Wirtschaft

Wie schlimm wird der Winter? Was Sie zum Energie-Preisschock wissen müssen

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Europas Gaspreise sind ums Dreifache in die Höhe gesprungen. Aber auch andere Energieformen sind teurer geworden.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Europas Gasspeicher sind leer, die Nachfrage ist hoch, die Preise schießen in die Höhe. Erste Fabriken stehen still. Krisenszenarien für den kommenden Winter machen die Runde. Wie gefährlich ist die Situation wirklich und wie konnte es dazu kommen? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie ist die aktuelle Lage am Energiemarkt?

Seit Jahresbeginn ist vor allem der Großhandelspreis für Gas drastisch gestiegen. Derzeit liegt er bei etwa 65 Euro pro Megawattstunde, das ist mehr als das Dreifache des langjährigen Durchschnitts von weniger als 20 Euro. Daneben sind auch die Preise für andere Energieträger wie Steinkohle, Öl und auch für Strom stark gestiegen. Allein im vergangenen Monat hat sich der Preis an der Stromhandelsbörse mehr als verdoppelt.

Woran liegt es?

Kurz gefasst: Eine erhöhte Nachfrage trifft auf ein geringes Angebot. Der vergangene Winter war in Europa ungewöhnlich lang und kalt. Im April und Mai 2021, wenn normalerweise die Lager wieder aufgefüllt werden, wurde immer noch Gas entnommen. Bis jetzt sind die Speicher in Deutschland laut dem Verband Initiative Erdgasspeicher nur zu 64 Prozent gefüllt. Normalerweise sind es Ende des Sommers um die 90 Prozent.

Von Europas Hauptlieferant Russland kam in den vergangenen Monaten weniger Gas als in den Jahren vor der Corona-Krise. Einige Politiker werfen Moskau vor, bewusst eine Knappheit im kommenden Winter herbeizuführen, um Europa zu erpressen. Nicht nur die russische Regierung und Gazprom weisen das allerdings zurück. Auch der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft hebt hervor, dass Gazprom seine vertraglichen Verpflichtungen immer erfüllt habe. Daneben ist auch Europas eigene Gasproduktion zurückgegangen, unter anderem wegen coronabedingter Förderausfälle. Auf dem Seeweg geliefertes Flüssiggas etwa aus den USA und den Golfstaaten ist ebenfalls knapp und teuer derzeit unter anderem wegen der anziehenden Konjunktur in Asien.

Gleichzeitig wird in Europa mehr Gas benötigt, unter anderem von der Industrie, die es für energieintensive Prozesse etwa bei der Stahlproduktion braucht. Auch Düngemittel oder Baustoffhersteller nutzen Gas als Energiequelle direkt. Aber auch Kraftwerksbetreiber verbrauchten in den vergangenen Monaten ungewöhnlich viel Gas, denn wetterbedingt fiel die Erzeugung von Wind- und Solarstrom niedriger als in den Vorjahren aus. Weil deshalb nicht nur mehr Gas, sondern auch Stein- und Braunkohle verstromt wurde, stieg der Preis für CO2-Zertifikate stark an. Dieser Mechanismus wirkt wie ein Turbo für die Energiepreise.

Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Für erste Unternehmen bedeutet das bereits das Aus. In Großbritannien, wo sich die Lage noch stärker zugespitzt hat als in Deutschland, haben erste Energieanbieter bereits Insolvenz angemeldet. Ihr Problem: Sie haben mit Verbrauchern Verträge über Gas- und Stromlieferungen zu festen Preisen abgeschlossen, kaufen aber selbst teils am Spotmarkt zu tagesaktuellen Kursen. Ihre extrem gestiegenen Einkaufskosten können sie daher nicht weitergeben. Experten rechnen damit, dass auch einige der rund 1100 Strom- und 900 Gasanbieter in Deutschland die aktuelle Krise nicht überleben werden.

Auch energieintensive Unternehmen wie Hersteller von Düngemitteln, Stahl oder Papier spüren die Kosten. In Großbritannien haben mehrere Düngemittelfabriken ihren Betrieb wegen der hohen Energiekosten eingestellt. Das wiederum führt zu einer Kettenreaktion, da nicht nur Dünger, sondern auch das als Nebenprodukt anfallende CO2 als Industriegas knapp wird. Das wird unter anderem von der Lebensmittelindustrie dringend benötigt.

Viele andere Unternehmen haben sich vorerst durch langfristige Lieferverträge oder sogenanntes Hedging mithilfe von Finanzprodukten gegen kurzfristige Preissteigerungen abgesichert. Das "Handelsblatt" berichtet, dass der Stromkonzern RWE sich frühzeitig mit so vielen CO2-Zertifikaten für seine Braunkohleverstromung eingedeckt habe, dass er an dem heftigen Preisanstieg der Verschmutzungsrechte sogar verdiene. Langfristig warnt die deutsche Industrie allerdings vor massiven Folgen. "Der Preisschock für Gas und Strom entwickelt sich zu einem gravierenden Kostenproblem für die Unternehmen und ihre Wettbewerbsfähigkeit am Produktionsstandort Deutschland", teilt die Organisation Energieintensive Industrien in Deutschland (EID) ntv.de mit.

Was erwartet die Verbraucher?

Bislang hat sich der Preisschock in den Rechnungen der meisten Verbraucher noch nicht voll niedergeschlagen. Das dürfte sich aber bald ändern - nicht nur, weil der Herbst vor der Tür steht. 50 Grundversorger hätten bereits ihre Gaspreise erhöht oder Preiserhöhungen angekündigt, hat das Vergleichsportal Check24 beobachtet. Die Erhöhungen von im Schnitt gut 11 Prozent bedeuten für einen durchschnittlichen deutschen Musterhaushalt zusätzliche Kosten von 172 Euro pro Jahr. Das dürfte nicht das Ende der Entwicklung sein. Verbraucher "müssen diesen Winter mit einer Welle an Gaspreiserhöhungen rechnen", sagte Check24-Geschäftsführer Steffen Suttner.

Der Strompreis für Verbraucher ist bereits auf Rekordhöhe. Erste Versorger haben auch hier weitere Erhöhungen angekündigt. Allerdings dürfen die Deutschen hier auf Entlastung hoffen. Alle relevanten Parteien haben für die nächste Legislaturperiode eine Entlastung der Verbraucher beim Strom durch eine Abschaffung oder Reform der Ökostromumlage angekündigt. Die allein kostet eine Durchschnittsfamilie derzeit laut Check24 387 Euro im Jahr.

Wie schlimm kann die Krise im Winter werden?

Rund ein Viertel der gesamten in Deutschland genutzten Primärenergie wird mit Erdgas erzeugt. Im Winter sind nicht nur Industrieunternehmen, sondern auch 44 Prozent der privaten Haushalte für ihre Heizung vom Gas abhängig. Da die Heizperiode bereits beginnt, ist unwahrscheinlich, dass die Gasspeicher europaweit in den kommenden Monaten gefüllt werden können. Europa hat also weniger Reserven als in den vergangenen Jahren und wird von der laufenden Lieferbereitschaft und -fähigkeit Russlands abhängig sein.

Manche Beobachter beschwören bereits Katastrophenszenarien herauf. Die Investmentbank Goldman Sachs etwa erklärte in einer Analyse, dass Behörden möglicherweise gezwungen sein könnten, im Verlauf des Winters Industriebetriebe zu schließen, um sicherzustellen, dass Haushalte genug Gas zum Heizen haben. Der Beauftragte für Energiesicherheit des US-Außenministeriums, Amos Hochstein, sagte der "Financial Times", dass "Leben auf dem Spiel" stünden, wenn Europa im Winter das Gas ausgehe. Ob es zu einem solchen Krisenszenario kommt, hängt nun tatsächlich weitgehend vom Wohlwollen Russlands und dem Wetter im Verlauf des Winters ab.

Quelle: ntv.de

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