Redelings Nachspielzeit

EM-Countdown: Geniale Truppe Wie der Papst Deutschland zum Titel verhalf

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Europameister!

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Die Europameisterschaft 1980 in Italien ist vor allem geprägt von herausragenden jungen Talenten, die allerdings in ihrer Art nicht ganz einfach sind. Während Matthäus und Schuster also für Schlagzeilen sorgen, geht Finaltorschütze Hrubesch lieber zum Heiligen Vater.

"Die jungen Talente besaßen ein außergewöhnlich großes Potenzial und waren bereit, alles zu geben", sagte Bundestrainer Jupp Derwall nach der Europameisterschaft 1980 in Italien, die das DFB-Team als verdienter Sieger ("Die deutsche Mannschaft hat grandios aufgespielt. Es konnte einfach keinen anderen Sieger geben", Cesar Luis Menotti) wieder verlassen hatte. Und das lag auch an Derwall selbst, der nach der legendären Blamage zwei Jahre zuvor im argentinischen Cordoba gegen Österreich einen völlig anderen Fußball spielen ließ: "Lieber verrecke ich schon im ersten Spiel, als wieder solchen Defensivfußball wie bei der WM-Eröffnung 1978 spielen zu lassen."

Und das kam besonders einem der jungen Talente vom 1. FC Köln zugute. Die "Gazzetta dello Sport" schrieb über ihn: "Bernd Schuster kann Beckenbauers Nachfolger werden." Und vom Kaiser hatte sich die deutsche Nachwuchshoffnung zu diesem Zeitpunkt wohl auch etwas anderes schon abgeschaut. Denn der junge Kölner brachte seine Freundin Gaby damals einfach direkt mit im Teamhotel unter - was nicht nur für Aufsehen sorgte, sondern vor allem auch dem Bundestrainer verständlicherweise überhaupt nicht schmeckte.

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Doch Schuster spielte so groß auf, dass Jupp Derwall diese Kröte schlucken musste. Der gebürtige Augsburger wurde gar als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet. Doch dieser Eklat um seine Gaby wurde Bernd Schuster nie verziehen. Als wenige Monate später der alte Platzhirsch Paul Breitner zum DFB-Team zurückkehrte, hatte er den Kölner sofort im Visier. Und Schuster reagierte sichtlich genervt: "Der Paule ist ein gerissener Hund. Noch hält er zwar nicht die Mannschaftsbesprechungen persönlich ab. Noch gibt er seine Befehle über Derwall weiter. Ich würde mich nicht wundern, wenn eines Tages der Breitner dem Derwall die Aufstellung unter der Türritze durchschiebt."

"Weder Muh noch Mäh oder Gick und Gack"

Der Bayern-Kapitän antwortete gelassen: "Er benimmt sich so wie ich in seinem Alter. Aber wer Spielmacher ist, entscheidet sich in jedem Länderspiel neu. Wer die beste Form hat, soll es machen." Schuster nahm den Ball dankend auf: "Wenn Breitner es nicht schafft - körperlich pfeift er ja derzeit aus dem letzten Loch -, dann bin ich da, wenn Not am Mann ist." Und er schob süffisant hinterher: "Das Problem Breitner wird sich auf biologische Weise erledigen."

Doch dann gewann die verbale Schlacht final an Schärfe. Bundestrainer Jupp Derwall mischte sich ein und rief nach einigen Schnäpsen auf der Hauseinweihungsfeier von Hansi Müller nachts um 2.30 Uhr bei Gaby Schuster an und hielt ihr vor, was für einen schlechten Einfluss sie auf ihren Ehemann habe. Breitner schickte kurz darauf einen weiteren Giftpfeil Richtung Schusters Ehefrau: "Der Bernd ist ein liebenswerter, junger Kerl, aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man ihn ohne seine Frau trifft oder mit ihr. Im ersten Fall ist er wie ein kleiner Bub, sagt weder Muh noch Mäh oder Gick und Gack; im zweiten Fall aber wird er schnell zur rasenden Wildsau."

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Schuster verabschiedete sich kurz darauf aus dem Nationalteam. Und so sollte der Europameistertitel von 1980 der einzige Triumph des deutschen Jahrhunderttalents Bernd Schuster im Trikot mit dem Adler auf der Brust bleiben.

Das Urlaubsproblem des Lothar Matthäus

Da dauerte die Karriere eines anderen gerade einmal 19-jährigen Nachwuchsstar in der Nationalmannschaft schon länger - bedeutend länger. Ein gewisser Lothar Matthäus debütierte nämlich genau bei dieser Europameisterschaft 1980 für sein Heimatland. 3:0 stand es an diesem Tage gegen die Niederlande bereits, als Kapitän Ennatz Dietz einen Entschluss fasste: Er wollte dem jungen Talent bei diesem Spielstand zu seinem ersten Einsatz im Nationaltrikot verhelfen.

Und so täuschte Dietz eine Verletzung vor und ermöglichte Matthäus sein Debüt im Dress der Nationalelf. Dass das Spiel am Ende und nach zittrigen Schlussminuten nur noch 3:2 für Deutschland ausging, lag nicht unbedingt an dem unbedarften Nationalmannschaftsneuling Matthäus alleine, wie Dietz einmal schmunzelnd erzählte, doch den Elfmeter zum 3:1 verschuldete er trotzdem.

Aber Dietz wusste auch noch etwas anderes über Matthäus zu berichten: "Der Lothar hat am Tag der Nominierung bitterlich geweint. Ich stand neben ihm und war völlig hilflos. Erst habe ich gedacht, der würde Freudentränen vergießen, aber dann hat der gar nicht mehr aufgehört. Ich habe ihm den Arm um den Hals gelegt und ganz behutsam gefragt, was denn los sei. Da hat mich der Lothar mit geröteten Augen angeguckt und geschluchzt: 'Aber meine Freundin hat doch für die Zeit der Europameisterschaft schon unseren Urlaub gebucht ...'"

Hrubesch hat ihn gesehen

Matthäus fuhr bekanntlich doch mit - konnte seinen Liebeskummer aber nur schwer verbergen, wie er in einer seiner ersten großen Personality-Storys dem "Fußball-Magazin" gefühlvoll erzählte: "Ich telefonierte jeden Tag zweimal mit meiner Verlobten Silvia, und da habe ich mich dann zum ersten Mal geärgert, denn das Hotel hat so hohe Telefongebühren verlangt, dass ich nach der ersten Rechnung bald umgefallen wäre vor Schreck. Kaum eine Minute hatte ich mit Silvia telefoniert, da wollten die mir über 6000 Lire aus der Tasche ziehen, das waren etwa 14 Mark. 'Bin ich denn ein Multimillionär?', fragte ich den an der Rezeption. Von dem Augenblick an habe ich überall Münzen gesammelt und es vom öffentlichen Fernsprecher aus versucht. Nur hat der meist nicht funktioniert. Das hat mir dann ganz schön gestunken. Irgendwie habe ich es aber doch geschafft, jeden Tag zweimal mit Silvia zu telefonieren."

Dass die DFB-Elf am 22. Juni 1980 das Stadion in Rom gegen Belgien als Sieger verließ, hatte sie vor allem einem Mann zu verdanken: Horst Hrubesch. Und der gebürtige Mann aus dem westfälischen Hamm, dem sie schon zu seinen Anfangszeiten in Essen den Spitznamen "Kopfballungeheuer" verpasst hatten, machte keinen Hehl daraus, wem er selbst die Kraft für seine beiden Endspiel-Tore zu verdanken hatte: dem Papst!

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Richtig gelesen, dem Heiligen Vater höchstpersönlich. Und das kam so, wie Bundestrainer Jupp Derwall sich in seinem Buch "Fußball ist kein einfaches Spiel" erinnerte: "Irgendwann, nach dem torlosen Spiel gegen Griechenland in Turin, nachdem wir das Finale dieser Europameisterschaft erreicht hatten, stand mir Horst Hrubesch erneut gegenüber. Ich kniff beide Augen zu. Hörte nur noch 'Stadt gehen' - 'eine Stunde' - 'das letzte Mal' - 'pünktlich zurück' und so weiter und so fort. Nach langer Überlegung sagte ich nach dem Essen nur noch: 'Eine Stunde, in Begleitung, und pünktlich zurück ins Hotel.' Obwohl ich mir nicht sicher war, dass dies irgendeinen Sinn haben könnte, stand ich schon nach einer halben Stunde da, um auf den Spieler zu warten. Dann kam er, pünktlich und locker, mit einem Lächeln, das mich neugierig machte. Schon von Weitem rief er: 'Trainer, ich habe ihn gesehen! Ich habe ihn gesehen, den Papst, Trainer! Den Papst, wirklich, ganz aus der Nähe habe ich ihn gesehen.' Horst sah glücklich aus, zufrieden und voller Dankbarkeit."

Und mit diesem guten, selig machenden Gefühl schoss Hrubesch schließlich die deutsche Elf am 22. Juni 1980 zum Titelgewinn. Zwei Jahre nach dem denkwürdigen Nachmittag in Cordoba gegen Österreich schien die DFB-Elf wieder auf die richtige Spur gekommen zu sein. Doch das sollte sich vier Jahre später als großer Irrtum herausstellen. Vor allem für den Bundestrainer Jupp Derwall.

Quelle: ntv.de

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