Wirtschaft
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Montag, 27. August 2018

Sexy Kurven sehen anders aus: Müssen Autos immer hässlicher werden?

Von Helmut Becker

Was zeichnet einen Ferrari aus? Das zeitlose Design. Aber muss emissionslos gleich emotionslos bedeuten? Schlägt die Funktionalität Formen und Kurven? Will keiner mehr sinnliche Rundinstrumente? Traurige Zeiten.

"De gustibus non est disputandum" Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Das wussten schon die alten Lateiner. Das, was Schönheit ausmacht, ist keiner generellen Norm unterworfen, bleibt dem Auge des Betrachters überlassen. Schönheit ist nicht skalierbar nach metrischen Normen, lässt sich nicht wiegen, zählen, messen wie Kartoffeln, Entfernungen oder PS. Allerdings gibt es auch im Automobilbau Schönheitsideale, idealistische Vorstellungen von Formen und Farben. Von dem also, was nach dem Auge des Betrachters schön und was hässlich ist. 

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Er war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.
Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Er war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Maßgebend dafür bis zum heutigen Tag ist das kulturelle Erbe aus den Zeiten der Romantik und des Klassizismus. Damals bestimmten in Architektur und Bildhauerei die Formen des klassischen Altertums das Schönheitsideal. Ein geistiger Vater und Schöpfer des heute noch gültigen Schönheitsideals war Johann Joachim Winckelmann (1717-1768). Für ihn war es die höchste Aufgabe der Kunst, die Schönheit darzustellen. Hierfür fand er die Formel "edle Einfalt und stille Größe", welche er dem Verspielten und Überladenen des Barock und Rokoko entgegenstellte.

Es war einmal ein Straßenkreuzer

All das gilt auch für die Formensprache im Automobilbau. Auch in dieser Branche war das Design seit Erfindung des Autos vor rund 130 Jahren unentwegt Veränderungen unterworfen. Meist ausgelöst durch technische Innovationen im Motoren- und Getriebebau, in der Achsen- und Karosserieentwicklung oder durch den Einsatz neuer Materialien und Fügetechniken. Gesetzliche Sicherheits- und Verbrauchsanforderungen hatten ebenfalls einen großen Einfluss auf die Formensprache bei Automobilen, etwa beim Cw-Wert.

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Ganz zu schweigen vom Einzug der Elektronik und der Vielzahl elektronischer Helferlein im Produktionsprozess und im Produkt Automobil selbst, wie zum Beispiel geklebte Frontscheiben. Dadurch wurden Designformen möglich gemacht, die früher eben nicht möglich waren. Kurz: Der technische Fortschritt wirkte auf das Automobildesign zurück und eröffnete den Designern immer neue Gestaltungsmöglichkeiten. Vom fahrbaren Ei bis hin zum Straßenkreuzer mit Haifischflossen - alles war im Autodesign schon mal vorhanden. Bis hin zum fahrbaren Dauerlutscher von heute.

Ferrari 250 Europa GT

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Wie in der Mode bereitet das Aussehen von manchen früheren Automobilen heute nur noch Kopfschütteln wegen deren formalen Entgleisungen und Hässlichkeiten. Allerdings sind viele auch zu wahren Kunstwerken der Formgebung emporgestiegen, zu Liebhaberstücken. Für einen Ferrari 250 Europa GT zum Beispiel, einen der schönsten weltweit gebauten Coupés, sind mehr als zwei Millionen Euro zu zahlen; eine US-amerikanische Variante dieses Fahrzeugs erzielte im letzten Winter sogar einen Preis von 15 Millionen Euro. 

Ob bei Ferrari, BMW oder Daimler, allgemein werden die Vorkriegsmodelle als wesentlich schöner empfunden als die heutigen uniformen Massenmodelle. Nicht ohne Grund sind Liebhaber heute bereit, dafür viel Geld auszugeben, um einen solchen Oldie als Sammlerstück zu erwerben - der kernigen Motortechnik, vor allem aber der reinen Schönheit im Design wegen. Gelegentlich aber auch deswegen, weil diese Exemplare aufgrund der damaligen geringen Stückzahlen heute knapp und mit berechtigten Wertsteigerungserwartungen verbunden sind, nicht unbedingt, weil sie formal als schön empfunden werden.

Von "fahrbaren Dauerlutschern"

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Diese klassizistischen automobilen Designsprachen haben als Schönheitsideale bis heute Gültigkeit und sind in den Augen der Automobilliebhaber die Messlatte für das Design neuer Automobile.  Oder besser gesagt, sollten das Design moderner Automobile bestimmen. Leider sieht die Wirklichkeit anders aus, und es ist zu konstatieren, dass heute im modernen Automobildesign Formensprachen dominieren, die nicht mehr einfach unter der Bezeichnung "anderer Geschmack" abgetan werden können, sondern eher mit stilistischer Kakophonie, Abartigkeiten oder Entgleisungen zu bezeichnen sind. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von "fahrbaren Dauerlutschern von Playmobil" (Georg Kacher) oder "Ziegelsteinen auf Rädern“ (Stefan Mayr).

Streetscooter-Elektrofahrzeuge laufen vom Band in Düren, NRW.
Streetscooter-Elektrofahrzeuge laufen vom Band in Düren, NRW.(Foto: dpa)

Beispiele für solche Design-Ausrutscher finden sich nach deren Meinung quer durch die gesamte heutige internationale Automobilpalette - ob Premium- oder Massenhersteller -, wobei die Hässlichkeiten der rein chinesischen Autohersteller diskret übergangen werden. Da werden neusten Modellen deutscher Nobel-Hersteller "Leuchtgirlanden eines Lincoln aus der Bush-Ära" angehängt; sie werden als "elektronisch aufgepepptes schwäbisches Biedermeier" bezeichnet, andere als "aufgedunsene Serienautos, grobschlächtig und wie mit dem Hackebeil entworfen" oder als "Discount-Straßenmöbel schlichtester Machart" empfunden. Noch härter trifft es die neuesten Automobile japanischer und koreanischer Provenienz mit modernster Hybrid- und Wasserstofftechnik: zwar bei den Emissionen und der Umweltfreundlichkeit als vorbildlich, allerdings von der "Optik her rein zum Fremdschämen" bewertet.

Und die konzeptionelle Innovation eines Streetscooters oder Elektrokleinbusses "Ego Mover" sticht ins Auge des kunstsinnigen Betrachters als schlichter Backstein mit Elektroantrieb.

Heads up! Design out

Stand früher die Form im Vordergrund, gilt heute: Design und Ästhetik werden der technischen Funktion des Vehikels und den gesellschaftlichen Anforderungen vollkommen untergeordnet, haben ausgedient. Klassische Rundinstrumente wie Drehzahlmesser - bei Ferrari immer noch das Mittelstück der Instrumententafel - werden digitalisiert und verschwinden im Touchpad.

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Der Tachometer mutiert zu einem nostalgischen Relikt, Geschwindigkeitsanzeigen werden über Head-up-Display an die Windschutzscheibe projiziert und warnen optisch oder akustisch den Fahrer bei Geschwindigkeitsüberschreitungen.

Wenn dem so ist, muss das Automobildesign immer konformer und hässlicher werden? Gibt es ein "Gesetz der fortschreitenden automobilen Designdestruktion"? Wichtige Aspekte sprechen dafür: Zum einen die Tendenz, dass das Auto nicht mehr als persönlicher Wertgegenstand und Ego-Statussymbol, sondern als ein Konsumgut angesehen wird. Zum andern wirkt der Fluch der Technik. Erhöhte Sicherheitsanforderungen, der Trend zum batteriegestützten Elektroantrieb mit dem Zwang der ständigen Reichweitenkontrolle. Vor allem aber der Trend zur Digitalisierung via Touchpad aller Bedienungs- und Sicherheitsfunktionen. 

Hässlichkeit siegt

Wenn man sich als Käufer eines Automobils nicht mehr mit der Imagewirkung von röhrenden PS, Protz und Prunk schmücken will, und stattdessen niedrige Emissionen, drohende Fahrverbote und der Trend zum fahrbaren, vernetzten Büro die Kauf-Motive bestimmen, tritt das Design in den Hintergrund. Wer also nur ein Auto braucht, um von A nach B zu kommen, und das unspezifisch per App, Taxi oder Carsharing abwickelt, dem ist Design zwangsläufig egal. Dann kann das Auto aussehen, wie es will, Hauptsache, es funktioniert und man kommt mit niedrigen Kosten ans Ziel.

Fazit: Der Trend zu hässlichen Autos ist unaufhaltsam! An die Stelle des Schönheitsideals treten mehr und mehr andere Merkmale wie elektrotechnische Effizienz, Speicherkapazität und Haltbarkeit der Batterien sowie niedrige Produktionskosten. Das hat eine positive und negative Seite: Zum einen freut es die chinesischen Hersteller, denn jetzt haben auch "rollende China-Kracher" eine Weltmarkt-Chance. Negativ ist, dass der Markt für Oldtimer mit jeder neuen Elektroautomobilgeneration schweren Zeiten entgegengeht, denn diese 08/15-E-Mobile sehen uniform aus und werden in hässlichen Mengen produziert. Da kommt keine Sammlerleidenschaft auf. Es sei denn, es entwickelt sich ein Markt für alte Elektroauto-Batterien.

Quelle: n-tv.de