Fußball

Besorgt über "Turbokapitalismus" Zum Abschied kritisiert Rummenigge Alaba

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Eine letzte Ehrung: Den Alaba-Abschied hat Rummenigge noch nicht verdaut.

(Foto: Christian Kolbert/kolbert-press/Pool via Ulrich Hufnagel / Hufnagel PR)

Der scheidende Bayern-Vorstandschef Rummenigge macht sich Sorgen um die Entwicklungen im Weltfußball. Zum Abschied sieht er den Rekordmeister in guten Händen, fordert einen Kulturwandel und bekennt sich klar zur Bundesliga.

Das Leben, sagt Karl-Heinz Rummenigge, wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Der scheidende Vorstandschef der Bayern zitiert gerne und viel. So auch im großen Abschiedsinterview mit dem "Kicker". Hier also den dänischen Philosophen Sören Kierkegaard. Nach 40 Jahren im Dienste des FC Bayern und im Dienste des Fußballs hat der 65-Jährige nun endlich Zeit für eine kurze Rückschau: Auf aufregende Jahrzehnte und natürlich auch auf die letzten unruhigen Monate an der Säbener Straße, die in der ohnehin besonderen Pandemie-Saison vom Machtkampf zwischen Sportvorstand Hasan Salihamidžić und Trainer Hansi Flick geprägt waren, die aber auch zum Verlust des Schlüsselspielers David Alaba führten.

Der wird in Zukunft für Real Madrid auflaufen. Ein Transfer, der Bayern weiterhin zusetzt. Bereits im vergangenen Herbst war es zu Verwerfungen zwischen dem Rekordmeister und Alaba-Agent Pini Zahavi gekommen. Der Israeli gilt in der Branche als harter Verhandlungspartner und stellte dies auch bei den Gesprächen mit Bayern unter Beweis, bis Ehrenpräsident Uli Hoeneß im Sport1-Doppelpass der Kragen platzte und Zahavi als "geldgierigen Piranha" beschimpfte. Damit war alles gesagt. Und es ging nur noch darum, wohin Alaba ablösefrei wechseln würde.

"Mit 19,5 Millionen nicht zufrieden"

Mit Blick auf die von der Pandemie ausgelösten Verwirbelungen und Verschiebungen der Perspektiven, kritisiert nun auch Rummenigge die Gehaltsforderungen Alabas, ohne einen Namen zu nennen: "Sicher, es gab Zeiten, da hatte die ganze Welt nur das Schneller-Höher-Weiter im Blick. Der Turbokapitalismus im Fußball macht auch mir zwischenzeitlich große Sorgen, denn er lässt die Fans zu sehr außer Acht", sagte Rummenigge dem "Kicker". "Ich glaube, sehr wenige Menschen haben in dieser existenziellen Krise Verständnis, wenn ein Fußballprofi schon 15 Millionen im Jahr verdient und dann mit 19,5 Millionen nicht zufrieden ist."

Mit einem Personalaufwand von 339,775 Millionen Euro lag der FC Bayern München im Geschäftsjahr 2019/20 rund 120 Millionen Euro vor dem langjährigen Rivalen Borussia Dortmund. Beide Klubs hatten ihre Spieler von reduzierten Gehältern inmitten der Pandemie überzeugt. Die Zahlen für das am 30. Juni ablaufende Geschäftsjahr liegen noch nicht vor. Zum Verein mit dem dritthöchsten Personaletat, Rasenballsport Leipzig, klafft eine Lücke von beinahe 200 Millionen, zeigen die von der DFL veröffentlichten Finanzkennzahlen der Klubs der Bundesliga. Mit Bayer Leverkusen, dem VfL Wolfsburg und Borussia Mönchengladbach liegen drei weitere Bundesligisten im dreistelligen Millionenbereich. Der in die zweite Liga abgestürzte Traditionsverein FC Schalke 04 verbuchte im Kalenderjahr 2020 ebenfalls Personalausgaben von über 110 Millionen Euro.

Die Bundesliga bleibt wichtig

Rummenigges Forderungen nach einem Umdenken in der Branche sind nicht neu. International führen die weiterhin steigenden Gehaltsforderungen der wenigen Topspieler nicht nur zu Finanzproblemen bei den spanischen Giganten Real Madrid und FC Barcelona, sondern auch zu den immer wiederkehrenden Bestrebungen zur Gründung einer europäischen Super League. Der letzte Versuch scheiterte erst vor wenigen Wochen. Die beiden La-Liga-Vertreter und der italienische Erstligist Juventus weigern sich bis heute, das Scheitern einzugestehen. Den Rebellen drohen nun massive Strafen. Die UEFA hat ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Parallel dazu beschloss die UEFA jedoch eine Champions-League-Reform, die Vereinen aus kleineren Ligen in Zukunft den Zugang zum Elite-Wettbewerb erschweren wird.

Für Rummenigge kam ein Beitritt nie in Frage, sagte er. Die Bundesliga, sagt er, stehe bis heute "für Emotionen, Nähe und Gesprächsstoff" und müsse daher geschützt werden. "Diese Form der Super League ist vom Tisch. Und eine rein wirtschaftlich orientierte Liga von Abtrünnigen hilft niemandem", sagt Rummenigge. "Wir müssen das Öko-System Fußball schützen. Wir brauchen einen Kulturwandel, hin zu mehr Rationalität und weg von einem völlig überhitzten Markt."

Für diesen Kulturwandel holt Rummenigge nun Luft. Bei den Bayern übernimmt Oliver Kahn. "Inzwischen spüre ich, dass Oliver Kahn bereit ist", sagt der scheidende Vorstandschef. "Es ist für mich persönlich ein gutes Gefühl, dass ich den Verein in gute Hände übergeben kann." Befreit vom Amt geht es nun mit der Familie nach Sylt. Zum ersten Mal mit etwas mehr Zeit. Dort kann er weiter Kierkegaard studieren. Dort könnte er ein weiteres Zitat finden: "Alles kommt wieder, aber auf eine andere Weise."

Quelle: ntv.de, sue

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