Redelings Nachspielzeit

EM-Countdown: Legendäre Blamage Schmach von Tirana zerstörte den DFB-Traum

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Bernd Patzke, Hans Küppers, Günter Netzer, Wolfgang Overath (v.l.) konnten mit dem Auftritt gegen Albanien nicht zufrieden sein.

(Foto: imago/Horstmüller)

Ein Unentschieden in Albanien beendete schon in der Qualifikation jäh alle Hoffnungen auf eine erste EM-Teilnahme. Doch die Europameisterschaft 1968 bot Spektakel: Ein Skandalspiel in Wien, ein Münzwurf im Halbfinale und einen Katastrophen-Schiri, den die Deutschen noch aus Wembley 1966 kannten.

"Da können der 1. FC Nürnberg oder Eintracht Braunschweig hinreisen, ohne dass etwas passiert", hatte der amtierende Club-Trainer Max Merkel vorher noch geunkt - doch dann brach der Fußballhimmel am 17. Dezember 1967 doch über der DFB-Elf zusammen. Eine Peinlichkeit historischen Ausmaßes - denn die Nationalmannschaft war als Vize-Weltmeister tatsächlich an einem der größten Außenseiter, die es damals im europäischen Fußball gab, vorzeitig in der Qualifikation zur EM 1968 in Italien jämmerlich gescheitert. Die Schmach von Tirana gegen die Elf von Albanien ist in die Geschichte eingegangen - und zerstörte jäh den Traum von der ersten Teilnahme bei einer Europameisterschaft.

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Ein Sieg, egal wie, mit wie vielen geschossenen Toren auch immer hätte dem DFB-Team um das Mittelfeldgespann Günter Netzer und Wolfgang Overath schon gereicht, doch die Truppe, die ohne die Bayern-Achse Maier, Beckenbauer, Müller auskommen musste, fand an diesem Tag einfach kein Mittel gegen die albanische Mannschaft. Stürmer Peter Meyer von Borussia Mönchengladbach, der als Ersatz des "Bombers" Gerd Müller agierte, zeigte sich hinterher erstaunt: "Ich hatte keine Ahnung, dass die völlig unbekannten Albaner so klug spielen können."

Man konnte der DFB-Elf wahrlich nicht das ehrliche Bemühen absprechen, das Ding irgendwie nach Hause zu schaukeln, doch gerade die Kreativitätsabteilung um die beiden Mittelfeld-Genies versagte - und sorgte dafür, dass auch in späteren Jahren die Kombination Netzer und Overath nur noch im absoluten Notfall gemeinsam auf dem Platz stehen sollte. Torhüter Manfred "Cassius" Manglitz - nie um ein großmäuliges Wort verlegen - goss nach dem vorzeitigen Ausscheiden der Nationalmannschaft noch zusätzliches Öl ins Feuer, als er meinte: "Die Nürnberger hätten hier mindestens vier Tore geschossen." Eine Steilvorlage für die heimische Boulevardpresse, die sofort den kommenden Meistertrainer des Klubs in Stellung brachte: "Lasst doch mal den Merkel ran!"

"Die Russen hatten Nerven wie Drahtseile"

Doch da es das erste Mal überhaupt war, dass sich das Team der BRD um eine Teilnahme an der Europameisterschaft - die nun auch offiziell so hieß - bemühte, beruhigten sich die Gemüter über die Weihnachtstage wieder - und Bundestrainer Helmut Schön blieb im Amt. Allerdings gab der DFB ab sofort die Marschroute aus, dass der Titel des Europameisters durchaus erstrebenswert sei. Eine Blamage wie dieses 0:0 in Tirana sollte sich aber in keinem Fall mehr wiederholen. Denn mittlerweile schaute ganz Europa alle vier Jahre sehr interessiert im Sommer zur EM.

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Und das zu Recht. Denn auch die erste offizielle Europameisterschaft lieferte wieder eine Menge Geschichten und Anekdoten. Nicht alle waren jedoch positiv. Die Begegnung Österreichs am 5. November 1967 gegen Griechenland galt beispielsweise lange als einer der größten Skandale der europäischen Fußballgeschichte. Das Spiel musste damals beim Stand von 1:1 abgebrochen werden, weil die 60.000 Zuschauer im Wiener Praterstadion aufgrund des ruppigen Spiels und einem völlig überforderten Schiedsrichtergespann komplett die Kontrolle verloren und es zu wüsten Schlägereien und Sachbeschädigungen in beträchtlichem Umfang kam.

Im Halbfinale trafen dann in Neapel Gastgeber Italien und der EM-Dauer-Halbfinalist UdSSR aufeinander. Die "Süddeutsche Zeitung" notierte am nächsten Tag: "Die Zuschauer versuchten mit neapolitanischem Temperament den Gegner niederzuschreien, was immer er auch unternahm. Sie schrien sich umsonst die Kehlen heiser. Die Russen hatten Nerven wie Drahtseile." Und sie hielten tatsächlich bis zum Ende der Verlängerung ein 0:0. Da es ein Elfmeterschießen damals noch nicht gab, musste anschließend das Los bzw. ein Münzwurf entscheiden. Die Durchführung oblag an diesem Tag dem deutschen Schiedsrichter Kurt Tschenscher, der den Wurf in einem abgeschlossenen Raum in den Katakomben ausführte. "Man wählte nicht Kopf oder Zahl, sondern Ball oder Tor", erzählte der Schiri viele Jahre später einmal. Als die Tür wieder aufgeschlossen wurde, standen die beiden Mannschaftskapitäne davor. Tschenscher teilte ihnen das Ergebnis mit, woraufhin der italienische Spieler sofort losraste und seinen Kameraden mitteilte, dass man im Finale stand.

"Seine Leistung war eine Beleidigung"

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Auch dieses Endspiel hatte es in sich - denn am Ende wurden es zwei Partien, die Italien gegen die bärenstarken Jugoslawen bestreiten musste. Und das auch nur, weil sie im Schweizer Skandal-Schiedsrichter des berühmten Wembley-Finals von 1966, Gottfried Dienst, einen treuen Verbündeten hatten. Der deutsche TV-Kommentator Rudi Michel hielt nach der aufsehenerregenden Nicht-Leistung des Schweizers fest: "Bei Dienst war nicht einmal der Wille zur Objektivität erkennbar." Und auch die Schweizer Zeitung "Tribune de Lausanne" ließ an ihrem Landsmann kein gutes Haar: "Seine Leistung war eine Beleidigung. Er fälschte das Finale!"

Doch mit Gottfried Dienst zusammen schafften die Italiener es mit Mühe und Not, den Jugoslawen ein 1:1 im ersten Endspiel abzutrotzen. Die italienische Torwart-Legende Dino Zoff meinte hinterher überaus fair: "Um ehrlich zu sein, wir hatten das Unentschieden nicht verdient." Doch das zählte am Ende allerdings alles nicht mehr. Denn in den Geschichtsbüchern des Fußballs steht Italien als Sieger des EM-Turniers von 1968. Das 2:0 im Wiederholungsspiel sicherte dem Team um Kapitän Facchetti letztendlich den Titel und ließ die heimische Presse jubilieren: "Fußball-Europa gehört uns!" Das stimmte. Auf jeden Fall für die nächsten vier Jahre - denn 1972 sollte sich erstmals auch das DFB-Team ernsthaft um die EM-Krone bemühen.

Quelle: ntv.de

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