Fußball

"Wir dachten alle, wir sterben" Prozess um BVB-Attentäter steht kurz bevor

Anschlag auf BVB-Mannschaftsbus

Bei dem Anschlag wird Marc Bartra am Arm verletzt und muss anschließend operiert werden.

(Foto: Marcel Kusch/dpa)

Der Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus ist ein beispielloses Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte und sorgt noch lange für Diskussionen. Zudem hat er weitreichende Folgen für den Klub – intern und extern. Der Prozess gegen Sergej W. beginnt in Kürze.

TV-Shows, Jahresrückblicke, Talkrunden - Hans-Joachim Watzke ist derzeit ein gefragter Gesprächspartner. Der Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund muss sich nicht nur zum Trainerwechsel von Peter Bosz auf Peter Stöger äußern. Am Donnerstag beginnt vor dem Dortmunder Landgericht auch der Prozess um den Bombenanschlag auf den BVB-Mannschaftsbus. Noch heute fällt es Watzke schwer, über die Geschehnisse am 11. April zu reden: "Das war schon eine Extremsituation."

Das angebliche Motiv des mutmaßlichen Attentäters Sergej W., der viel Geld auf einen fallenden Aktienkurs beim einzigen an der Börse notierten deutschen Klub gewettet haben soll, macht das Attentat zu einem beispiellosen Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte. Es hinterließ bei allen Beteiligten tiefe Spuren. Lange Zeit wurden die BVB-Profis nach Angaben Watzkes psychologisch betreut: "Wir haben intensiv beobachtet, ob sich bei dem einen oder anderen Spieler eine posttraumatische Störung entwickelt hat. Diese Gefahr ist nach fünf, sechs Monaten am größten. Das hatten wir alles auf dem Schirm."

Besonders die Schmerzensschreie des Spaniers Marc Bartra, der von Splittern schwer am Arm verletzt wurde, blieben den Profis lange in Erinnerung. Eindringlich schilderte Bartras mittlerweile nach England gewechselter Landsmann Mikel Merino im "Guardian" die Atmosphäre im Bus, der auf dem Weg vom Team-Hotel zum Champions-League-Heimspiel gegen den AS Monaco war. "Wir dachten alle, dass wir jetzt sterben. Einige Spieler haben sich auf den Boden geworfen und den Busfahrer angeschrien, dass er uns wegbringen soll. Wir wussten ja nicht, ob es noch mehr Bomben geben würde. Oder ein Killerkommando in den Bus stürmt und uns erschießt."

Auch der Vereinsfrieden nahm Schaden

Dass die Mannschaft am Tag danach im Achtelfinal-Hinspiel mit 2:3 gegen Monaco unterlag, verwunderte angesichts der emotionalen Ausnahmesituation niemanden. "Von dem Moment an, als ich vom Anschlag hörte, wusste ich, dass die Champions-League-Saison für uns zu Ende ist. Dass eine Mannschaft sich von einem Bombenanschlag erholt und noch eine Runde weiterkommt, ist ausgeschlossen", sagte Watzke. Auch der Vereinsfrieden nahm Schaden.

Anders als erwartet rückten der damalige Trainer Thomas Tuchel und Watzke nach der heimtückischen Tat nicht enger zusammen, sondern trugen ihre Meinungsverschiedenheit öffentlich aus. Streitpunkt war die von Watzke und weiten Teilen der Mannschaft mitgetragene Entscheidung der Uefa, die Partie nur 24 Stunden später neu anzusetzen.

Die medienwirksame Kritik des Fußball-Lehrers an dieser Neuansetzung trug zur Trennung der Borussia von Tuchel Ende Mai bei. "Nachdem wir intern diese Entscheidung getroffen hatten, hätten wir uns einfach den Mund abputzen müssen und nach Hause gehen müssen. Das ist leider nicht so passiert", klagte Watzke in der Vorwoche bei einem BVB-Talk der "Ruhr Nachrichten", ohne Tuchels Namen zu nennen.

Nach Einschätzung des BVB-Chefs war der damalige, nur wenige Stunden nach dem Anschlag getroffene Entschluss folgerichtig: "Wir hatten an diesem Abend und am Tag danach noch alle das Gefühl, dass es sich um einen Terroranschlag handelte. Es ging dann einfach um die Frage, willst du als Gesellschaft ein Zeichen setzen unter der Berücksichtigung, dass du von den Spielern fast Unmenschliches verlangst, oder nicht. Das war die eigentliche Botschaft", sagte Watzke. Mit ernstem Blick fügte er an: "Dass es sich um einen Hochkriminellen oder vielleicht Gestörten handelt, konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen."

Quelle: ntv.de, Heinz Büse, dpa

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