Fußball

Das "Lebbe" von Stepi "Die Bundesliga vermisst mich"

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Ein Gesicht der Bundesliga und eine richtige Type: Dragoslav Stepanovic.

(Foto: imago sportfotodienst)

Er gilt als "bunter Hund" der Bundesliga. Schnauzer, Trenchcoat und seine Schnodderschnauze sind sein Markenzeichen. Immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, in serbisch-hessisches Kauderwelsch verpackt - das ist Dragoslav Stepanovic. "Stepi" wird 65. Mit n-tv.de blickt er auf sein bewegtes Leben zurück, auf seine Kindheit in Belgrad, seine Zeit als Spieler und Trainer bei Eintracht Frankfurt. Er verrät, wie er Jay-Jay Okocha und Jürgen Klopp entdeckt hat und warum er in China fast gestorben wäre.

n-tv.de: Herr Stepanovic, erinnern Sie sich noch an den 16. Mai 1992?

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Dragoslav Stepanovic: Ja. Auf alle Fälle. Wir alle haben damals eine gute Saison gespielt und dann am letzten Spieltag in Rostock unglücklich verloren und damit leider auch die Meisterschaft. Aber je mehr Zeit vergeht, desto klarer wird, dass wir damals alles getan haben, um Meister zu werden und dass die Eintracht damals eine tolle Mannschaft hatte. 

Alles in allem also ein prägendes Erlebnis für Sie?

Ja! Es war damals sehr aufregend, auch wenn ich vor dem Spiel relativ ruhig war. Ich bin zwar kein Träumer, von daher hab ich mir vor dem Spiel auch nichts ausgerechnet. Allerdings: Die Bundesliga war damals - und ist es auch heute noch - die beste Liga der Welt. Und da einen Titel zu gewinnen, das hat schon was. Das Spiel an sich hatte dann alles: Lattentreffer, Pfostenschüsse, einen Elfmeter, den der Schiri nicht gesehen hat. Und am Ende haben wir das Spiel verloren - und damit auch die Meisterschaft.

Bei den Eintracht-Fans gibt es seitdem diverse Verschwörungstheorien. So wurde beispielsweise bereits einen Spieltag davor in der Partie gegen Bremen der Eintracht ein klarer Elfmeter verweigert. Der Schiri damals kam aus Stuttgart. Die Meisterschale war am letzten Spieltag nicht in Rostock, wo der Tabellenführer spielte, sondern in Leverkusen bei Stuttgart und so weiter …

Dass der Schiri aus Stuttgart kam, ist natürlich unglücklich. Aber die Schuld liegt bei uns, dass wir gegen eine solche Mannschaft, die gerade den Europapokal gewonnen hat und fast noch mit Alkohol im Blut gespielt hat, nicht gewonnen haben. Diese Punkte haben uns dann in Rostock an allen Ecken und Enden gefehlt. Wenn die Eintracht heute noch einmal gegen Rostock spielen würde, sagen wir zehn Mal, dann gewinnt sie mindestens neun Mal. (lacht)

Nach diesem - für viele Eintracht-Fans - "Trauma von Rostock" fiel Ihr ziemlich abgeklärter und heute legendärer Satz "Lebbe geht weider" …

Ja, das ist Teil meines Lebens und von mir selbst, dass ich nicht mit einem weinenden Auge zurückschaue oder andere beschuldige. Ich schaue immer voraus, eben: Lebbe geht weider!

Woher stammt diese, Ihre, Lebensweisheit?

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"Lebbe geht weider."

(Foto: REUTERS)

Meine Mutter hat mir irgendwann mal gesagt: Mein lieber Sohn, für jedes Problem gibt es eine Lösung. Nur muss man diese Lösung suchen, weil: Lebbe geht weider. Das Leben wartet nicht auf dich.

Apropos Mutter. Sie stammen aus einfachen Verhältnissen, wuchsen in Belgrad auf. Wann fassten Sie den Entschluss, Profifußballer zu werden?

Also, ich war neun Jahre alt. Es war ein Montag, das werde ich nie vergessen. Ich habe einen Ball und Turnschuhe geschenkt bekommen. Und am Abend waren sowohl der Ball als auch die Turnschuhe kaputt. Damals hab ich mal abgesehen vom Schlafen 24 Stunden Fußball gespielt und davon geträumt, nach oben zu kommen. Ich habe die Schule geschwänzt. Der Trainingsplatz war damals sechs Kilometer von unserer Wohnung entfernt. Ich bin da zwei Mal am Tag hin, 24 Kilometer insgesamt zu Fuß oder an der Straßenbahn hängend. Geld für ein Ticket hatte ich ja nicht. Alles nur für den Traum, einmal Profifußballer zu werden.

Ein Traum, den Ihr Vater nicht teilte …

Nicht nur mein Vater, auch meine Mutter war dagegen. Das ist heute anders: Wenn heute der Vater oder die Mutter sieht, dass ihr Kind Fußball spielt und dabei noch talentiert ist, dann fördern sie es, wo sie nur können: fahren es zum Training, zum Spiel. Bei mir war es umgekehrt - wie in dem Film "Allein gegen die Mafia". (lacht) Ich musste immer allein kämpfen, aber das hat mich auch geprägt und mich willensstark gemacht.

Über Mladi Proleter, OFK und Roter Stern führte Sie Ihr Weg nach Frankfurt zur Eintracht. Mit 28 Jahren und als gestandener Nationalspieler. Wieso gerade die Eintracht?

Zu diesem Zeitpunkt war ich einer der letzten Nationalspieler Jugoslawiens, der noch in der Heimat gespielt und noch keinen Klub im Ausland gefunden hat. Mit 28 Jahren durfte man damals ins Ausland wechseln. Die Eintracht stand damals nicht so gut, spielte gegen den Abstieg und hat einen linken Verteidiger gesucht. Die Jugoslawen hatten damals einen sehr guten Ruf, technisch versiert und knüppelhart, und so kam es zum Probetraining bei der Eintracht und danach zum Wechsel.

Der ja fast noch geplatzt wäre …

Ja, stimmt. Ich hatte bei der Eintracht schon zugesagt, als mich mein ehemaliger Nationaltrainer Vujadin Boskov anrief und mich zu Feyenoord einlud. Er bot mir 100.000 DM mehr, wenn ich nach Rotterdam wechselte. Aber in meiner Familie galt schon immer: ein Mann, ein Wort, also kam für mich nur die Eintracht infrage. 

Aus dem Ostblock in den Westen: War das ein Kulturschock für Sie?

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Stepi 1978, als er zur Frankfurter Eintracht wechselt.

(Foto: imago sportfotodienst)

Ostblock stimmt nicht so ganz. Die Menschen in J ugoslawien hatten damals mehr Freiheiten als in manch anderem Land. Wir konnten fast überall hin reisen, es gab Abkommen mit 150 Ländern, dass man dorthin ohne Visa reisen konnte. So bist du als Jugoslawe auch zwei, drei Mal im Jahr nach Italien gereist, Klamotten kaufen. Trotzdem war der Westen natürlich etwas ganz anderes: Es gab viel mehr und bessere Sachen. Autos beispielsweise. Aber man gewöhnt sich vom Schlechten ans Gute viel schneller als umgekehrt. (lacht)

Und vom Fußballerischen? Wo lagen die Unterschiede zwischen dem damaligen Bundesliga-Fußball und dem, der in Jugoslawien gespielt wurde?

Der große Unterschied lag darin, dass die Bundesliga damals immer stärker wurde, die jugoslawische Liga dagegen immer schlechter. Sie verlor mehr und mehr ihre besten Spieler und auch bereits Talente an ausländische Vereine. Das Spiel war daher nicht auf einem so hohen Niveau.

Nach ihrer Frankfurter Zeit ging es nach Worms in die zweite Bundesliga …

Ja, jeder Bundesligaverein durfte damals nur zwei ausländische Spieler unter Vertrag haben. Mit Bruno Pezzey, Rudolf Elsener und mir hatte die Eintracht drei. Der Trainer damals, Otto Knefler, ließ sture Manndeckung spielen und nicht die fortschrittliche Raumdeckung, die mir entgegenkam und die ich bereits in Jugoslawien gespielt hatte. Also ging ich nach Worms. Dort hatte der Trainer Eckhard Krautzun Interesse an mir und wollte mit Worms in die Bundesliga aufsteigen. Das wäre auch gelungen, wir waren Herbstmeister, allerdings gab es dann Probleme mit dem Geld und Krautzun verließ das Team im Winter 1978. Ich blieb bis April.

Um dann zu Manchester City zu wechseln. Wie kam es denn dazu?

Ganz einfach. Dort suchte der Trainer Malcolm Allison einen Libero, jemand mit Erfahrung. Und ich konnte neue Taktiken lernen, neue Spielweisen.

Er machte Sie dann auch zum Kapitän. Sie waren damit der erste ausländische Kapitän bei den "Citizens".

Ja, das war eine große Ehre. Eine Ehre, die mir auch in meinem letzten Spiel für Roter Stern Belgrad zuteil wurde, als mich der damalige Trainer Gojko Zec die Binde tragen ließ. Ein großer Moment für mich. In England ist es aber meist so, dass nicht wie in der Bundesliga der älteste oder beste Spieler die Binde trägt, sondern derjenige, der das Spiel organisiert, der es lenkt, die Mannschaft motiviert und mitreißt.

Dennoch blieben Sie nicht lange in Manchester …

Ich hatte einen Zweijahresvertrag. Die Saison lief nicht so gut für das Team. Der Trainer wurde ausgewechselt und John Bond baute den Kader radikal um. Ich spielte sehr oft nur noch in der zweiten Mannschaft und war auch ab und an verletzt. Aber ich war nicht der einzige Spieler, den Bond aussortierte, es traf beispielsweise auch die City-Legende Colin Bell.

Sie spielten aber nicht nur mit Colin Bell, sondern auch mit den deutschen Weltmeistern Bernd Hölzenbein und Jürgen Grabowski. Wer hat Sie am meisten als Spieler beeindruckt?

Grabowski und Hölzenbein, beide. Der "Grabi" war einer, der dem Spiel der Eintracht damals seinen Stempel aufgedrückt hat. Und "Holz" war einer der größten Torjäger der Bundesliga. Ein waschechtes Schlitzohr. Selten hat einer aus so wenigen Chancen so viele Tore geschossen.

Sie spielten auch im Abschiedsspiel von Pelé …

Ja! Das werde ich nie vergessen. Vor 182.000 Zuschauern im Maracana. Allein jetzt, wenn ich darüber rede, bekomme ich schon Gänsehaut. (lacht) Pelé ist und wird immer einer der besten Spieler der Welt für mich sein. Dass ich mit Jugoslawien gegen ihn spielen durfte, das ist etwas, was man in seinem Leben nie vergisst.

Stimmt es, dass er Ihnen noch eine Videokassette schuldet?

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Stepi, wie er leibt und lebt: Der "bunte Hund" der Bundesliga ist och immer ein gern gesehener Gast.

(lacht) Genau! Fast jeder Spieler von uns, der damals bei seinem Abschiedsspiel dabei war, wollte es auf Video haben. Pelé hat mir das auch versprochen. Ich habe ihn beim Confed Cup 2005 in Frankfurt noch einmal darauf angesprochen. Und er hat es mir wieder fest versprochen. Aber gekommen ist bisher nichts. (Lacht) Die Kassette vom Spiel hat mir dann der SWR gegeben, die das Spiel damals im Fernsehen übertragen haben.

Als Trainer haben Sie dann Stars wie Andy Möller, Uwe Bein, Anthony Yeboah zu betreuen. Kein einfaches Unterfangen, kann ich mir vorstellen.

Ja, aber das ist meine Welt, mit den besten Spielern zu arbeiten. Sie zu motivieren und offensiv spielen zu lassen. Mit der Eintracht haben wir damals in der Vorbereitung nur gegen Drittliga-Vereine gespielt und in zehn Spielen mehr als 150 Tore geschossen. Ich bin heute sehr froh, diese Spieler, diese Mannschaft damals betreut zu haben.

In Leverkusen waren Sie dann Trainer von Bernd Schuster. Wie war das denn?

Ruhig. (lacht) Beim ersten Training waren alle mucksmäuschenstill. Das war wohl der Respekt vor Schuster, der war zum Training im Rolls-Royce erschienen und mit Bodyguards.

Weg von den Stars: Sie gelten auch als Förderer junger Talente. Sie gelten etwa als Entdecker von Jay-Jay Okocha. War das eine Spezialität von Ihnen?

Überall, wo ich bin, nutze ich die freie Zeit, die Ferien, den Urlaub, die Jugendmannschaften zu beobachten. Okocha habe ich in einem Spiel in Saarbrücken gesehen. Der hat aus 25 Metern aufs Tor geschossen. Hinter dem Tor war eine Wand und von dort kam der Ball bis zur Mittellinie zurück. Da habe ich sofort "Holz" angerufen und habe ihm gesagt: Ich habe einen Spieler gesehen, wenn du schnell genug bist und den holst, dann hast du dein ganzes Leben lang Freude an ihm. (Lacht)

Sie haben auch Jürgen Klopp nach Frankfurt geholt, zu Rot-Weiß Frankfurt damals …

Das war allerdings Zufall. Ich habe damals eigentlich einen Zehner gesucht, weil das für mein Offensivspiel wichtig war: Wenn du einen Zehner hast und zwei Flügelspieler, kannst du viel einfacher die Taktik von defensiv spielenden Mannschaften kaputt machen. Der Klopp hat mir wahnsinnig gut gefallen, auf der rechten Seite. Und so hab ich ihn geholt. Rot-Weiß Frankfurt muss man dazusagen, war damals so etwas wie das "Bayern München der Hessenliga". Klopp selbst war damals überrascht und hat über sich selbst gesagt, dass er technisch nicht so begabt ist wie andere Spieler. Er brauchte dann etwas Zeit, um sich an das hohe Niveau zu gewöhnen. Ich ließ ihn dann erst in der zweiten Mannschaft spielen und holte ihn im Winter ins Profiteam. Und dann schoss er seine Tore. 14 Tore in der Rückrunde bedeuteten für Rot-Weiß Frankfurt den Titel damals.

Als Trainer waren Sie auch in Ägypten, Griechenland, China, Serbien und Bosnien aktiv. Was war dabei Ihr einschneidendes Erlebnis?

Das war in China. Ich sollte bei Shenyang als Trainer anfangen und war zu Verhandlungen dort. Ich traf mich mit der Klubführung bei mir auf dem Hotelzimmer, als es plötzlich an der Tür klopft und mehrere bewaffnete Männer hereinstürmen. Die prügelten auf die Männer ein und zum Schluss kam noch einer mit einer Machete auf mich zu und schnitt die Telefonkabel durch. Danach verschwanden sie wieder. Da habe ich gedacht: Oje, wo bist du hier hingeraten. Das werde ich nie in meinem Leben vergessen.

Spieler, Trainer, Weltenbummler: Einem Verein blieben Sie immer verbunden: Eintracht Frankfurt. Warum, was ist das besondere an der Eintracht?

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Stepi als Trainer der Eintracht mit Präsident Ohms und Manager Hölzenbein auf einer Pressekonferenz der damals noch "launischen Diva" vom Main

(Foto: picture-alliance / dpa)

Ich bin relativ konservativ. Die Eintracht war mein erster Verein im Ausland. Da habe ich schöne Erfolge gehabt. Als Spieler unter dem Trainer Gyula Lorant standen wir auf dem 14. Platz, dann gab es 22 Spiele ohne Niederlage. Das werde ich nie vergessen. Am Ende haben zwei Punkte zum Meistertitel gefehlt. Und dann als Trainer mit der Saison 1991/92 hab ich dann endgültig mein Herz an die Eintracht verloren. Ich bin Eintrachtler durch und durch! (lacht)

Sie prägten den "Fußball 2000" bei Eintracht Frankfurt, wunderschönen Offensivfußball. Heute steht dafür etwa Borussia Dortmund unter Trainer Klopp. Hat er etwas bei Ihnen abgeschaut?

Danke, dass Sie mich das fragen. Ganz klar: Dortmund spielt heute so wie die Eintracht damals. Auch wenn Kloppo sagt, dass er alles von einem ehemaligen Mainzer Trainer gelernt hat, bin ich mir sicher, dass er den Offensivfußball und das Pressing bei mir abgeschaut hat - und das einfach nur vergessen hat. (lacht)

Sie sind jetzt 65. Jupp Heynckes, in einem ähnlichen Alter, hat gerade das Triple gewonnen. Können Sie sich eine Rückkehr auf die Trainerbank vorstellen?

Immer! Meine Koffer sind immer gepackt. Wenn jemand anruft, ist mir scheißegal, wo oder welche Liga. Ich bin sofort bereit. (lacht) Aber wenn ich wählen darf: Mein Wunsch wäre, eine Nationalmannschaft zu trainieren. Dann hätte ich in meinem Leben alles erreicht, was ich erreichen wollte.

Wie sieht Ihr Alltag derzeit aus? Wie muss man sich den Privatmann Stepi vorstellen?

Ich bin zwar Privatmann, aber ohne Fußball geht es nicht. Ich schaue mir Jugendspiele an, schreibe Taktiken auf, sehe mir im Fernsehen Spiele an und trainiere, halte mich fit. Mache jeden Tag 45 Minuten Sport.

Vermissen Sie die Bundesliga?

Sehr! Aber ich glaube, das gilt auch umgekehrt, die Bundesliga vermisst mich ebenso. (lacht)

Rückblickend: Würden Sie etwas anders machen wollen in Ihrem Leben? Eine Trainerstation nicht annehmen oder …

Ich würde in Rostock nicht so offensiv spielen lassen von Anfang an. Eher etwas defensiver, die Rostocker kommen lassen. Dann gewinnen und Meister werden. Mit der Eintracht! (lacht)

Mit Dragoslav Stepanovic sprach Thomas Badtke

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Quelle: n-tv.de

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