Wirtschaft

Klimawandel verändert Obstanbau Kommen bald Bananen statt Pfirsiche aus Italien?

00:00
Diese Audioversion wurde künstlich generiert. Mehr Infos | Feedback senden
Pfirsiche aus der Emilia-Romagna könnte es in diesem Jahr nicht geben.

Pfirsiche aus der Emilia-Romagna könnte es in diesem Jahr nicht geben.

(Foto: imago images/famveldman)

Das Unwetter in der Emilia-Romagna ist ein verheerender Schlag für Italiens Obstanbau und wird auch Folgen für die deutschen Verbraucher haben. In Süditalien versuchen sich die Landwirte mit anderen Obstsorten gegen die zunehmenden Folgen des Klimwandels zu wappnen.

Der Mailänder Wochenmarkt am Piazza Lagosta gehört zu den beliebtesten der Stadt. Es ist Samstagmorgen und wie immer viel los. Vor manchen Obst- und Gemüseständen sieht man lange Schlangen. Auf den Ständen türmt sich eine bunte Vielfalt. Früher kamen zuerst die Erdbeeren, dann die Kirschen, später die Aprikosen und zuletzt die Pfirsiche und Nektarinen. Jetzt ist alles schon zu haben. Das machen Klimawandel und Globalisierung.

Die Preise sind zumindest zum Teil noch erschwinglich. Und das, obwohl auch diese Sparte hart von der Inflation - die bis 11 Prozent hinaufgeklettert war und jetzt bei 8,2 liegt - und den enorm gestiegenen Energiekosten getroffen wurde. Bei den Aprikosen und Pfirsichen geht es von zwei Euro das Kilogramm aufwärts. Auf Kirschen könnten viele dieses Jahr verzichten, sollte der Preis von jetzt sechs bis sieben Euro das Kilo nicht sinken. Blickt man genauer auf die Preisschilder, sieht man, dass so manches Obst aus Spanien kommt, Italiens größter Konkurrent. Die beiden Länder gelten als die Obst- und Gemüsegärten Europas.

"Das sind die letzten Saisonvorläufer", sagt der aus Algerien kommende Obst- und Gemüsestandbesitzer Hussein. "Mittlerweile kommt viel Obst aus Apulien" und zeigt auf die Aprikosen, Pfirsiche und Nektarinen. "Aus der Region Emilia-Romagna wird dieses Jahr, befürchte ich, aber leider nichts kommen. Was für eine Tragödie."

1,5 Milliarden Euro Schäden allein in der Fruit Valley

Die Emilia-Romagna ist, nach dem süditalienischen Apulien, die zweitgrößte Obst- und Gemüseanbauregion. Und gerade die Gegend der Romagna, die in nicht einmal 14 Tagen zweimal von verheerenden Unwettern heimgesucht wurde, ist auch unter dem Namen Fruit Valley bekannt.

"Die angerichteten Schäden könnten sich auf etliche Jahre erstrecken" erklärt Marco Salvi ntv.de. Er besitzt selbst mehrere große Obstplantagen in dieser Gegend und ist außerdem Vorsitzender des Branchenverbands FruitImprese. Es wird mindestens noch ein paar Wochen dauern, bis das ganze Ausmaß der Schäden beziffert werden kann. Der Nationale Verband der Dirktbauern Coldiretti schreibt in einer Meldung, es könnte sich dabei um weit über 1,5 Milliarden Euro handeln.

Schätzungen zufolge könnten 80.000 Hektar Obst- und Gemüseanbaugebiete verwüstet worden sein. "Wobei das Kernobst die größten Schäden erlitten haben könnte. Für die Wurzeln dieser Bäume ist Wasser besonders tödlich, weil sie ersticken und absterben", fügt Salvi hinzu. Und sollte wirklich nichts mehr zu retten sein, müsste man 15 Millionen Bäume neu pflanzen. Bis diese wieder Früchte tragen, würde es vier bis fünf Jahre dauern.

Der Schaden für die Landwirte ist enorm. Die Regierung hat jetzt als Ersthilfe 170 Millionen Euro bereitgestellt, was natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Hinzu kommt der Schaden für Italiens Obst- und Gemüseproduktion insgesamt. Von der Katastrophe ist nicht nur der Innenmarkt, sondern auch der Export betroffen. "Italien exportierte 2022 Obst- und Gemüse im Wert von 5,3 Milliarden Euro", hebt Salvi hervor. Ohne die Produktion der Emilia-Romagna fällt ein wichtiger Teil weg.

Deutschland ist Italiens wichtigster Obstkunde

Was den Export betrifft, so ist Deutschland Italiens wichtigster Abnehmer von Frischgemüse und Obst. Laut Coldiretti gehen 25 Prozent vom Gesamtexportvolumen dieser zwei Sparten nach Deutschland. Sollten sich die Befürchtungen bestätigen, wird auch der deutsche Verbraucher für mehrere Jahre weniger Pfirsiche, Nektarinen und anderes Frischobst aus Italien auf den Märkten und in den Läden finden.

Aktuell steht die Emilia-Romagna im Fokus der Hilfeleistungen, doch die Obstbranche landesweit leidet schon seit Jahren unter dem Klimawandel. Immer mehr Anbaugebiete werden deswegen brachgelegt. Laut einer Studie, die Coldiretti im Januar veröffentlichte, gab es in den letzten 15 Jahren landesweit bei Nektarinen einen Anbaurückgang von 43 Prozent, bei Tafeltraubenreben von 43 Prozent, bei Birnen von 34 Prozent, bei Aprikosen von 33 Prozent, bei Mandarinen von 20 Prozent und bei Orangen von 16 Prozent. Nur die Kiwis, die vor allem im Latium und der Emilia-Romagna produziert werden, verzeichneten ein Wachstum von 11 Prozent.

Auch die Olivenbäume leiden immer mehr

Es ist aber nicht nur die Obstproduktion, die leidet, auch bei anderen typischen italienischen Agrarprodukten sieht es nicht besser aus. Das tödliche Xylella Bakterium hat vor allem in der apulischen Gegend des Salento zu millionenfachen Abholzungen von Olivenbäumen geführt. Die langen Dürreperioden machen auch diesen mediterranen Bäumen zu schaffen.

Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts ISMEA liegt Italiens Olivenernte 2022/2023 bei 208.000 Tonnen. Das sind 37 Prozent weniger als 2021/2022. Die Lage ist zwar noch nicht so angespannt wie in Spanien, wo man nur noch mit 1,4 Millionen Tonnen rechnet, was ein Minus von 30 Prozent bedeutet, aber immerhin. Nur Griechenland scheint im Moment besser dazustehen. Wenn sich die geschätzte Produktionsmenge von 300.000 Tonnen bestätigt, würde sie höher als die italienische sein.

Die italienischen Landwirte befürchten, dass die Marktlücken, die so entstehen, von anderen europäischen Konkurrenten besetzt werden, und vielleicht auch von Drittstaaten. Außerdem werden die Preise steigen. Und das in einer Zeit, in der die Inflation die Kaufkraft der Leute sowieso schon geschwächt hat.

Mehr zum Thema

Spätfrost, Dürre, Unwetter, all das stellt die Landwirte vor enorme Herausforderungen. Wer kann, versucht sich zu wappnen. "Über die Obsthaine haben die Landwirte der Emilia-Romagna schon Netze gegen Starkhagel gelegt und gegen den Spätfrost hat so mancher schon Wärmeanlagen aufgestellt", sagt Salvi. "Doch auf die Baumwurzeln unter Wasser war niemand vorbereitet", sagt Salvi.

Im Moment wird viel über Wasser-Auffangbecken gegen die Dürre diskutiert, der eine oder andere Landwirt denkt aber auch darüber nach, resistentere Pflanzen anzubauen. In Apulien, Kalabrien und Sizilien werden bereits Bananen, Avocado, Mango, Passionsfrüchte und Goji-Beeren angebaut. Insgesamt erreichen sie eine Fläche von 1200 Hektar. Wer weiß, vielleicht kommen bald weniger Pfirsiche, dafür Bananen aus Italien.

Quelle: ntv.de

Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen