Wirtschaft

Ökonom für Galeria-Zerschlagung "Geschäftsmodell ist so veraltet wie ein Wählscheibentelefon"

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Der Letzte macht das Licht aus.

(Foto: picture alliance/dpa)

In den Augen des Frankfurter Ökonomen Volker Brühl hat der Galeria-Konzern keine Zukunft. Das Geschäftsmodell sei veraltet, die nötige Restrukturierung kaum zu finanzieren und auch die Arbeitsplätze auf Dauer nicht zu halten. Er spricht von einem "Sterben auf Raten".

Volker Brühl zeigt sich erleichtert: "Staatliche Hilfen sind ja jetzt vom Tisch. Die wären auch kaum zu vermitteln", sagt der Wirtschaftswissenschaftler ntv.de. Er kenne keinen Ökonomen, der die Zuwendungen an den Galeria-Konzern als gut investiertes Geld bezeichnen würde.

Mit 680 Millionen Euro hat der deutsche Staat der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof bisher unter die Arme gegriffen. Nun begibt sich die Kette erneut in ein Insolvenzverfahren. In eigener Regie will sie sich sanieren, dem Zangengriff aus steigenden Preisen und sinkender Kauflaune entkommen. Galeria hatte kürzlich einen Antrag auf weitere 250 Millionen Euro an Staatshilfen gestellt. Der ist durch das Insolvenzverfahren erstmal erledigt. Galerias Eigentümer, der Immobilieninvestor René Benko, hat sich bisher mit Investitionen eher zurückgehalten.

Benko würde selbst die Sanierung finanzieren, wenn er an die Zukunft des Warenhauses glauben würde, sagt Volker Brühl, offenbar sei das aber nicht der Fall. Das Geschäftsmodell Warenhaus stecke ja nicht erst seit Corona und der Energiekrise in Schwierigkeiten. Das Konzept sei aus der Zeit gefallen, habe seit Jahrzehnten schon Probleme, so der Ökonom. Galerias Geschäftsmodell sei veraltet wie ein Wählscheibentelefon. "Da muss man auch sagen, schade, dass es die nicht mehr gibt. Aber das ist Nostalgie", so der Geschäftsführer des Center for Financial Studies an der Goethe-Universität Frankfurt.

"Das ist ein Sterben auf Raten"

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Der Wirtschaftswissenschaftler Volker Brühl spricht sich für ein klassisches Insolvenzverfahren aus.

Durch die Gaspreisbremse wird die Warenhauskette in der derzeitigen Krise vom deutschen Staat unterstützt. Das dürfte aber nicht reichen, schätzt Brühl. Galeria müsse für das nötige Sanierungsprogramm ziemlich viel Geld in die Hand nehmen. Brühl sieht René Benkos Signa-Holding als einzig möglichen Geldgeber. Ihr Immobilienportfolio könnte Banken als Sicherheit dienen - so lasse sich eine Restrukturierung möglicherweise finanzieren. Ob Benko das aber wolle, sei eine ganz andere Sache, so Brühl.

Brühl glaubt, dass Benko, wenn überhaupt, nur wenig Geld in den Galeria-Konzern stecken werde. Sonst hätte das Unternehmen ja keinen Insolvenzantrag stellen müssen, argumentiert der Ökonom. Aber auch ein anderer Investor würde in Brühls Augen an der desolaten Lage der Warenhauskette wenig ändern. Das Geschäft habe schlicht keine Zukunftsperspektive: Immer weniger Kunden verteilten sich auf viel zu viel Fläche, so Brühl. Diese Fläche ließe sich aber nicht aufteilen, nicht separat vermieten.

Der Frankfurter Professor geht von 40 bis 50 Galeria-Filialen aus, die übrig bleiben könnten. Um den Rest der momentan noch existierenden 131 Warenhäuser schließen zu können, müsse man aber wahrscheinlich so hohe Abfindungen zahlen, dass das Unterfangen kaum finanzierbar sei. "Das ist eine Fortsetzung des Sterbens auf Raten", sagt Brühl. Zudem hält er die Marke Galeria mittlerweile für eine schwere Belastung: Die schlechte Presse in den letzten Jahren setze sich schließlich auch in den Köpfen der Kunden fest.

Arbeitsplätze nicht zu halten

"Sinnvoller wäre es, individuelle Lösungen für jeden Standort zu erarbeiten", sagt Brühl. Man müsse einzelne Warenhäuser aus der Insolvenz heraus verkaufen. Die könnten dann individuell weiterentwickelt werden von unterschiedlichen Investoren - beispielsweise zu Gesundheitszentren oder Unterhaltungstempeln. Ein Insolvenzverfahren in Eigenregie ist dafür in Brühls Augen aber der falsche Weg. Er plädiert für einen klassischen Insolvenzverwalter, "der möglichst viele Steuergelder rettet". Arbeitsplätze seien bei Galeria auf Dauer ohnehin nicht zu halten.

Insgesamt sind bei der Warenhauskette rund 17.400 Menschen angestellt. Brühl äußert Verständnis für das Bestreben, die Galeria-Beschäftigten zu schützen. Man könne aber ein Unternehmen nicht dauerhaft gegen den Markt sanieren. Der Professor macht sich ohnehin wenig Sorgen, was die Zukunft der Galeria-Belegschaft angeht: "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Einzelhandel haben viele alternative Beschäftigungsmöglichkeiten." Handel, Gastronomie und andere Dienstleister suchten händeringend nach Personal. Nachdem der Tarifvertrag gekündigt wurde, rege die Bezahlung bei Galeria auch nicht mehr wirklich zum Verbleib an.

Das wiederum verschärfe die Probleme der Warenhauskette, sagt Brühl. Man müsse sich nur überlegen, wer den Konzern in der derzeitigen Lage zuerst verlasse: "Das sind die jungen, gut Qualifizierten, die werden sich das nicht länger antun", so Brühl. Das werde die Sanierung zusätzlich erschweren.

Quelle: ntv.de

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