Redelings Nachspielzeit

EM-Countdown: Ewiger Fehlschuss Den Ball von Hoeneß suchen sie noch heute

imago0011259877h.jpg

In den Himmel über Belgrad.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Das Finale der EM 1976 zwischen der CSSR und der deutschen Nationalmannschaft hat eine bis heute unvergessene Szene erlebt. Uli Hoeneß ballerte damals im Elfmeterschießen die Kugel übers Tor. Legendär. Und immer noch Anlass für Hohn und Spott.

Wir schreiben das Jahr 2019 - und der Twitteraccount des "Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt" postet folgende Nachricht: "Der Meteorit, der während der Mondfinsternis auf dem Mond eingeschlagen ist, hat wohl die Größe eines Fußballs gehabt. Wir können allerdings noch nicht abschließend bestätigen, dass es sich um den Elfmeter von Uli Hoeneß aus Belgrad gehandelt hat."

Wenn irgendwann einmal das beliebte Wort "legendär" zu Recht verwendet wurde, dann in diesem ganz speziellen Zusammenhang. Denn der Tweet der Luft- und Raumfahrer spielte auf eine legendäre Szene an, die mittlerweile 45 Jahre zurückliegt. Und dennoch dürften fast alle Fußballanhänger den historischen Wink verstanden haben.

ANZEIGE
Das neue Buch der Fußballsprüche
19,90 €
Zum Angebot

Am Morgen nach seinem unvergessenen Elfmeter von Belgrad im Finale der EM 1976 gegen die CSSR hatte Uli Hoeneß noch gehofft, dass sein Fehlschuss irgendwann einmal in Vergessenheit geraten könnte: "Nun muss ich mich aber wohl nicht hundert Jahre lang mit Vorwürfen plagen?!" Doch da hat er sich geirrt.

Auch sein Mannschaftskamerad Franz Beckenbauer, der noch direkt nach dem denkwürdigen Ereignis sehr gnädig mit Hoeneß umgegangen war, wie wir im weiteren Verlauf lesen werden, ließ in späteren Jahren keine Gelegenheit aus, den langjährigen Manager des FC Bayern mit seinem Fauxpas aufzuziehen: "Den Ball suchen sie auf dem Balkan immer noch!"

Was viele nicht mehr wissen: Der Fehlschuss im Elfmeterschießen gegen die CSSR hatte eine lange Vorgeschichte - und die war äußerst kräftezehrend. Denn schon zum Zeitpunkt, als sich die Nationalspieler zum Halbfinale gegen den Gastgeber Jugoslawien trafen, lief die DFB-Elf nach einer intensiven Saison bereits auf dem Zahnfleisch. Zahlreiche Kicker musste Bundestrainer Helmut Schön sogar komplett schonen, weil sie am Ende ihrer Kräfte waren. Und erst dann kamen die beiden EM-Spiele von Belgrad.

Ein Debütant rettet das Finale

Im Halbfinale wurde die deutsche Mannschaft von den Jugoslawen in den ersten 45 Minuten quasi überrollt. 2:0 stand es zur Pause - und das war nicht nur schmeichelhaft, sondern auch fast schon unfair. Auch der damalige Assistenztrainer der Nationalmannschaft, Jupp Derwall, wusste das - und schöpfte trotzdem noch Hoffnung: "Wenn wir jetzt schon ein Debakel erlebt hätten, wir dürften uns nicht beklagen. Dennoch sehe ich noch eine Chance: Die Jugoslawen können dieses Tempo nicht durchstehen."

Die anwesenden Journalisten konnten zu diesem Zeitpunkt jedoch noch keinen klaren Gedanken fassen. Geoffrey Greene vom "Daily Telegraph" bewegte sich in der Pause keinen Zentimeter von seinem Platz weg. Ungläubig schüttelte er immer wieder seinen Kopf und grinste selig: "Heute möchte ich keine Zeile schreiben. Nur sitzen, gucken und staunen möchte ich, was der Fußball vermag."

ANZEIGE
Zwischen Puff und Barcelona: Bens beste Fußball-Kolumnen
14,90 €
Zum Angebot

Und der Fußball vermochte tatsächlich noch viel mehr. Denn die deutsche Elf kam wie verwandelt aus den Katakomben zurück aufs Spielfeld. Doch nachdem Heinz Flohe in der 64. Minute zum 1:2 verkürzt hatte, ging lange Zeit nichts mehr. Bis ein Debütant den grünen Rasen betrat.

Dieter Müller, der 22-jährige Stürmer des 1. FC Köln, hatte genau ein Jahr zuvor noch fast seine Karriere beenden müssen. Eine nasse Rippenfellentzündung führte zu seiner Einweisung in ein Sanatorium. Niemand rechnete ernsthaft damit, dass Müller noch einmal zurückkehren würde. Doch er tat es - und wie!

Nur wenige Sekunden nach seiner Einwechslung schoss der Kölner in seinem ersten Spiel mit der ersten Ballberührung sofort sein erstes Tor. Die jugoslawische Zeitung "Borba" schrieb am nächsten Tag - in Gedenken an Dieters Namensvetter Gerd - immer noch erstaunt: "Ein Müller ist gegangen, ein anderer gekommen. Als ob ein Zauberer aus dem Zylinder ein Kaninchen hervorzieht."

Die Demonstration der Kraft

Und auch der deutsche TV-Kommentator Rolf Kramer konnte sich kaum beruhigen. Für seine Verhältnisse fast schon ausgelassen euphorisch rief er kurz und knapp in sein Mikrofon: "Welch ein Einstand!" Und der wurde noch viel besser. Denn Dieter Müller schoss auch die beiden nächsten Tore zum 2:4-Endstand nach Verlängerung. Branko Oblak, zu diesem Zeitpunkt in Diensten des FC Schalke 04, meinte hinterher: "Das Herz wollte noch, die Lunge konnte noch. Doch die Beine waren schwer wie Blei."

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Es war tatsächlich alles so gekommen, wie Derwall es zur Pause vermutet hatte. "Unsere Jugoslawen schliefen in der zweiten Halbzeit im Laufen", schrieb am nächsten Morgen die "Prace". Die Niederlage nach dieser furiosen ersten Halbzeit schlug den Jugoslawen sehr aufs Gemüt.

Miljan Miljanić, der ehemalige jugoslawische Nationaltrainer und damalige Coach von Real Madrid, kritisierte seine Landsleute scharf: "Wir haben uns selbst besiegt. Erst wollten wir den Gegner lächerlich machen, wurden nicht nur leichtfertig, sondern geradezu überheblich, dann begingen wir taktisches Harakiri, und schließlich reichte unsere Kraft nicht aus."

Doch genau diese "Kraft" war es schließlich auch, die am Ende das Finale von Belgrad zugunsten der CSSR entscheiden sollte. Auch die Tschechoslowaken führten gegen die deutsche Elf schnell wieder mit 2:0. Anschließend entwickelte sich eine Klassepartie auf hohem Niveau. Die Belgrader Fachzeitung "Sport" war auch am Tag danach noch immer begeistert: "Eine derartige Demonstration modernen Fußballs hat das Stadion Roter Stern noch nicht gesehen."

Weit, aber auch nicht so weit drüber

Es ging rauf und runter - und dennoch sah die CSSR bis wenige Sekunden vor Schluss der Begegnung wie der sichere Sieger aus. Doch die allerletzte Ecke in der regulären Zeit brachte schließlich die Erlösung für die deutsche Elf. Frankfurts Bernd Hölzenbein stieg am höchsten in die Luft und köpfte zum späten 2:2-Ausgleich ein. Und da es auch nach 120 Minuten noch so stand, musste auch das Finale wieder im Elfmeterschießen entschieden werden.

Nachdem vier Spieler der CSSR und Rainer Bonhof, Heinz Flohe und Hannes Bongartz für Deutschland getroffen hatten, war schließlich Uli Hoeneß an der Reihe. "Ich war mir unheimlich sicher, das Ding zu machen, doch mir fehlte die Kraft, deshalb wollte ich es mit Gewalt versuchen", meinte er einmal - und ein anderes Mal schilderte er die legendäre Szene so: "Ich lief an wie in Trance und schoss, ohne auf den Torwart zu blicken. Ich schaute dem Ball nach, sah ihn immer höher steigen. Wie eine Rakete sauste er Richtung Wolken."

Mehr zum Thema

Wie eine "Rakete". Vielleicht auch deshalb kam 43 Jahre später das "Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt" auf diesen Tweet. Denn eigentlich schoss Hoeneß zwar weit über den Kasten der CSSR, doch bei weitem nicht so hoch, wie viele Witze es im Nachhinein vermuten lassen. Auch deshalb meinte Franz Beckenbauer, der an diesem Tag sein 100. Spiel im Dress des DFB absolvierte, direkt nach Partie tröstend: "So etwas hätte mir auch passieren können."

Übrigens: Der Fehlschuss von Uli Hoeneß war zwar insbesondere für ihn nicht schön, aber er hatte nie solch gravierende Folgen, wie sie dem letzten Schützen der CSSR, Antonin Panenka, im Falle eines Scheiterns geblüht hätte: "Ich wusste damals, dass unsere kommunistische Regierung bei einem Fehlschuss gedacht hätte, es wäre ein politisches Statement von mir gewesen. Dann wäre ich wohl in einer Uranmine geendet."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.