Redelings Nachspielzeit

EM-Countdown: Start mit Dramen Löwe von Moskau brilliert als erster EM-Held

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Lew Jaschin ist der erste Held der EM-Geschichte.

(Foto: imago images/Kicker/Metelmann)

Fast wäre das Thema Fußball-Europameisterschaften schon vor seiner Premiere im Jahr 1960 beerdigt worden, denn Deutschland und andere Nationen hatten zuerst keine Lust auf das Turnier. Doch am Ende wurde alles gut - und wie.

"Eine Europameisterschaft stört doch nur!" Für den deutschen Bundestrainer Sepp Herberger war die Sache klar: Ein Turnier ausschließlich unter Europäern brauchte kein Mensch. Die Weltmeisterschaft, die seit 1930 (mit einer Pause ab 1938 bis 1950) alle vier Jahre durchgeführt wurde, reichte seiner Meinung nach vollkommen, um sich adäquat auf der fußballerischen Weltbühne präsentieren zu können. Und da das unter anderem die Engländer, Italiener, Niederländer, Belgier und Schweizer genauso sahen, schien der alte Plan einer europäischen Meisterschaft der Nationen schon wieder beerdigt, ehe er überhaupt endgültig erst aus der Taufe gehoben war.

Dass wir uns heute, 61 Jahre später, langsam aber sicher auf den (verschobenen) Start des fünfzehnten Turniers vorbereiten, zeigt allerdings, dass sich auch ein so ausgewiesener Fußballfachmann wie Sepp Herberger einmal irren kann. Die alle vier Jahre durchgeführte Europameisterschaft, die 1960 und 1964 noch unter dem alten Namen "Europapokal der Nationen" lief, sollte sich mit der Zeit zu einem echten Renner entwickeln. Und wäre Deutschland 1968 in der Qualifikation nicht so kläglich wie unvergessen in Tirana am Fußballzwerg Albanien gescheitert (dazu mehr in Folge 3 dieser Serie), hätte sich die DFB-Elf bereits acht Jahre nach dem Entschluss diesem Wettbewerb fernzubleiben, in Italien selbst um den nun begehrten Titel des Europameisters bemüht. Doch erst einmal sollte der Wettbewerb zum Start 1960 also ohne bundesdeutsche Beteiligung stattfinden.

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Wobei der Turnier-Beginn bereits am 28. September 1958 erfolgte, als beim ersten historischen Gruppenspiel die UdSSR und Ungarn in Moskau vor unglaublichen 100.000 Zuschauern aufeinandertrafen. Diese gewaltige Menge an Fans, die dem 3:1-Sieg der damaligen UdSSR beiwohnten, weckten allererste Zweifel bei den Nationen, die sich dem Wettbewerb verschlossen hatten, ob ihre Entscheidung richtig gewesen war. Doch nicht nur sportliche Gründe sollten in diesen Tagen das Turnier torpedieren - auch politische. Im Frühjahr 1960 hätten die Sowjetunion und Spanien im Viertelfinale gegeneinander antreten müssen, doch das spanische Team wurde kurz vor dem Abflug in Madrid auf Befehl des eigenen Innenministers aus der Maschine geholt. Der "Kalte Krieg" machte aus Sicht Spaniens unter ihrem Führer Franco eine korrekte Durchführung der beiden Partien unmöglich.

Die UEFA reagierte alarmiert. Der holperige Start durch die Absagen so vieler Nationen und nun auch noch die politischen Grabenkämpfe, die den noblen Gedanken eines friedlichen Wettstreits unter Europäern unterliefen, durften nicht die Oberhand über die Gesamtbewertung des neuen Turniers gewinnen. Und so bot man beiden Teams eine Austragung auf neutralem Boden an. Doch obwohl Spanien diesem Vorschlag zustimmte, weigerte sich die UdSSR diesen Kompromiss zu akzeptieren - und kam kampflos eine Runde weiter.

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Im Halbfinale schlugen die Kicker aus der Sowjetunion schließlich das Team der CSSR ungefährdet mit 3:0 und zogen damit in das Finale im Pariser Prinzenpark ein. Dort trafen sie auf die Mannschaft Jugoslawiens, die in einer hochdramatischen Begegnung Gastgeber Frankreich aus dem Turnier geworfen hatte. Bis zur 75. Minute hatten die Franzosen mit 4:2 geführt, ehe die Jugoslawen die Partie innerhalb von nur drei Minuten in einen 5:4-Sieg drehten.

Und im Finale wurde dann endlich der erste Held der EM-Geschichte geboren. Der Torhüter der Sowjetunion, Lew Jaschin, über den Uwe Seeler einst sagte, dass er "eine Begabung habe, die man gar nicht beschreiben könne", rettete seinem Team durch seine unglaublichen Paraden einen bitter erkämpften 2:1-Erfolg nach Verlängerung. Jaschin wurde wegen seiner vielarmigen Rettungstaten, die er immer komplett in ein dunkles Jersey gekleidet ablieferte, als "schwarzer Panther" gefeiert. Aufgrund seiner schnellen Reflexe und seiner imposanten Erscheinung nannte man ihn auch den "Löwen von Moskau".

Jaschin sorgt für Tränen

Wie herausragend dieser Torhüter zu seiner Zeit war, beweist nicht nur der erste "Ballon d'Or" für einen Keeper, den er 1963 verliehen bekam, sondern auch eine kleine Geschichte von der WM 1962. Damals hatte der Chilene Eladio Rojas gerade den letztlich entscheidenden Treffer zum 2:1 über die Sowjetunion erzielt, als ihn seine Gefühle übermannten. Völlig aufgelöst von diesem einzigartigen Moment, der ihm da gerade widerfahren war, sackte er auf dem Platz nieder. Ausgerechnet ihm war es vergönnt, diesen großartigen Fußballer im Tor der Sowjetunion überwunden zu haben. Weinend lief Rojas anschließend zu Lew Jaschin und umarmte die sowjetische Legende voller Ehrfurcht. Und Jaschin? Der ließ es einfach geschehen.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Franz Beckenbauer, der noch einmal vier weitere Jahre später auf Jaschin bei der WM 1966 in England treffen sollte, meinte einmal: "Er war ein perfekter Mensch. Ein richtiger Freund. Hilfsbereit und liebenswürdig." Jaschin war nach dem Triumph von Paris der erste Torwart, der mit seinem Team die Krone Europas, den Henri-Delaunay-Pokal, gewinnen sollte. Und das - durch den Ausfall der Partien gegen Spanien im Viertelfinale - in insgesamt nur vier Spielen. Nie wieder sollte so etwas in der Geschichte der Europameisterschaften möglich sein.

Übrigens: Sepp Herberger wurde tatsächlich nie ein Freund dieses Turniers. Und auch sein Nachfolger Helmut Schön haderte zuerst mit diesem Wettbewerb. Doch schon 1972 sollte sich seine Meinung dazu noch einmal grundlegend ändern. Und das hatte legendäre Gründe. Dazu dann mehr in Folge 4 dieses "EM-Countdowns"!

Quelle: ntv.de

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