Fußball-WM

Das Tagebuch zur WM in Katar Hysterie um Ronaldo vertuscht Katars Sünden

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Hach, Cristiano Ronaldo, Superstar!

(Foto: IMAGO/NurPhoto)

Das Raumschiff Cristiano Ronaldo landet in Doha und löst auch unter Reportern eine Hysteriewelle aus. Brasiliens Stürmer Richarlison erzielt ein Wundertor. Die Traumfabrik FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar liefert ab. Sie produziert Bilder für die Ewigkeit. Gewinnt am Ende immer das Böse?

Im Norden Dohas fasert die Hauptstadt Katars langsam aus. In Richtung Westen, dort, wo bald nur noch Sand ist, reiht sich Mall an Mall und bald schon nichts mehr. Im Osten blinkt und glitzert die Skyline, grelle Lichter leuchten den Doha Expy aus. Er ist eine dieser gigantischen mehrspurigen, die Stadt durschneidenden Straßen. Sie unterteilen Doha in kleine Blöcke, vernichten besonders in der Dunkelheit jedes Gefühl für Raum und Zeit. Allein die Skyline verortet alles. Wie eine psychedelische, dreidimensionale Spiegelung ist sie von allen Punkten zu sehen, doch nie zu erreichen.

Bald wachen neben dem Doha Expy hypermoderne Türme über den ISF Complex. Der streckt sich mit seinen sandsteinfarbenen Mauern über Kilometer entlang des Highways, unterbrochen nur von Gates. Der Komplex hat eine Gesamtfläche von 306.000 Quadratmetern. Überall sind Überwachungskameras zu sehen. Die ISF, die Internal Security Force, wird auch Lekhwiya genannt. Sie bewegt sich im Land mit schweren roten Cruisern. Ihr kommt es zu, die Stabilität und Sicherheit Katars zu gewährleisten. Sie soll sicherstellen, dass das Emirat sorglos in die Zukunft schauen kann.

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War was? Dieser Kult-Fan aus Brasilien glaubt nur an Fußball.

(Foto: IMAGO/PA Images)

Diese zeigt sich wenige Kilometer weiter in Richtung Osten in Lusail. Dort steht nicht nur das Final-Stadion der Fußball-Weltmeisterschaft, dort wurde der Wüste eine komplett neue Stadt abgerungen. Eine Lagunenstadt ist entstanden, die Wasserflächen wurden aus der Wüste herausgebaggert und schließen sich direkt an die Küste an. Wie überall in Katar glitzert es, ist es gigantisch, ist es wie in einem Land nach unserer Zeit. Ganz am Ende, ganz in Richtung Osten, beginnt wieder die Wüste und dort thront das goldene Stadion.

Traumtore hier, Hysterie da

Das Lusail Iconic Stadium ist am 18. Dezember Schauplatz der größten Show der Welt. Das WM-Finale wird die Welt faszinieren, so sehr sich Deutschland auch dagegen wehrt. Schon jetzt spielen hier die ganz großen Mannschaften. Nach Argentinien ist jetzt Brasilien zu Gast. Auf dem Lusail Boulevard nebenan ist die Hölle los. Die Selecao ist gekommen, um zu bleiben. Die Fans, um zu feiern. Die Würfel-Bauten entlang des Boulevards leuchten in Gold, am Ende überragen die vier geschlungenen Lusail Towers mit ihren 50 und 70 Stockwerken. Sie leuchten in Rosé.

Im Lusail Iconic Stadium fällt ein Traumtor, eines, das in die Geschichte der WM eingehen wird und für immer mit diesem Ort verbunden sein wird, wie auch der Treffer von Cristiano Ronaldo bei seinem historischen Augenblick ein paar Stunden zuvor im 974-Stadion ganz am anderen Ende Dohas.

Die Ronaldo-Mania bei seinem ersten WM-Spiel ist unfassbar. Was er mit den Fans anstellt, wie kleine Kinderaugen ihn anschmachten, wie ein Stadion seinen Siiiuuuuu-Schlachtruf brüllt, können Sie im Erlebnisbericht von gestern Abend nachlesen. Aber da ist die große CR7-Show noch lange nicht vorbei. In den Katakomben herrscht Ausnahmestimmung wie bei einem Popstar.

Aber genau das ist der portugiesische Stürmer ja irgendwie auch. Ein Beatle. Michael Jackson. Drake. Taylor Swift. Madonna. Harry Styles. Lady Gaga. Cardi B. Beyoncé und RiRi in einem. Und die gesamten BTS-Boys und Jonas Brothers zusammen. Ronaldo, der bei der Nationalhymne selbst ein paar Tränen verdrücken muss, bringt Offizielle, Security und Journalistinnen und Journalisten dazu, zu kleinen Kinder zu mutieren. Es herrscht absolute Ausnahmestimmung.

Ein Selfie mit Ronaldo

Mixed Zone. Eine Stunde nach Abpfiff. Alle warten in den Katakomben auf Ronaldo. Immer noch. Die komplette Mannschaft Ghanas ist schon relativ unbedrängt durchs Presse-Spalier geschritten, hier und da ein Interview. Joao Felix und Bernado Silva sorgen für eine kleine Traube von Journalistinnen und Journalisten. Aber ein Auge hat jeder auf den Tunnel gerichtet, um auch ja nicht den Moment zu verpassen, in dem ER aus der Tür schreitet. Ein Knistern liegt in der Luft. Völlig verrückt.

Auch die FIFA-Offiziellen und mehrere Übersetzerinnen sind aufgeregt. Hektisch diskutieren sie immer wieder, wo sie sich am besten positionieren werden, wenn Ronaldo endlich kommt. Wo und wie sie am besten ein Selfie mit ihm machen könnten. Wird er überhaupt kommen? Sie sagen immer wieder, sie wüssten es leider selbst nicht. Hat der Mega-Popstar den Hinterausgang gewählt? Irgendwann heißt es: Er kommt nicht mehr. War ja schließlich schon bei der Pressekonferenz. Ernüchterung. Aber die Reporter geben nicht auf, solange hier nicht alles abgebaut ist.

Katar bekommt, was es will

Und dann passiert es tatsächlich. Ronaldo kommt. Nein, er schwebt. Er gleitet durch die Mixed Zone, wie es eine Gottheit eben tut. Journalisten werden zu kleinen Kindern - und zu Randalierern. Hektisches Gedränge und Geschubse. Alle wollen ein Selfie abgreifen. Sich ein Autogramm abholen. IHN berühren. Hinter ihm herrennen. Einer ruft: "Du bist der Allergrößte." Andere beäugen das Spektakel eher verwirrt und ungläubig, wollen ihre Fragen stellen. Aber keine Chance, eine Minute und dann ist die große CR7-Show in den Katakomben vorbei.

Die Reporter dampfen ab, aber der Geist des Megastars bleibt noch ein wenig unterhalb des Stadions hängen. Außerhalb sowieso. Die Ronaldo-Party ist auch Stunden nach dem portugiesischen Sieg über Ghana noch in vollem Gange. Siiiiiuuu von allen Seiten und in jedem U-Bahnhof. Selbst ghanaische Fans machen mit.

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Alle machen mit und geben Katar genau das, was sich das Emirat erhofft hat. Ob es der Jubel über Richarlisons ikonischen Treffer im Lusail oder den Auftritt des Superstars im 974 ist. Es sind eben jene positiv besetzten Augenblicke in einer Kulisse aus einer fernen Zukunft, die den Kern des Sportswashings ausmachen.

Augenblicke, die alle vorherigen Diskussionen über das Emirat am Golf in den Hintergrund rücken. Die größte Show der Erde mit den größten Stars der Welt wird am Ende die Oberhand behalten. Die in Katar kreierten Momente werden im kollektiven Gedächtnis bleiben, der Zirkus weiterziehen und vergessen.

Quelle: ntv.de

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