ferrari warten die Mitarbeiter einer Floating-Ferrari-Lounge auf Gäste.

Doch die sitzen mit ihren Mexiko-, Brasilien-, England- und Argentinien-Trikots in den Cafés und schauen das Spiel Ghana gegen Südkorea. Mal sind die Übertragungen auf Englisch und mal auf Arabisch, immer aber auf den neuesten Big Screens. Das ist im alten Teil Dohas, unten am National Museum, wo die Arbeiter nachts um halb drei noch ihren Kaffee trinken und ihre Zigaretten rauchen, nicht der Fall.

Auf The Pearl ist nichts organisch gewachsen. Was aber kaum einen Unterschied macht. Denn wo keine Geschichte ist, wird sie eben hin verfrachtet. Zahlreiche schwarze Beduinenzelte sind entlang der Promenade aufgereiht. Menschen in Fußballtrikots lassen sich mit einem Falken fotografieren, Tee wird gereicht, edle Meterware feilgeboten.

Zwischen Superjacht und dem Ort der Toten

Ein Stück weit entfernt davon ankert die 64 Meter lange Superjacht "Attila" des Multimillionärs Mauricio Filiberti. Der Argentinier, ebenfalls Besitzer von zwei Privatjets, legte 2019 rund 70 Millionen US-Dollar für die Yacht mit nur drei eigenen Pools, fünf riesigen TV-Screens und anderen Annehmlichkeiten hin. Zur Schiffstaufe bot die Yacht Platz für 400 Personen, berichtet "Boat International". "Die Designteams mussten kreativ über die Nutzung des Raums an Bord nachdenken", weiß das Portal weiterhin über die "Attila" zu berichten.

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Auf der anderen Seite von The Pearl, dort, wo vielleicht schon immer Land war, befindet sich die Lagoona Mall. Auf der Plaza haben sich die Essensfahrer versammelt. Die letzten Minuten von Südkorea gegen Ghana laufen. Südkorea schnürt die Afrikaner ein. Die Essensfahrer schimpfen über den Schiedsrichter. Zehn Minuten Nachspielzeit. Irgendwie rettet das Team von Otto Addo das 3:2 ins Ziel. Alle tanzen, jubeln und lachen. "Ghana", schallt es über die Plaza. Alle rennen los. Irgendwer hat Essen bestellt.

Der Pearl-Rundgang ist beendet. Groß ist der Wunsch nach Realität. Der Rest Dohas fühlt sich nun wie eine heile Welt an. Wer weiß, vielleicht klettert in diesem Moment eine Touristengruppe auf das Gefährt des Schreckens und strampelt mit dem umfunktionierten Bier-Bike zum Ort der Toten, zum Lusail-Stadion ganz in der Nähe. Eine der WM-Arenen, bei deren Bau Hunderte, wenn nicht Tausende Arbeiter gestorben sind.

Quelle: ntv.de

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