Wirtschaft

Deutsche Geschäfte mit Riad "Der Boykott bleibt rein kosmetisch"

Wüstengipfel.jpg

Trotz einer langen Liste von Absagen sind die Plätze auf dem Wüstengipfel in Riad besetzt.

(Foto: REUTERS)

Nach dem Mord an Jamal Khashoggi herrsche in Riad eine "Wagenburgmentalität", meint Saudi-Arabien-Experte Sebastian Sons. Trotz der Absagen ihrer Manager beim Investorengipfel mache die deutsche Wirtschaft weiter munter Geschäfte.

n-tv.de: Sie sind gerade aus Riad zurück. Wie ist die Stimmung in Saudi-Arabien nach dem Tod Jamal Khashoggis?

Sebastian Sons: Viele Menschen aus der Zivilgesellschaft sind bestürzt und beschämt. Es ist nicht Teil der saudischen Kultur, einen Menschen in einer Institution wie einem Konsulat, das eigentlich Schutz bieten soll, kaltblütig zu ermorden. Ich habe auch mit einigen saudischen Unternehmern und internationalen Vertretern gesprochen, die auf der Investmentkonferenz in Riad waren. Bei ihnen herrscht eine gewisse Anspannung. Sie sind natürlich besorgt, dass das saudische Reformprogramm, mit dem das Land bis 2030 modernisiert werden soll, von dem Fall Kashogghi beeinträchtigt wird.

Viele deutsche Manager hatten ihren Besuch auf dem Wirtschaftsgipfel in Riad ja abgesagt. Die Stimmung scheint das - angesichts der dort abgewickelten Geschäfte - aber nicht getrübt zu haben, oder?

Saudi-Arabien hat auf der Investmentkonferenz weiter versucht, sein neues Image als offenes, wirtschaftlich liberales und modernes Land zu präsentieren. Riad wollte demonstrieren, dass man um das Land nicht mehr herumkommt, wenn man im Nahen Osten Geschäfte machen will. Die Absagen aus Deutschland waren zwar ein herber Dämpfer. Trotzdem war mein Eindruck, dass insbesondere auch der Auftritt von Kronprinz Mohammed bin Salman bei den Anwesenden euphorisch aufgenommen wurde.

Die Wirtschaftselite beklatscht den Mann, der von dem Mord an dem Regimekritiker angeblich nichts gewusst haben will. Wie erklären Sie sich das?

Unabhängig vom Fall Khashoggi fühlen sich die Saudis vom Westen ungerecht behandelt. Auf der Investorenkonferenz herrschte gewissermaßen eine Wagenburgmentalität, die man in Saudi-Arabien, aber auch im Kreis der saudischen Partner zu verbreiten versucht hat: Wir halten zusammen, wenn westliche Investoren und Politiker uns zu schwächen versuchen. Dafür stand symbolisch, dass der saudische Kronprinz demonstrativ neben dem libanesischen Premierminister Saad Hariri auf der Bühne saß. Saudi-Arabien wird vorgeworfen, ihn im vergangenen Jahr unter Hausarrest gestellt und zum Rücktritt gezwungen zu haben. Ob das der Wahrheit entspricht, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Haben westliche Unternehmen Saudi-Arabien in der Vergangenheit tatsächlich geschwächt?

Nein, es ist nicht mein Eindruck gewesen, dass sich Saudi-Arabien hätte im Stich gelassen fühlen müssen von westlichen Partnern. In der Vergangenheit war Riad als Öllieferant und Absatzmarkt ein attraktiver Partner. Durch die eingeleitete wirtschaftliche Modernisierung der letzten Jahre, die auch ausländischen Investoren entgegenkommt, hat sich das in den letzten Jahren sogar noch verstärkt.

Und deutsche Wirtschaftsvertreter haben nun das Nachsehen, weil sie nicht auf der Konferenz waren und die Saudis andere Geschäftspartner gefunden haben?

Sicherlich hat Deutschland in den letzten Jahren ein wenig an Boden in Saudi-Arabien verloren, etwa im Vergleich zu Partnern aus Asien. Südkorea und China sind sehr aktiv. Es nutzt deutschen Unternehmen nicht, dass sie nicht auf der Investorenkonferenz waren. Ich glaube aber auch nicht, dass es ihnen langfristig schaden wird. Von saudischer Seite ist klar: Wenn die Deutschen das bessere Angebot und die besseren Produkte haben, werden sie unabhängig von der politischen Situation mit deutschen Unternehmen weiterhin Geschäfte machen.

Wieso waren sie im Vorfeld dann so zögerlich mit ihren Absagen?

Ich glaube, viele haben abgewartet, wie sich die politische Diskussion im Fall Khashoggi entwickelt. Im Vorfeld hatten sie nicht mit einer solchen Protest- und Empörungswelle gerechnet, die insbesondere in Deutschland sehr stark war. Auch für Unternehmen wie Siemens wäre es schlichtweg auf dem deutschen Markt untragbar gewesen, wenn sie die Konferenz besucht hätten.

War es also richtig, dass deutsche Vertreter den Wüsten-Gipfel boykottiert haben?

Ich glaube, die Frage ist nicht, ob es richtig ist, sondern ob sie es in Zukunft tatsächlich anders machen. Wenn man erst ein Signal setzt, dass man zur Konferenz nicht fährt, danach aber sofort zur Normalität und zum "Business as usual" zurückkehrt, hat das kaum eine Wirkung. Wenn man es nicht endlich schafft, eine Strategie zu entwickeln, wie man mit diesem Land langfristig umgehen möchte, dann bleibt der Boykott eine kosmetische Maßnahme.

Laut Insidern wird Siemens angeblich einen milliardenschweren Kraftwerk-Deal nun einfach später abschließen. Also war alles nur Schein?

Ich gehe davon aus, dass man natürlich in naher Zukunft auch Deals oder sogar schon längst ausgemachte Abkommen abschließen wird. Ich kann mir momentan nicht vorstellen, dass politische Interessen so wesentlich sind, dass die deutsche Wirtschaft auf Milliarden-Geschäfte verzichtet.

Wie kann man dann rote Linien für die Saudis ziehen? Vielleicht mit einem Stopp der Waffenlieferungen?

Ich glaube, die rote Linie ist nicht erst mit dem Fall Khashoggi überschritten worden. Sondern schon viel früher mit dem Jemen-Krieg. Ein Waffenembargo wäre richtig: Ich bin ein klarer Gegner von Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien und in andere Länder der Region.

Ein EU-weites Waffenembargo wird bereits diskutiert, auch die Bundesregierung ist dafür. Würde das helfen?

Möglicherweise zieht Deutschland einen Lieferstopp auch im Alleingang durch. Dass das aber tatsächlich Einfluss auf die saudische Politik hätte, halte ich für vermessen. Denn wenn man sich die Zahlen anschaut, dann sind die Waffenlieferungen finanziell wichtiger für Deutschland als für Saudi-Arabien. Dort herrscht die Stimmung vor: Wenn Deutschland aus politischen Bedenken davon absieht, uns Waffen zu liefern, dann sollen sie es eben sein lassen. Wir haben genügend Alternativen.

Was hilft dann überhaupt, um Eindruck auf die Saudis zu machen?

Dass Druck auf politischer und wirtschaftlicher Ebene ausgeübt werden muss, ist klar. Ich bezweifle aber, dass wirtschaftlicher Druck allein aus Deutschland reicht. Für Saudi Arabien ist der wichtigste Partner in Politik und Wirtschaft Washington. Solange die Saudis mit den USA ihre Geschäfte und Beziehungen wie bisher fortsetzen, ist es für sie irrelevant, was gerade in Europa oder Deutschland passiert.

Das Gespräch mit Sebastian Sons von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) führte Nikola Endlich

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema