Wirtschaft

1,7 Millionen betroffene Kunden Gaspreis zwingt britische Versorger in die Knie

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Das Problem: Die Energiepreise sind in Großbritannien gesetzlich gedeckelt, deshalb können die Unternehmen die Preiserhöhungen nicht in beliebiger Höhe an die Verbraucher weitergeben.

(Foto: picture alliance / empics)

Rasant steigende Energiepreise in Großbritannien lassen reihenweise heimische Versorger kollabieren. Weitere 230.000 britische Haushalte müssen den Lieferanten wechseln. Die können die Neukunden jedoch gerade gar nicht gebrauchen. Politische Entscheidungen der vergangenen Jahre rächen sich.

Die Pleitewelle auf dem britischen Energiemarkt rollt weiter. Am Mittwoch gaben mit Igloo Energy Supply, Enstroga und Symbio Energy drei weitere Gasversorger ihren Zusammenbruch bekannt. Betroffen von der Pleite sind insgesamt 233.000 Haushalte. Seit Anfang August mussten damit bereits zehn Versorger ihre Gaslieferungen einstellen und über 1,7 Millionen Kunden bekamen den Energieschock auf der Insel heftig am eigenen Leib zu spüren.

Letztere können sich zwar damit trösten, dass die Regulierungsbehörde ihnen automatisch einen neuen Versorger zuweist. Für die Branche macht es die Schieflage, in die sie durch die Gaspreisexplosion geraten ist, allerdings nur noch schwieriger. Denn je mehr Versorger wegfallen, desto größer ist der Druck auf die verbliebenen.

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(Foto: Ice Futures Europe)

Wer Kunden von Pleitekandidaten übernimmt, muss Gas teuer auf dem Spotmarkt dazukaufen, was diesen Versorger dann auch in Bedrängnis bringen kann. Ein klassischer Dominoeffekt. "Der gegenwärtige extreme Preisschock, den wir erleben, ist einer, mit dem nur wenige, wenn überhaupt, gerechnet haben", heißt es in einer Presseerklärung von Igloo. "Unglaublich hohe Gaspreise" hätten einen Endkundenmarkt geschaffen, der nicht mehr nachhaltig sei, schreibt das Unternehmen, das etwa 179.000 Kunden zählt.

Der Höhenflug des Gaspreises geht derweil unaufhörlich weiter. Am Mittwoch stiegen die Gaspreise in Großbritannien um zehn Prozent und damit auf einen neuen Rekordstand. Der September war für das Land der teuerste Monat für Strompreise seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2010. Besonders problematisch für Großbritannien: Die Preissprünge sind wegen des EU-Austritts sogar noch größer als die innerhalb der Europäischen Union.

Geplant war das anders: Eigentlich wollte Großbritannien nach dem Brexit von günstigeren Strompreisen profitieren. Diese Rechnung geht nicht auf. Während die EU-Länder weiter von einer Harmonisierung der Preise bei grenzübergreifend gehandeltem Strom innerhalb Europas profitieren, muss das Land nun selber sehen, wie es zurechtkommt.

Den Briten, von denen mehr als drei Viertel mit Gas heizen, stehen noch harte Monate bevor. Die kalte Jahreszeit wird die Preise zusätzlich anfachen. Vielen der jetzt knapp zwei Millionen Betroffenen, die ihren Lieferanten verloren haben, dürften die Worte ihres Premiers Boris Johnson vom Mai 2016 in den Ohren klingen, als er versprach: "Die Kraftstoffkosten werden (nach dem EU-Austritt) für alle niedriger sein." Auch die Regierung in London dürfte nicht "amused" über die Lage sein.

Der Rattenschwanz politischer Entscheidungen

Sowohl die britische Regulierungsbehörde Ofgem als auch Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng rechnen damit, dass die Zahl der Pleiten im Winter zunehmen wird. Bei Bedarf erwägt die Regierung einen Sonderverwalter zu ernennen. Staatshilfen sind bislang kein Thema. Letztlich wird London die Zeche wohl dennoch zahlen müssen.

Nicht nur die bevorstehende kältere Jahreszeit bereitet der Branche Sorgen. Schon im Sommer war die Nachfrage hoch, unter anderem weil alte Akw vom Netz genommen wurden und die Windenergie unter einer ungewohnten Flaute litt. Im Unterschied zu anderen Ländern ist Großbritannien Netto-Energieimporteur. Weil sich die Regierung 2019 gegen einen Neubau von Lagerkapazitäten entschied und sich lieber auf die Kapazitäten der EU verließ, kann sie nur sparsame zwei Prozent Gas bevorraten. Die Tatsache, dass der britische Energiemarkt fragmentiert wurde - es gibt insgesamt 70, darunter viele kleinere Gaslieferanten - droht die Lage zusätzlich zu verschlimmern.

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Wie sich zeigt, rächen sich auch andere Entscheidungen aus den vergangenen Jahren. So auch die der Regulierungsbehörde aus dem Jahr 2014, die Preise zu deckeln. Egal wie hoch der Preisdruck ist, die Versorger können die hohen Einkaufspreise nicht einfach an ihre Kunden weitergeben. Zwar passt die Behörde sie zweimal im Jahr an, aber die neue Obergrenze, die im August bei 12 Prozent festgezurrt wurde, war für viele Versorger zu wenig, um rentabel wirtschaften zu können.

Mittlerweile haben die steigenden Energiepreise in Großbritannien eine dramatische Kettenreaktion in Gang gesetzt, die zu zahlreichen Engpässen geführt hat. So ist zum Beispiel Kohlensäure für Getränke und den Konservierungsprozess von Fleisch knapp geworden. Zumindest hier gibt es jedoch einen Lichtblick: Manche Briten mögen an diesem Weihnachten zwar frieren, weil sie sich das Heizen nicht mehr leisten können, aber der Truthahn ist gesichert. Dafür hat die britische Regierung gesorgt. Den Düngemitteherstellern des Landes, die als Abfallprodukt Kohlensäure produzieren, sagte sie Hilfen zu. Wegen der hohen Energiepreise hatten große Hersteller den Betrieb zwischenzeitlich gestoppt.

Quelle: ntv.de

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