Wirtschaft

Energieagentur macht Druck Erpresst Russland Europa mit seinem Gas?

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Die Rohre sind verlegt. Russland drängt darauf, dass möglichst bald auch Gas durch Nord Stream 2 fließt.

(Foto: REUTERS)

Der Kreml und sein Gaskonzern Gazprom stehen unter Verdacht, Europa absichtlich zu wenig Erdgas zu liefern. Laut Internationaler Energieagentur könnte Russland diesen Vorwurf einfach entkräften.

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat Russland aufgefordert, mehr Erdgas nach Europa zu liefern, um dort die aktuelle Knappheit und die damit einhergehende Preisexplosion abzufedern. Das sei für Russland auch "eine Möglichkeit, seinen Ruf als zuverlässiger Lieferant für den europäischen Markt zu unterstreichen", teilte die Agentur mit. Dieser Ruf hat zuletzt deutliche Kratzer bekommen. Politiker hatten der russischen Regierung und dem staatlichen Gaskonzern Gazprom unterstellt, Europa bewusst weniger Gas als für ein Auffüllen der ungewöhnlich leeren Gaslager benötigt zu liefern.

In einem Schreiben an die EU-Kommission stellte eine Gruppe von Europaabgeordneten etwa die These auf, "dass der Rekordanstieg der Erdgaspreise in Europa in den letzten Wochen ein direktes Ergebnis der bewussten Marktmanipulation und der Maßnahmen von Gazprom sein könnte". Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer fürchtet, dass Deutschland im Winter "in eine Situation mit Erpressungspotenzial" rutsche. Dem "Handelsblatt" sagte Krischer: "Gazprom und Putin haben die Gaslieferungen in Richtung Westen gekürzt, um die unnötige Pipeline Nord Stream schneller und an den europäischen Spielregeln vorbei in Betrieb zu nehmen."

Zuletzt hatte die Nachricht den Großhandelspreis für Gas weiter angeheizt, dass Gazprom für den Monat Oktober trotz der großen Nachfrage und Rekordpreise nur ein Drittel des angebotenen Pipelinevolumens für den Transit durch die Ukraine nach Westen gebucht hat. Zudem befeuerten Äußerungen von Gazprom- und Regierungsvertretern in Moskau den Verdacht, dass Russland bewusst Gas über die bisherigen Lieferwege nach Europa zurückhalte, um eine schnelle Inbetriebnahme und Auslastung der umstrittenen Pipeline Nord Stream 2 zu erzwingen. Der Sprecher von Präsident Wladimir Putin hatte Journalisten in der vergangenen Woche gesagt, Nord Stream 2 könne den Preismechanismus für Erdgas in Europa wieder "deutlich ausbalancieren", vorausgesetzt, Deutschland schließe die Genehmigung der Pipeline schnell ab.

Gazprom-Speicher nahezu leer

Zwar hat Gazprom in den vergangenen Monaten weniger Gas geliefert als in den Jahren vor der Corona-Krise. Russland und seine deutschen Geschäftspartner betonen jedoch, dass der Exporteur seine vertraglichen Pflichten eingehalten habe. Russisches Pipelinegas sei aktuell sogar günstiger als Gas auf dem Spotmarkt, sagte der Vorstandschef des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Oliver Hermes. "Dies schirmt Europa ein Stück weit gegen die hohen Weltmarktpreise ab." Es würde laut Hermes "aber zur Beruhigung der Marktsituation beitragen", wenn Gazprom zusätzliche Liefermengen anböte.

Berichte darüber, dass Europas größter Erdgasspeicher, den eine Gazprom-Tochter in Niedersachsen betreibt, über den Sommer offenbar überhaupt nicht aufgefüllt wurde, konterte das Unternehmen mit dem Hinweis, dass die Einlagerung dort gemäß der deutschen Gaskunden erfolge. In den vergangenen Jahren war der Speicher Ende des Sommers zu knapp 90 Prozent gefüllt. Derzeit sind es nur 5 Prozent.

Der Großhandelspreis für Erdgas an Europas wichtigstem Handelspunkt in Amsterdam hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdreifacht. In Großbritannien mussten bereits energieintensive Düngemittelwerke schließen. Erste Gasversorger, die sich nicht gegen steigende Preise abgesicherte hatten, haben Insolvenz angemeldet. Auch in Europa erhöhen zahlreiche Gasanbieter die Preise. Neben Gas haben sich auch Energieträger wie Kohle und Öl deutlich verteuert.

Als eine der Ursachen des Preisanstiegs gelten die nach dem vergangenen, langen und kalten Winter weitgehend leeren Gasspeicher in ganz Europa. Diese wurden bislang nur teilweise wieder aufgefüllt, da nicht nur aus Russland nicht die erwartete Menge geliefert wurde, sondern auch die europäische Gasproduktion wegen technischer Ausfälle hinter dem Volumen der Vorjahre zurückblieb. Zudem sorgte die anziehende Konjunktur für eine erhöhte Energienachfrage vor allem auch in Asien. Das wiederum schlägt sich in einer gestiegenen Nachfrage und hohen Preisen für per Schiff geliefertem Flüssiggas nieder. Ein weiterer Faktor ist eine wetterbedingt unterdurchschnittliche Wind- und Solarstromerzeugung in den vergangenen Monaten in Europa. Dadurch stieg der Bedarf an fossilen Energieträgern, was gleichzeitig den Preis von CO2-Emissionszertifikaten in die Höhe trieb.

Quelle: ntv.de

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