Julian Nagelsmann hat ein gutes Gespür für die Stimmung im Land. Der Bundestrainer ging unmittelbar nach dem WM-Desaster im Sechzehntelfinale gegen Paraguay davon aus, dass er in der Heimat nicht mehr viel Rückhalt habe. Dass sich nicht sehr viele Menschen darüber freuen würden, wenn er als Bundestrainer weitermacht. Ein Blitz-Emotionscheck bestätigt: isso! Julian Nagelsmann bekommt seine Arbeit nicht erst in den Stunden nach der großen Demütigung um die Ohren gepfeffert. Schon in den Tagen zuvor entbrannten wilde Diskussionen.
Nachdem sich die Mannschaft und der Bundestrainer nun selbst alles in Schutt und Asche gelegt haben, ruft Mats Hummels aus dem Nebel heraus, dass Nagelsmann weg muss. Der ehemalige Innenverteidiger bekennt allerdings, bei seiner Bewertung nicht unbefangen zu sein. Das Verhältnis zwischen beiden sei seit der Heim-EM vor zwei Jahren belastet. Damals sei nicht alles "fair und ehrlich" gelaufen. Der Dortmunder war damals trotz starker Saison nicht in das Aufgebot berufen worden. Als Experte bei MagentaTV fordert er nun: "Wenn man die ganze Faktenlage gerade so sieht, würde ich sagen: Es muss sich auf der Trainerposition etwas ändern."
Klopp oder Guardiola? Hummels hat einen Favoriten

"Schatten"-Bundestrainer offenbar bereit
Hummels ist die bislang prominenteste Stimme gegen Nagelsmann. Andere werden folgen. So ist der Fußball. Auch die Gerüchte um mögliche Nachfolger werden tüchtig befeuert. Wobei nur ein Name herumgeistert: der von Jürgen Klopp, der sich bei diesem Turnier ebenfalls als Magenta-Experte aber bereits tüchtig in die Nesseln gesetzt hat. Als er die "Noch"-Bundestrainer-Debatte um Nagelsmann angestoßen hatte. Aus einer Quatscherei heraus, wie er sich später entschuldigte. Der Verdacht, dass vielleicht doch ein bisschen Kalkül dahintersteckte, bleibt aber am "Schatten"-Bundestrainer haften. Der offenbar wirklich bereit wäre, das Amt zu übernehmen, falls der DFB auf ihn zukommt. Das berichtet zumindest Sky. Dabei ist noch nicht mal entschieden, dass Nagelsmann wirklich weg ist.
Mindestens einern steht noch zum Bundestrainer: "Ich hoffe nicht, dass es Konsequenzen gibt, sondern, dass er weiter an sich und seine Fähigkeiten glaubt", sagt Kapitän Joshua Kimmich. "Weil er in der Kabine keinen sitzen hat, der mit dem Finger auf ihn zeigt. Das ist in Mannschaften, die nicht erfolgreich sind, häufig anders."
Aber würde denn wirklich alles besser, wenn der DFB die Reißleine zieht? Eine Fußball-Nationalmannschaft funktioniert ja nach einer anderen Logik als ein Klub. Als Bundestrainer kannst du über deinen Kader selbst entscheiden, du bist nicht an finanzielle Zwänge oder Vereinsinteressen gebunden. Es gibt keinen Manager, keinen Sportvorstand, der den Riegel bei Personalentscheidungen vorschiebt. Aber der Markt ist eben auch nicht frei verhandelbar. Nominiert werden kann nur, wenn er einen deutschen Pass hat. Die Auswahl ist begrenzt.
War das der bestmögliche Kader?
Klar, Nagelsmann muss sich viele Fragen gefallen lassen. Hat er tatsächlich den bestmöglichen Kader nominiert? Im Nachgang natürlich alles müßig. Aber irgendwie auch berechtigt. Seit der EM 2024 schleppt sich das Thema durch, dass auf den offensiven Flügeln Tempo fehlt. Weder Jamal Musiala noch Florian Wirtz sind dort ideale Besetzungen. Beide sind eher Typen für das Zentrum. Auf der Suche nach Form und Leichtigkeit. Auch das war klar, auch dafür gab's keinen Plan B, außer Serge Gnabry. Dieser Plan platzte aber ebenfalls frühzeitig verletzt.
Hummels fordert Rauswurf von "patzigem" Nagelsmann

Auf einen Said El Mala verzichtete Nagelsmann, weil die "Heat Map" des Spielers nicht zu seinem System passte. Auf Chris Führich verzichtete er auch. Jamie Leweling nahm er zwar mit, brachte ihn aber nur einmal kurz, als die Wende gegen die Elfenbeinküste gelang. Auf den Flügeln herrschte Krampf statt Kraft.
Zu viele Angriffsflächen
Eigentlich hatte der Bundestrainer auf Lennart Karl gesetzt. Die Teenie-Sensation des FC Bayern, dass der sich auf dem Weg zur WM so schwer verletzte, dass er abreisen musste, war ein kleines Drama. Aber der Kader war nicht darauf ausgelegt, einen doppelten Boden zu schaffen. Nagelsmann reagierte auf den Ausfall und holte Assan Ouédraogo, auch wieder ein Mann, der sich in der Mitte wohlfühlt und ohne Einsatz blieb. Die Entscheidungen des Bundestrainers wirkten nicht glücklich, nicht gut kommuniziert. Eine Sache, die sich bei ihm wie ein roter Faden durchzieht. Siehe seine Zeit beim FC Bayern, siehe "Kicker"-Abrechnung im März.
Kann Jürgen Klopp Deutschland retten?

Es gibt so viele Flanken, an denen der gereizte Nagelsmann Angriffsflächen bot. Das Undav-Thema, das auch nach dem Aus wieder aufkochte, als er den schwachen Stürmer vom Joker zur Stammkraft machte und ihn wegen einer falschen Entscheidung kritisierte. Und dann waren noch die Kimmich-Frage, die Nummer-Rückkehr, die Demontage von Quali-Held Nick Woltemade, der bis zur Schlussphase gegen Paraguay nicht beachtet wurde und dann eine prominente Rolle einnehmen musste. Als tragischer Held im Elfmeterschießen. Wie sehr er ohne Selbstvertrauen antrat, offenbarte sich in seinem geknickten Anlauf.
Es ist immer alles ein schmaler Grat: Hätte Neuer gegen Paraguay nicht nur einen, sondern vielleicht noch einen zweiten Elfmeter gehalten, er hätte das Helden-Deja-vu erlebt. Hätte Undav, wäre Kimmich ... der Konjunktiv ist der größte Feind jedes Trainers. Und das beste Argument seiner Kritiker. Die Vorwürfe haben daher immer nur ein relatives Gewicht. Weil niemand wirklich weiß, wie es anders gekommen wäre.
Das sagt der DFB-Präsident zum WM-Aus

Wofür steht der deutsche Fußball?
Was Nagelsmann sich aber unbedingt anhören muss: Er hat es nicht geschafft, der Mannschaft eine Identität zu geben. Wofür steht der deutsche Fußball? Niemand weiß es nach dieser WM. Auch Kimmich klagt sich und sein Team selbst an: "Wir haben es wieder nicht geschafft, eine Euphorie zu entfachen und eine Mannschaft auf dem Feld zu sein, mit der sich die Menschen identifizieren können." Andere Nationen definieren sich über schnelles Tempospiel, über Leidenschaft, über Abwehrkrieger. Und Deutschland? Weder das eine noch das andere. Der Kader war augenscheinlich nicht darauf ausgelegt, robuste Gegner zu bespielen. Dabei war klar, dass mit Ecuador und der Elfenbeinküste mindestens zwei von ihnen warten würden. Dass dem deutschen Spiel jede Leidenschaft abging, wirkte schockierend merkwürdig. Der Kader wirkte irgendwie auf Frankreich ausgelegt. Auf mehr Freiheit im Spiel. Dieser Gegner schwebte als Damoklesschwert über der Vorbereitung.
In der, zumindest in der langen Version über die Monate vor dem Turnier hinweg, probierte Nagelsmann viel aus. Uli Hoeneß warf ihm vor, dass er es übertrieben habe. Nagelsmann biss zurück. Was hängenbleibt: Eine natürliche Hierarchie bildete dieser Kader nicht aus. Wo waren die Anführer? Joshua Kimmich hinten rechts, dort hatte er nur begrenzten Zugriff. Aber blieb da, weil es keine hochwertige Alternative gibt. Im Maschinenraum war derweil vor allem Aleksandar Pavlovic weitgehend überfordert. Es war (noch) nicht seine Zeit, um die Verantwortung für so eine Mannschaft zu schultern. Felix Nmecha gelang das besser. Aber je höher sich der Wellendruck auftürmte, desto mehr geriet auch er in Seenot. Leon Goretzka wäre noch da gewesen. Aber der hatte kaum Spielpraxis.
ntv-Reporter rechnet schonungslos mit Nagelsmann ab

Ob nun für Nagelsmann oder einen Nachfolger: Diese WM hat eine bittere Erkenntnis des deutschen Fußballs ans Licht gebracht. Es gibt zu wenig Akteure von internationalem Topformat - und zu viele Scheinriesen. Zu wenig Typen. Da wird ein großes Bild gemalt. Ein Abbild der abstürzenden deutschen Gesellschaft wird in das DFB-Team hineininterpretiert. Ein Umbruch wird kommen (müssen). Wie schnell er erfolgreich wird? Es fehlt die individuelle Klasse auf den meisten Positionen, trotz vieler Talente wie Musiala, Wirtz, Nathaniel Brown, Karl, Pavlovic oder Ouédraogo. Anderen Nationen geht es auch so, aber sie wehren sich immerhin.
