Wirtschaft

Kinos wollen "echte Perspektive" Cinemaxx-Gründer: "Filme werden verramscht"

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Im vergangenen Jahr haben deutsche Kinos rund 38,1 Millionen Tickets verkauft - etwa 80,5 Millionen weniger als noch ein Jahr zuvor.

(Foto: picture alliance/dpa)

Gamer ziehen in leere Filmtheater ein, Popcorn wird außer Haus verkauft, in Großbritannien wird ein Kino gar zum Impfzentrum: Die Branche kämpft in der Corona-Krise verzweifelt ums Überleben. Filme brauchen eine Leinwand und keine Streamingdienste, sagt Cinemaxx-Gründer Flebbe ntv.de.

Das Pandemiejahr 2020 war dramatisch für Kinobetreiber, und dieses Jahr sieht bislang nicht besser aus. Filmtheater genießen in Lockerungsszenarien in der Pandemie keine hohe Priorität, wie ein neuer Berliner Entwurf zeigt, der an die Öffentlichkeit gedrungen ist: In dem stufenweisen Öffnungsszenario der Hauptstadt sollen Kinos erst nach Kindersport, Musikschulen, Bibliotheken, Museen, Gedenkstätten und Einzelhandel an die Reihe kommen.

"Die Branche ist in den Grundfesten erschüttert", sagt Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe ntv.de. Und das gilt nicht nur für Deutschland. Je länger der Zustand andauert, desto erfinderischer werden Kinobetreiber weltweit, um das Corona-Koma überhaupt zu überleben und eine Chance auf Wiedereröffnung zu haben.

So schlägt in der Pandemie zum Beispiel die Stunde der Gamer. Zocker erobern leere Lichtspielhäuser. In Südkorea sitzen sie zu viert in den leeren Auditorien der größten Kette CGV und erfreuen sich an der ausgezeichneten Klang- und Bildqualität der Kinos. Umgerechnet 90 US-Dollar zahlen sie dafür, später am Abend sind es 235 Dollar. Auch die US-Gruppe Malco Theatres hat entschieden, ihre Säle Gamern anzubieten - hier sind bis zu 20 Personen erlaubt. Andere Kinos wiederum verkaufen Popcorn außer Haus. In Großbritannien wurde ein Kino gar vorübergehend in ein Impfzentrum umgewandelt.

Es sind verzweifelte Aktionen, mit denen Kinobetreiber versuchen, sich über Wasser zu halten. Der weltweite Ticketverkauf sank laut dem Fachmagazin Variety im Jahr 2020 um 71 Prozent auf 12,4 Milliarden US-Dollar (2019: 42,4 Milliarden US-Dollar). Es sind Verluste, die nicht mehr aufzuholen sind.

Der Versuch, Gamer als zahlendes Publikum zu gewinnen, sei nicht neu, sagt Flebbe ntv.de. Aber zur Rentabiliät trage es wenig bei. "Bei aller Freude über zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel das Gaming im Kinosaal oder den Außer-Haus-Verkauf von Popcorn. Diese Entwicklungen werden den Bestand der Kinos nicht retten."

"Kino-Branche hängt am Tropf"

Die Branche müsste weiter als "Bauernopfer" herhalten, obwohl sie nie als Infektionsherd in Erscheinung getreten sei, klagt er. "Wir hängen am Tropf. Wir kämpfen Tag für Tag um Entschädigungen, die entgegen aller vollmundigen Versprechungen aus der Bundespolitik nicht bei uns ankommen", sagt Flebbe, der 2008 nach einem Streit aus der Cinemaxx-Gruppe ausgeschieden und seitdem sogenannte Premium-Kinos in Hannover, Braunschweig, Hamburg, Berlin, Köln, München und Frankfurt betreibt. Den Verlust seiner eigenen Kinos durch die Pandemie beziffert er mit 8 Millionen Euro bis zum Spätherbst. Aus dem Corona-Konjunkturpaket habe er nur etwa 48.000 Euro erhalten.

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Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe ist 2008 aus der Gruppe ausgeschieden und führt seitdem sogenannte Premium-Kinos in Deutschland.

(Foto: imago stock&people)

Dass die Filmverleiher immer häufiger Filme, "die eigentlich auf unseren Leinwänden laufen müssten", direkt in die Streamingdienste geben würden, treffe die Branche ins Mark. Um dem "Verramschen unserer wertvollsten Ware zu begegnen, ist es zwingend notwendig, dass wir schnellstmöglich eine echte Perspektive für eine Wiedereröffnung bekommen".

Die jedoch lässt weiter auf sich warten. Im Nachbarland Polen, wo die 7-Tage-Inzidenz höher liegt als in Deutschland, haben die Kinos derweil ihre Türen wieder geöffnet. Es gilt eine "Ein-Platz-bleibt-frei-Abstandsregel", die die deutschen Kinobetreiber ebenfalls im Sommer angeboten hatten. Die Kinos in New York dürfen am 5. März mit einer Auslastung von 25 Prozent und einer Obergrenze von maximal 50 Zuschauern vor einer Leinwand wieder starten. In den USA steht Kinoketten wie AMC Entertainment Holdings das Wasser bis zum Hals. Auch dort haben die großen Studios Walt Disney und Warner Bros beschlossen, Filme direkt auf Online-Streaming-Plattformen zu veröffentlichen. AMC erhielt im Dezember eine Geldspritze von 917 Millionen US-Dollar.

"Kino ist und bleibt die schönste Form von Bewegtbild-Gemeinschaftserlebnissen", so Flebbe. Dies zu beweisen, "und unseren Gästen wieder die Möglichkeit zu bieten, einen unbeschwerten, sicheren Abend außerhalb der eigenen vier Wände verbringen zu können", sei der Anspruch. "Wir wollen wieder attraktive Filme zeigen, Live-Übertragungen von Opern und Konzerten. Und wir möchten unsere Säle zudem auch wieder Schulen und Unternehmen anbieten, um mit Abstand und toller Technik sicheren Unterricht sowie Schulungen und Veranstaltungen zu ermöglichen." Bis dahin könnten jedoch noch Monate vergehen.

Quelle: ntv.de, ddi